Reserven aufgebraucht

Celler Gastronomie: „Die Verzweiflung ist groß“

Die Gastronomen gehen auf dem Zahnfleisch, die finanziellen Reserven sind aufgebraucht.

  • Von Jürgen Poestges
  • 13. Jan. 2022 | 07:00 Uhr
  • 09. Juni 2022
  • Von Jürgen Poestges
  • 13. Jan. 2022 | 07:00 Uhr
  • 09. Juni 2022
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Celle.

So wie Roger Burkowski geht es allen Gastronomen in Stadt und Landkreis Celle. „Das wollen Sie nicht wirklich wissen“, sagt der Chef des Hotel-Restaurants Heideblüte in Ovelgönnen nicht ohne Sarkasmus, fragt man ihn nach den Umsätzen im vergangenen Jahr. „Nehmen wir nur einmal den Bereich der Weihnachtsfeiern, die immer im November und Dezember stattfinden. Da lagen wir bei 5 Prozent des Umsatzes aus den normalen Jahren.“

"Die Leute sind verunsichert"

Machen könne er vieles, wenn es denn möglich wäre. „Aber die Leute sind halt verunsichert, das kann ich auch alles nachvollziehen“, sagt er. „Wir haben ja alle Interesse daran, alle Maßgaben zu 100 Prozent einzuhalten.“ Es werde aber für seinen Geschmack zu wenig kommuniziert, dass jeder, der geimpft ist, auch ohne Probleme Essen gehen könne. „Es gibt glaube ich keinen Kollegen, der nicht davon Gebrauch macht, seine Kapazitäten im Restaurant auf 70 Prozent zurückzudrehen. Und dann kann jeder auch ohne Test zu uns kommen.“

Zuletzt habe er die Zurückhaltung an Silvester gespürt. „Zu normalen Zeiten haben wir rund 300 Gäste zur Feier, diesen Mal waren es 60. Wir konnten ja kein richtiges Programm anbieten, also haben wir einen eher ruhigen Jahreswechsel gefeiert.“

Auch Personal leidet

Nicht zuletzt leide auch das Personal unter der Situation. „Im Sommer 2019 hatte ich rund 50 Angestellte, derzeit liegen wir bei unter 20.“ Und Burkowski befürchtet, dass das Personal fehlt, wenn es wieder benötigt wird. „Was man niemandem verübeln kann“, sagt er. „Wenn ich auf einmal nur noch mit rund der Hälfte des Gehaltes auskommen muss, dann bin ich gezwungen, mir etwas anderes zu suchen.“ Er versuche zwar, im Rahmen seiner Möglichkeiten seine Angestellten zu unterstützen. „Aber bei allen geht es halt nicht.“

Er hoffe nun, dass es im Frühling wieder bergauf geht. „Wenn es wieder wärmer wird und wir draußen Gäste empfangen können, wird es sich hoffentlich entspannen.“ Mit einer gewissen Normalität rechnet er aber vorläufig noch nicht.

Rückzahlung der Hilfen

Zusätzliche Probleme bereiten ihm und einigen Kollegen die Rückzahlungen der Überbrückungshilfen. „Ich habe einen Kollegen, der hat auch Pferde, die er mit der Unterstützung halten konnte. Wenn er nun das Geld zurückzahlen muss, weiß er nicht, wie es weitergehen soll.“ Allerdings soll der Termin für die Rückzahlung von Februar auf Ende des Jahres verschoben worden sein. „Aber ich glaube trotzdem, dass einige Restaurants nach der Krise schlicht und ergreifend nicht mehr da sein werden.“

Der „Allerblick“ in Winsen und die Dependance in Hohne waren bis gestern aufgrund der Corona-Lage komplett geschlossen. „Die Pandemie hat uns alle immer noch im Griff“, heißt es auf der Internetseite des Lokals von Steven Anderer. Ab heute soll es wieder den Abholservice geben und das Restaurant nimmt auch wieder Reservierungen entgegen.

"Psychische Belastung steigt"

Christine Reimers, Dehoga-Kreisvorsitzende und Inhaberin des „Traumzeithofes“ in Dalle, kann diese Stimmung nur bestätigen. „Im Moment ist die Verzweiflung groß“, sagt sie. „Vor allen Dingen steigt die psychische Belastung bei den Gastronomen immer mehr.“ Ministerpräsident Stephan Weil habe dem Gewerbe mit der verlängerten Weihnachtsruhe keinen Gefallen getan. „Wir gehen langsam alle auf dem Zahnfleisch. Die Rücklagen sind so ziemlich aufgebraucht.

Dazu käme die Verunsicherung bei den Gästen. „Es weiß ja gar keiner mehr so richtig, was man wo wie darf. Das merken wir hautnah.“ Bei ihnen in Dalle seien zum Beispiel über Silverster von den zehn Zimmern, die normalerweise immer belegt sind, nur vier besetzt. „Wir hoffen jetzt auf den Frühling“, sagt sie. Schon alleine, damit das Personal wieder aus der Kurzarbeit herausgeholt werden kann.