Prozessauftakt

Was löste tödliche Messerattacke in Celle aus?

Im April ist ein 15-Jähriger in Celle an den Folgen einer Messerattacke gestorben. Jetzt wird dem mutmaßlichen Täter der Prozess gemacht. Was war sein Motiv?

  • Von Cellesche Zeitung
  • 06. Okt. 2020 | 16:28 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 06. Okt. 2020 | 16:28 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Unter großem Medienecho begann gestern vor dem Landgericht Lüneburg der Prozess um die tödliche Messerattacke im Frühjahr an der Celler Bahnhofstraße, bei der ein 15 Jahre alter Radfahrer starb. Der Angeklagte Daniel S. gab die Tat beim Auftakt des Sicherungsverfahrens zu.

Blutige Messerattacke in Celler Bahnhofstraße

Am 7. April lehnte Daniel S. vor einem Frisörgeschäft an der Bahnhofstraße. Um 21.43 Uhr fuhr der 15 Jahre alte Arkan K., mit seinem Fahrrad vorbei. „Der Angeklagte ging auf den Jungen zu, machte eine wuchtige ausholende Bewegung und stach mit dem Messer in den Brustkorb“, referierte der Staatsanwalt im Schwurgerichtssaal. Die Stichwaffe, zwölf Zentimeter lang, zog der Täter zuvor aus seinem Gürtel.

Staatsanwaltschaft bewertet Tat als Totschlag

„Einen Menschen getötet zu haben, ohne Mörder zu sein ...“, sagte der Staatsanwalt am Ende seiner Ausführungen: Das Verbrechen geschah infolge eines „psychotischen Schocks“ und wird von der Celler Anklagebehörde als Totschlag bewertet. Die Staatsanwaltschaft strebt eine Unterbringung des Deutschen in einem psychiatrischen Krankenhaus an. Es sei nicht auszuschließen, dass er bei der Tat im April schuldunfähig war, heißt es im Antrag der Anklagebehörde. S. ist zurzeit schon in einer Psychiatrie untergebracht.

Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch versuchte, ein exaktes Protokoll von dem Tattag zu erhalten. Der 30 Jahre alte Beschuldigte hielt ein paar Sekunden inne, ehe er ansetzte. „Ich musste stechen, um zu überleben. Ich dachte, er will mich verprügeln, und da stach ich zu. Wir waren beide zur falschen Zeit am falschen Ort. Ich verstehe das alles selber nicht, wie das passieren konnte."

Am Tattag Joint geraucht

Zwei Monate vor der Tat hatte Daniel S. seinen Job als Pflegehelfer in einem Altenheim verloren. S. rauchte am 7. April einen Joint, verließ die Wohnung und kaufte an der Tankstelle eine Wodka/Cola-Mischung. Die nächsten Stunden irrte der ledige Angeklagte durch die Stadt, saß stundenlang am Schlossplatz auf einer Bank. „Ich fühlte mich so, als wenn ein Unheil passiert“, gab Daniel S. zu Protokoll.

Celler Taxifahrer sieht Messer im Gürtel

Am Nachmittag prügelte er sich mit einem Bekannten und wollte anschließend eine Anzeige bei der Polizei aufgeben. Die Fahrt in die Jägerstraße klappte nicht, der Taxifahrer sah das Messer im Gürtel stecken und warf den Fahrgast aus dem Fahrzeug. Die nächsten Stunden verbrachte S. am und im Bahnhof und sprach vor Gericht davon, dass er sich bedroht fühlte. „Also das wäre für mich der letzte Ort, wenn ich Angst habe“, resümierte Richter Kompisch.

Der 30 Jahre alte Angeklagte besprach sich kurz mit dem Verteidiger, redete danach krude weiter, dass ihm jemand ein Knopf ins Ohr eingepflanzt habe und sprach von Angst vor der Celler Drogenszene. Der Vorsitzende Richter stieß bei seinen Nachfragen auf eine Mauer des Schweigens. Nur soviel: „Ich wohne am Harburger Berg, das ist nicht die beste Adresse in der Stadt.“

22-Jähriger aus Nienhagen leistet Erste Hilfe

Als Zeuge sagte Krankenpfleger Linus B. vor Gericht aus: Seinen Angaben zufolge saß er in seinem Auto an der Ampel, als er die Attacke beobachtete. Der Angreifer soll im Anschluss mehrere Blumentöpfe gegen eine Fensterscheibe geworfen haben. Der 22-Jährige leistete umgehend Erste Hilfe. „Das Blut lief über die Straße, der Puls sackte ab“, sagte der Nienhäger.

Arzt diagnostiziert Verfolgungswahn

Neben der Suche nach dem Motiv und der Frage nach Rauschgiftkonsum dreht sich der Prozess um die Psyche des Mannes. S. will erst am Tattag Stimmen wahrgenommen haben und beschrieb ein imaginäres Gespräch. Ein Arzt hatte schon 2015 einen Verfolgungswahn mit Stimmengewirr diagnostiziert.

Sollte der 30-Jährige in der Psychiatrie untergebracht werden, weil er wegen seiner psychischen Erkrankung weiterhin gefährlich sei, gebe es dafür keine zeitliche Begrenzung, hieß es. Dies sei die potenziell härteste Folge. Die Kammer könne das Sicherungsverfahren aber auch noch in ein normales Strafverfahren umleiten, wenn sich herausstellen sollte, dass der Beschuldigte doch schuldfähig sei.

Für das Verfahren sind nach Gerichtsangaben sechs Verhandlungstage bis zum 11. November angesetzt. Es seien insgesamt neun Zeugen und zwei Sachverständige geladen.

Von Benjamin Reimers

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