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Blaulicht Bizarre Erklärungsversuche für mutmaßlichen Kindesmissbrauch
Celle Blaulicht Bizarre Erklärungsversuche für mutmaßlichen Kindesmissbrauch
18:29 02.05.2017
Quelle: dpa (Symbolfoto)
Bergen Stadt

Sie berührten das Kind unsittlich, führten beischlafähnliche Handlungen aus und drangen wiederholt ungeschützt in den Körper des Jungen ein: Gestern hat vor dem Landgericht Lüneburg der Prozess gegen ein mittlerweile getrennt lebendes Ehepaar – zwei Männer im Alter von 32 und 37 Jahren – begonnen. Sie müssen sich wegen besonders schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes und wegen des Besitzes kinder- beziehungsweise jugendpornographischer Schriften verantworten.

Zwischen November 2013 und August 2014 ereigneten sich in der Wohnung des Paares an der Berliner Straße in Bergen fast ein Dutzend Missbrauchshandlungen an einem zwölfjährigen Schüler. Die dazu gestern in Saal 121 abgegebenen Erklärungen wirkten bizarr: ein auffallendes Bekümmernis beim jüngeren Tatverdächtigen – "Es war ein großer Fehler, muss ich sagen" –, weniger Einsicht beim älteren Angeklagten – „Ich habe ihn nie zu etwas gezwungen“.

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Die Eheleute lernte den Geschädigten vor rund vier Jahren auf der Straße in Bergen kennen. Über die gemeinsamen Interessen an Autos und Computer entwickelte sich ein loser Umgang, der schon bald in regelmäßigen Besuchen mündete. Auch wenn, wie geschildert, der Junge gegenüber beiden Männern angab, er sei 16, erfuhren seine Peiniger bei einem gemeinsamen Besuch in der elterlichen Wohnung das tatsächliche Alter. Das hielt das Paar nicht davon ab, weiter über den Schüler herzufallen.

Die Faszination für das Böse schlug in eine Banalität des Bösen um. Bewusst und gewollt? Eine der wichtigsten Fragen, die in der Hauptverhandlung geklärt werden sollen.

Der 32-jährige Beschuldigte besaß Unmengen von Kinderpornos, die er wie ein Buchhalter akkurat auf seinem Computer speicherte. Bis heute ist unklar, ob eine fest installierte Bande im Hintergrund die Fäden zog. Es geht um über 1000 Bilder und Videos, die in den Gerichtsakten liegen. "Es stimmt. Ich habe mir da keine Gedanken gemacht“, hieß es in der Einlassung. Mehr erfuhren die Verfahrensbeteiligten nicht.

Zwischen November und Dezember 2013 waren von Bergen erschreckende Datenmengen, die Missbrauchshandlungen verniedlichten, an Abnehmer, die in der Anonymität des Internets mit Pseudonymen wie "Tim Geil, Yannis und Max" auftraten, verschickt worden. „Die Namen sind mir unbekannt", sagte der Angeklagte gestern. Über den Messenger-Dienst „Skype“ flossen zwischen April und Juni 2014 mehrere Dateien an Abnehmer in Oberhausen. „Ich weiß das nicht mehr“, lautete gestern eine weitere ausweichende Antwort.

Zu Beginn der Verhandlung hatten die beiden Verteidiger der Angeklagten den Antrag gestellt, die Öffentlichkeit "wegen schutzwürdiger Interessen" bis zur Urteilsverkündung auszuschließen. Die 3. Große Strafkammer verzog sich ins Beratungszimmer. Das fünfköpfige Richtergremium überlegte auffallend lange, folgte der Bitte der Rechtsanwälte aber nicht. Die Anklageschrift, die die Staatsanwältin verlas, listet eine der perfidesten Abscheulichkeiten auf, die die Rechtsordnung kennt. Am Freitag geht der Prozess weiter, dann müssen mehrere Ermittler in den Zeugenstand treten. Am 17. Mai will die Strafkammer das Urteil verkünden.

Von Benjamin Reimers