Obstbäume

Jeder Schnitt muss sitzen

Was muss weg, was soll wachsen? Der Celler Obstbaumspezialist Hans-Otto Schrade kennt sich als qualifizierter Streuobstwiesen-Pädagoge bestens aus.

  • Von Michael Ende
  • 07. Feb 2022 | 11:00 Uhr
  • 12. Jun 2022
  • Von Michael Ende
  • 07. Feb 2022 | 11:00 Uhr
  • 12. Jun 2022
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Celle.

Sonnig und luftig – so haben es Obstbäume gern. Und wenn sich ihre Besitzer um sie kümmern und richtig beschneiden, dann klappt's auch mit der Ernte. Wie das alles gemacht wird, das zeigte der Obstbaumspezialist und Streuobstwiesen-Pädagoge Hans-Otto Schrade am Samstag rund 25 Teilnehmern auf der Streuobstwiese am Allerufer am Neustädter Holz.

Regelmäßiges Schneiden ist wichtig

Vor 28 Jahren hat die Kreisgruppe Celle des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Fläche angelegt. Freiwillige pflegen seitdem die rund 50 Obstgehölze, die im Sommer Äpfel, Birnen, Kirschen und Pflaumen tragen. „Die Streuobstwiese hat sich nach dem starken Rückschnitt vor zwei Jahren gut entwickelt. Nun ist es an der Zeit, einen Winterschnitt durchzuführen“, so Schrade. Wichtig sei noch vor der Pflanzung, dass die Sorte zum Standort passe: "Man kann keinen Gravensteiner auf Dünensand pflanzen – das ist, wie wenn man einen Porsche mit Diesel fahren will: Da haben Sie wenig Freude dran."

Opa muss ins Fitnessstudio

Obstbäume, die nicht geschnitten werden, bringen sehr unregelmäßige Erträge und vergreisen frühzeitig. Es entsteht eine zu dichte Krone, in der die Früchte stark beschattet werden und klein und geschmacklos bleiben. Auch das Risiko für Pilzinfektionen steigt. Dagegen hilft nur regelmäßiges Schneiden.

"So'n Obstbaum ist auch nur ein Mensch", sagt Schrade, während er unentwegt richtige Schnitte demonstriert. Und man müsse den Baum in seinen verschiedenen Entwicklungsstadien entsprechend behandeln: "Am Anfang muss man ihm Halt geben und die Richtung zeigen, in die er sich entwickeln sollte. Später beim Erhaltungsschnitt muss man seinen vitalen Zustand erhalten und den Ertrag sichern. Und wenn der Baum nach vielen Jahren vergreist, dann kann man noch einmal einen Verjüngungsschnitt machen – dann geht der Opa noch mal ins Fitnessstudio."

Triebe unter Kontrolle behalten

Entfernt werden sollten Triebe, die ins Kroneninnere wachsen, sowie Triebe, die über Kreuz wachsen und aneinander reiben oder zu reiben drohen, und beschädigte, dürre oder kranke Triebe. Auch senkrecht aufragende Triebe, sogenannte "Wasserschosser", sollten weg, so Schrade: "Sie tragen kaum Früchte und verdichten die Krone. Tipp: Besser als sie abzuschneiden, ist es, die jungen Wasserschosser im Sommer mit einem kräftigen Ruck abzureißen." Auf diese Weise würden die am Triebansatz befindlichen schlafenden Augen mit entfernt, aus denen der Baum andernfalls im nächsten Jahr gleich wieder austreibe. "Die entstehenden Wunden verheilen sehr gut."

So schneidet man richtig

Alte Triebe beziehungsweise vergreistes Fruchtholz sollten ebenfalls entfernt werden, erläutert Schrade: "Apfelbäume beispielsweise tragen vor allem an zweijährigen Trieben. Alle zwei bis drei Jahre sollte man darum die dann meist schon bogig wachsenden Fruchttriebe auf einen möglichst in die Waagerechte weisenden Seitentrieb einkürzen."

Soll ein Ast gekürzt werden, schneidet man kurz über einer Knospe, die nach außen zeigt. "Die Knospe sollte nach außen stehen, damit ihr Austrieb nicht nach innen wächst und Licht aus der Krone nimmt", so der Experte. Die Stärke des Schnittes beeinflusse direkt das Wachstum im nächsten Jahr: "Ein starker Schnitt führt zu einem stärkeren Wachstum und geht zulasten von Blütenknospen, Ertrag und Fruchtgröße – kann aber sinnvoll sein, um schwach wachsende Bäume in Schwung zu bringen. Umgekehrt bremst ein schwacher Schnitt das Wachstum und fördert Blütenbildung, Fruchtgröße und Gesamtertrag."

Im Sommer kommt der nächste Schnitt

Na klar – das Ganze sei schon eine Wissenschaft für sich, nickt der Diplom-Forstwirt mit dem Faible für Obst: "Ich mache das schon seit 25 Jahren und ich lerne auch immer noch dazu." Am besten lernt es sich, wenn man Hans-Otto Schrade bei der Arbeit zuschauen kann. Ende Juni soll es das nächste Seminar auf der BUND-Obstwiese geben. Thema: Sommerschnitt.