Stadtkantorei

„Singroutine geht verloren“

Wie läuft es in der Celler Stadtkantorei in diesen chorstillen Coronazeiten? Und was bedeutet diese Situation für Chorleiter Stephan Doormann?

  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Mai 2021 | 09:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Mai 2021 | 09:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

Die Situation freischaffender Musiker hat sich wohl noch nie in so kurzer Zeit so stark verändert wie im vergangenen Jahr. Während die komplett frei arbeitenden Sänger und Musiker immer mehr darunter leiden, kein Geld mehr durch Auftritte verdienen zu können, haben es Musiker mit festem Vertrag, gleich ob Orchestermusiker, Chorsänger oder Dirigenten, zumindest insofern spürbar besser, als sie zumindest keine finanziellen Sorgen haben.

Arbeit komplett neu ausrichten

Stephan Doormann als sowohl dauerhaft angestellter Leiter der Celler Stadtkantorei als auch als fest angestellter Lehrer beim Celler KAV-Gymnasium gehört zur Gruppe dieser abgesicherten Chorleiter. Diesen jedoch sind in den letzten Monaten die sonst so aktiven Hände dermaßen gebunden, dass sie ihre Arbeit komplett neu ausrichten müssen und sehr darunter leiden, in diesen Zeiten viel weniger bewirken zu können als sonst.

Chorproben über das Internet unmöglich

Die Arbeit mit der Stadtkantorei liegt schon seit vielen Monaten brach, weil man schlicht nicht proben darf. Chorleiter Doormann erläutert seine Situation: „Es ist mit einem so großen Chor schwierig, über das Internet eine sängerische Betreuung zu ermöglichen, die dafür sorgen könnte, dass die Fähigkeiten des Chores als Ganzes, aber auch jedes einzelnen Chormitglieds erhalten werden. Die schlechte Internetverbindung und die zeitlichen Verzögerungen bei der Übertragung in Videokonferenzen machen ein Miteinander-Singen unmöglich. So geht die Singroutine verloren: Das gegenseitige aufeinander Hören und Reagieren, die Klangbalance, die zwar von mir als Chorleiter geformt wird, die aber nie zustande kommen kann, wenn die Sängerinnen und Sänger sich nicht ständig gegenseitig hören können, das alles leidet. Vor einem ersten gemeinsamen Wiederauftreten muss das wieder neu trainiert werden. Auf dieses erste gemeinsame Singen im großen Kreis fiebern wir jetzt schon hin, auch wenn wir noch immer nicht wissen, wann das sein wird. Zuletzt durften wir zwischen den Sommer- und Herbstferien zusammen proben, was wir intensiv getan und genossen haben.“

Mit Sängern in Kontakt geblieben

So formuliert es Doormann und ergänzt noch: „Über die sängerische und musikalische Schulung hinaus ist es in so einer Zeit besonders wichtig, die Gemeinschaft und das Miteinander des Chores, die ja für alle auch ein wichtiger Grund der Mitgliedschaft in der Kantorei sind, zu erhalten und zu stärken. Dies geht nur sehr mühsam über digitale Kommunikation und manche Telefonate. Aber wir sind so in Kontakt geblieben. Beispielsweise habe Ich Übe-Aufgaben für jede Woche rumgeschickt.“

Mit der Familie im Gottesdienst musiziert

Auf die Frage, ob es denn nicht möglich gewesen sei, zumindest in Kleinstkonstellationen zu proben, da ja auch das gottesdienstliche Singen in kleinen Gruppen seit Dezember möglich ist, schränkt Doormann mit Blick auf die diversen Coronaverordnungen ein: „Wir müssen sechs Meter Abstand in Singrichtung und drei Meter zur Seite halten. Das ist selbst in der Stadtkirche schwierig, denn zu acht steht man dann auf einer Breite von 21 Metern. Darüber hinaus ist es immer problematisch, wenn eine Auswahl getroffen werden muss. Man will ja allen das Singen ermöglichen und niemanden enttäuschen. Und zuletzt halte ich es für meine Verantwortung, gerade in Zeiten der Hochinzidenz, nicht zusätzliche Infektionsgefahr beim Treffen und Singen von neun Haushalten zu erzeugen. Wir haben drei Mal in Gottesdiensten in Kleingruppen gesungen, aber nur in Zeiten niedriger Inzidenzen. In der anderen Zeit habe ich regelmäßig mit meiner Familie im Gottesdienst musiziert, denn wir dürfen ja eng zusammenstehen und gefährden auch niemanden.“

Stephan Doormann hofft auf baldige Proben

Nun aber soll es schnellstmöglich wieder anders werden. Man merkt Doormann eine gewisse Ungeduld schon an. Er hofft inständig, dass er bald wieder live proben darf. Und dann auch wieder das hiesige Kulturleben bereichern kann. Und zwar nicht nur wegen der musikhungrigen Celler, sondern auch wegen der Choristen, die nach ihrem eigenen Singen dürsten. Die freuen sich wohl schon sehr darauf, Händels „Messiah“ im November aufzuführen.

Von Reinald Hanke

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