Ausstellung eröffnet

Wie „wahr“ ist Fotografie?

Das Sprengel Museum in Hannover zeigt nordamerikanische Fotografie in der neu eröffneten Ausstellung „True Pictures?“.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Nov. 2021 | 13:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 10. Nov. 2021 | 13:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Hannover.

Wenn das Sprengel Museum Wechselausstellungshalle plus obere Sammlung für eine einzige Schau freimacht, kann man davon ausgehen, dass hier Besonderes stattfindet. Das ist noch vorsichtig formuliert: Tatsächlich bietet „True Pictures?“ den bislang umfassendsten Überblick über die nordamerikanische Fotografie der vergangenen 40 Jahre – und zwar weltweit.

Altbekannte Namen ebenso vertreten wie Newcomer

Knapp 2000 Quadratmeter, 339 Exponate, 36 Künstlerinnen und Künstler: Das sind die nüchternen Zahlen zu dieser Ausstellung, die neben der USA-amerikanischen Szene auch die hierzulande lange eher stiefmütterlich behandelte kanadische widerspiegelt. Vertreten sind allseits bekannte Namen (wenngleich nicht immer mit bekannten Arbeiten) ebenso wie Newcomer.

Begriff "wahr" in Zeiten von digitaler Bildbearbeitung fragwürdig

Natürlich ist auch der Titel nicht beliebig gewählt: Zwar ist es ein Irrglaube, dass die Fotografie jemals objektiv, also „wahr“ gewesen wäre, doch scheint dieser Begriff in den Zeiten von digitaler Bildbearbeitung fragwürdiger denn je. Ganz abgesehen von der Frage, wie „Wahrheit“ überhaupt zu definieren sei.

Arbeiten von drei Generationen

Zumindest kam es Ende der 70er Jahre zu deutlichen Veränderungen im Bereich der Kunstfotografie: „Ein zunehmendes Abwenden vom dokumentarischen Stil“, beschreibt es Stefan Gronert, der die Ausstellung zusammen mit Benedikt Fahrnschon kuratiert hat. „Das wollen wir anhand von Arbeiten aus drei Generationen aufzeigen.“

Privates, Selbstinszenierungen und Abstraktionen

Den Auftakt machen Pioniere wie Nan Goldin mit ihren superprivaten Bildern, Cindy Sherman mit ihren ausgefeilten Selbstinszenierungen, James Welling mit seinen Abstraktionen. Lousie Lawler und Richard Prince mit Bildern von Bildern. Oder Jeff Walls durchkomponierte Großformate.

Höchst aufwendig arrangierte Fotos

In der nächsten Generation kann etwa Gregory Crewdson als ein Star der Szene gelten. Seine höchst aufwendig arrangierten Fotos, in denen die Menschen meist seltsam verloren wirken, haben mit Dokumentation in klassischem Sinn gar nichts mehr zu tun und verbreiten eine Atmosphäre la „Twin Peaks“. Einen ganz anderen Weg geht Christopher Williams, dessen spezielle Spielart der Produktfotografie ebenso ästhetisch wie befremdlich herüberkommt.

Persönliche Wahrnehmung von Wahrheit

Die letzte Abteilung gehört denjenigen, die nach 1970 zur Welt gekommen sind. Sie beschäftigen sich nicht selten mit Fragen der Identität, sei es nun in Bezug auf Gender, Ethnie oder gesellschaftlicher Positionierung. Ein besonders einprägsames Beispiel ist eine aus gutem Grund zum Plakatmotiv erkorene Aufnahme der Transgender-Fotografin Martine Gutierrez, 1989 als Sohn einer US-Amerikanerin und eines Guatemaltekers geboren. Sie umklammert hier, offenbar in paradiesischer Nacktheit, einen ebenso unbekleideten Mann. Der ist allerdings, wie etwas genaueres Hinschauen ergibt, eine Schaufensterpuppe – so kann hier die Frage nach der persönlichen Wahrnehmung von Wahrheit gleich auf mehreren Ebenen abgeklopft werden.

Von Jörg Worat

Die Ausstelllung wird bis zum 13. Februar im Sprengel Museum Hannover, Kurt-Schwitters-Platz, gezeigt. Öffnungszeiten: dienstags, 10 bis 20 Uhr, mittwochs bis sonntags, 10 bis 18 Uhr.

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