"Bach und mehr"

Appell zu gemäßigter, reflektierter Achtsamkeit

Ein schwergewichtiges Thema gab es mit leichtem musikalischen Gegensatz bei „angedacht“ in der Celler Stadtkirche.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 13. Sep 2021 | 14:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
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  • 13. Sep 2021 | 14:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
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Celle.

Mit „Bach und mehr“ wurde vergangenen Samstag die Reihe „an(ge)dacht“ – Musik und Wort in der Stadtkirche Celle – fortgesetzt. Das Wort hatte diesmal besonderes Gewicht. Das lag nicht nur am Datum des Tages – dem 11. September. Friedrich Hauschildt hat sich für seine Ansprache die Frage gestellt, wie viel Wut und Hass es braucht, um eine Zerstörungsbereitschaft aufzubauen, die selbst vor Menschenleben nicht Halt macht.

Leichte Begrüßung mit hoheitsvollem Timbre

Ein Gegensatz zum schwergewichtigen Thema bot die Musik. Kirchenmusikdirektor Michael Voigt hatte für sein kurzes Orgelkonzert Bachs Concerto (C-Dur BWV 594) – eine Adaption von Vivaldis Streichkonzert „Grosso Mogul“ – gewählt. Eine leichte, noch immer spielerische Begrüßung mit hoheitsvollem Timbre – Bachs Orgelfassung verleiht dem Ganzen noch ein wenig mehr fürstlichen Glanz. Dennoch lässt die Transformation für die Orgel noch deutlich das ursprüngliche Streichinstrumentarium erkennen – die langgezogenen Bogenstriche ebenso wie die barocken Verzierungen und schnellen Vibrati. In musikwissenschaftlichen Abhandlungen ist von einem „akustisch realen Effekt“ zu lesen, den Bach bei dieser Bearbeitung für die Orgel im Auge gehabt haben soll. Sein Bestreben zu „konzertant-virtuoser Unterhaltsamkeit, vergnügter Leichtigkeit“ war im Allegro des ersten Satzes.

Appell an die Menschlichkeit

Mit der Frage nach den Quellen von Information, der schnellen, oft ungeprüften Weitergabe und unreflektierter Verbreitung griff Friedrich Hauschildt den Faden seiner offenen Gedanken wieder auf. Ist der Mensch heute zu leichtgläubig oder zu kritisch? Neigt er zu übertriebenem analysieren oder zu voreiliger Pauschalität? Fehlende Zeit nachzudenken spielt in jedem Fall eine wesentliche Rolle – dies spiegle sich auch in immer wieder anwachsenden Vorurteilen und einer bemerkbaren Aggressionsbereitschaft wieder. Sein Gedankengang mündete in einem Appell an die Menschlichkeit. Was auch beinhalte fehlbar zu sein und Fehler zu machen. „Es gibt in der Regel zumindest zwei Seiten, aus der man etwas betrachten kann. Deshalb es wichtig Maßstäbe zu setzen und sich um Toleranz zu bemühen, um im Dialog zu bleiben“. Kommunikation gegen Eskalation – was ist angemessen, was gerecht. Statt sich aufwiegeln zu lassen und emotional hineinzusteigern, gelte es, einen kühlen Kopf zu behalten, abzuwägen und selbstverantwortlich zu entscheiden

Saitenspiel lässt sich nicht ganz auf Orgel übertragen

Der 3. Satz des Bach’schen Concerto (wieder Allegro) bietet Repetitionen, belebte Akkordfolgen, und ein filigranes Figurenwerk. Doch das schnelle, flirrende Saitenspiel von Vivaldis Komposition lässt sich nicht ganz auf die trägere Tastatur der Orgel übertragen. Die herausfordernd rasant angedachten Schwingungen und Verzierungen eines virtuosen Geigensolos verlieren an Leichtigkeit und wirken hier etwas mühsam ausgebremst. Damit verlor sich der Charakter eines nach Aufmerksamkeit heischenden Konzertsatzes – und geriet stattdessen zu einer leicht hingezogenen meditativ-anregenden Hintergrundmusik.

Von Doris Hennies

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