Hamburger Elbphilharmonie: Geburtstagskonzert mit Überraschungen
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Hamburger Elbphilharmonie: Geburtstagskonzert mit Überraschungen

14:00 10.01.2022
Kent Nagano dirigiert hier das Silvesterkonzert mit Staatsorchester Hamburg in der Elbphilharmonie.
Kent Nagano dirigiert hier das Silvesterkonzert mit Staatsorchester Hamburg in der Elbphilharmonie. Quelle: Thorsten Ahlf (Archiv)
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Hamburg

Es sollte wohl nicht sein mit der ersten Wiederaufführung von Jörg Widmanns Oratorium „Arche“ für die Elbphilharmonie seit der Uraufführung zur Einweihung. Wir leben eben noch immer unter Corona, was auch bedeutet, dass das Erleben von Live-Kultur nichts mehr Selbstverständliches in einer langfristig geplanten Form ist. So ist es auch bei den Konzerten zum fünften Geburtstag der Elbphilharmonie.

Das künstlerisch ambitionierteste Projekt war einmal mehr nicht das geplante Konzert des Elbphilharmonie-Orchesters des NDR, das aber immerhin nicht noch einmal ein so banales Mischprogramm wie bei der Eröffnung angekündigt hat, sondern einen Abend mit ausschließlich zeitgenössischen Werken. Das Staatsorchester Hamburg hingegen plante mit der „Arche“-Wiederaufführung ein Großprojekt, das bei allem Anspruch auch durchaus für ein wenig der Moderne zugeneigtes Publikum zugängig ist.

Kent Nagano dirigiert Silvesterkonzert mit Staatsorchester Hamburg in Elbphilharmonie. Quelle: Thorsten Ahlf

Jedoch machten die ansteigenden Coronazahlen der Sache einen Strich durch die Rechnung. Mehr als 150 Chorsänger, zudem noch eine Solistin, die durch den großen Raum gehen soll, das war den Verantwortlichen verständlicherweise in einem vollen Haus, dann doch zu riskant. So hat man diese Aufführung letztlich schweren Herzens verschoben und ersetzt durch ein fast normales, aber sehr ambitioniertes Programm. In der ersten Programmhälfte gab es nun drei ganz unterschiedliche Werke von Jörg Widmann, im zweiten Teil Beethovens achte Sinfonie.

Musizierlust des Solisten

Das Besondere des Widmann-Blocks war, dass nun mit „Armonica“ nicht nur ein groß besetztes Orchesterwerk gespielt wurde, sondern zudem noch eine Blechbläser-Fanfare als Eingangsmusik und drei Solowerke für Klarinette, die der Komponist selbst spielte. Und diese Klarinettenstücke wurden dann in ihrer faszinierenden Vielgestaltigkeit und der sich in ihnen widerspiegelnden Musizierlust des Solisten sogar zum Höhepunkt dieses Programmteils. Die Fanfaren hingegen hätten möglicherweise eine stärkere Wirkung entfaltet, wenn die Musiker im Raum verteilt worden wären.

Ganz anders das Orchesterwerk „Armonica“, in dem Widmann mit beweglichen Klangflächen und sich ins Helle verlaufenden breiten Klang-Farbtupfern spielte und bewies, dass man auch heute noch ohne elektronische Hilfsmittel Klänge erfinden kann, die einzigartig und neu sind. Die Verwendung einer mechanischen Glasharmonika eröffnete diese neuen Klangräume. Dank des ungemein konzentrierten und trotzdem innerlich freien Spiels des Hamburger Staatsorchesters unter der abgeklärten Leitung Kent Naganos hätte die Aufführung dieses Stückes wohl nicht besser gelingen können.

Werk mit typisch beethovenscher Querständigkeit

Nach der Pause dann eine große Überraschung: Naganos präsentierte Beethovens vorletzte Sinfonie nicht, wie so oft, als ein klingendes Intermezzo zwischen den viel bekannteren Sinfonien sieben und neun, sondern als ein Werk typisch beethovenscher Querständigkeit. Schon der Anfang schwang sich nicht ein in den Fluss dieses Stückes, sondern geriet wie ein Akt des „In die Tür“-Fallens. Als ob Beethoven zeigen wollte, dass er auch mit Sinfonie-Anfängen überrumpeln kann. Äußerst gelungen und sehr besonders. Und so geriet die ganze Aufführung dieses Stücks: Immer wieder neue Perspektiven auf Beethoven bietend, aber nie so als ob sich der Dirigent besonders originell präsentieren wollte. Alles wirkte in sich so zwingend wie man es nicht besser vorstellen konnte. Insgesamt also doch ein würdiges Geburtstagskonzert, nachdem man sich aber weiter auf das Nachholen des eigentlich geplanten Programms freut.

Von Reinald Hanke

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