Celler Kammermusikring

Purer Schönklang ist doch zu wenig

Zumindest für vieldeutige Musik ist purer Schönklang dann doch zu wenig – ein enttäuschender Abend für Cello und Klavier im Celler Kammermusikring.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Okt. 2021 | 15:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Okt. 2021 | 15:00 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Wie schade: Da ist es dem Kammermusikring dank des Engagements seines Vorsitzenden Klaas Endler das erste Mal seit Langem geglückt, eine bemerkenswerte Anzahl jugendlicher Zuhörer in eines seiner Konzerte zu locken, und dann wird ausgerechnet dieses Konzert ziemlich enttäuschend. Das lag nicht in erster Linie daran, dass die Cellistin Harriet Krijgh das Programm kurzfristig geändert und unter anderem das populärste Stück des Programms ausgetauscht hat. Es lag generell an der Auswahl und der Spielweise der Stücke, die, abgesehen von der das Programm beschließenden Cello-Sonate von Dmitri Schostakowitsch, alle entweder ähnlichen Charakters waren oder zumindest so gespielt wurden. Mit einem angenehmen, schönen runden Ton, aber frei von Interpretationsansätzen, die tiefer gingen als nur an der Oberfläche von Schönklang zu bleiben.

E-Moll-Sonate für Cello und Klavier gelang nicht so recht

Harriet Krijgh ist unüberhörbar eine Musikerin, der vor allem das Lyrische liegt. Wenn sie Melodien ausbreiten kann, dann ist sie am stärksten. Dennoch gelang die e-Moll-Sonate für Cello und Klavier opus 38 von Johannes Brahms nicht so recht. Als ob die Cellistin am Anfang noch nicht richtig da war – so fahrig und ziellos gerieten die ersten Kantilenen dieses Stückes. Dem neoklassischen zweiten Satz fehlte das Pointierte, der eher neobarock-polyphone dritte Satz wiederum zerfiel in lauter Einzelteile ohne inneren Zusammenhalt. Da gelangen die lyrischen Schumann-Stücke viel besser. Aber die Unterschiede wurden höchstens von der Pianistin Magda Amara vermittelt.

Nach der Pause gab es noch zwei Rachmaninoff-Stücke, die wie inspirationsarme Verlängerungen romantischer Liedhaftigkeit ins frühe 20. Jahrhundert wirkten, der die frühe Cello-Sonate Dmitri Schostakowitschs nachfolgte. Dieser geniale Wurf des russischen Meisters ist, wie so viele Werke dieses Komponisten, geprägt von der kreativen Auseinandersetzung mit den Vorgaben des Staates darüber, wie Musik zu klingen habe.

Magda Amara lotet Musik überzeugend aus

Schostakowitsch wurde nach seiner musikalisch wie inhaltlich so unglaublich modernen und angriffslustigen Oper „Die Nase“ zu einem Meister der Doppeldeutigkeit, was aber nur zu erleben ist, wenn man diese auch musikalisch herausarbeitet. Hier wurde die Musik des Komponisten aber zumindest im Cello-Spiel Harriet Krijghs fast ausschließlich auf Schönklang konzentriert. Sogar die Flageolets des zweiten Satzes wirkten weniger bizarr als dekorativ. Hätte nicht Magda Amara am Klavier die Subversivität und Aggressivität dieser Musik so überzeugend ausgelotet, so hätte man weder etwas von der Angriffslust noch von der Ironie oder dem verborgenen Zynismus wahrgenommen.

Amara bot in ihrem Spiel all das, was der Cellistin an Ausdrucksvielfalt und Raffinesse fehlte. Allein im letzten Satz, einem Rondo, das auf den ersten Blick wie ein ins Moderne gewendeter fröhlicher Kehraus frühklassischer Kompositionskunst erscheint, blitzte es auch im Spiel der Cellistin auf, dass hinter der geradezu pittoresk erscheinenden musikalischen Fassade feine Ironie und eine ins Lächerliche und Entlarvende überzeichnete Karikatur lauert. Wie schade, dass diese Doppelbödigkeit Schostakowitschs nur in diesem einen Satz vermittelt wurde.

Von Reinald Hanke

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