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Von Kleidern, High Heels und Zickenkrieg

12:55 13.06.2010
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Spätestens seit dem Film „Der Teufel trägt Prada“ (2006) mit Meryl Streep in der Hauptrolle als fiese Verlegerin eines renommierten Fashion-Magazins in New York ahnen viele Modebegeisterte, was hinter den Kulissen der glänzenden Fashionwelt vor sich geht. Fotos des drogenkonsumierenden Top-Models Kate Moss, das bizarre Auftreten einiger Designer wie der mehrfach operierten und braun-gerösteten Donatella Versace oder Karl Lagerfeld, der angeblich ausschließlich Diät-Cola trinkt, schockieren viele Außenstehende. Warum also in einem Bereich arbeiten, in dem scheinbar nur Freaks am Werke sind?

„Es geht um viel mehr“, sagt Daniela Binz kopfschüttelnd auf dem Weg aus der Londoner Tube Station des edlen Stadtteils Kensington. „Für mich persönlich heißt Mode-Design zu studieren, dass ich meiner Kreativität freien Lauf lassen kann, mich bei meiner Arbeit selbst verwirkliche und meiner Leidenschaft, dem Design, nachgehen kann“, entgegnet mir die 21-jährige Ex-Cellerin - ein wenig beleidigt wegen meiner Vorurteile.

Mir fällt auf, dass sich Daniela für den Besuch der Modewoche sehr aufreizend angezogen hat: ein farbenfrohes Kleid, viel Schmuck und die von ihr mit Strass-Steinen bestückten High Heels mit Absätzen, die schon beim puren Anblick Schmerzen bereiten. Mich wundert nicht, dass sie „Ersatzschuhe“ dabei hat. Ihr gemütliches, wahrscheinlich auch orthopädisch gesünderes Schuhwerk wird jedoch pünktlich vor Betreten der Londoner Fashion Week in ihrer Handtasche verstaut. Wer schön sein will, und vor allem in der stylischen Menge auffallen möchte, muss anscheinend leiden.

Es funktioniert. Danielas Schuhe sind der Blickfang für viele andere Messebesucher. Bei näherer Betrachtung bemerke ich, dass es eine Art Konkurrenzkampf unter den hauptsächlich weiblichen Besuchern der Messe gibt. Die ausgetauschten Blicke lassen erahnen, dass es um mehr als nur die ausgestellten Modeartikel geht: sehen und gesehen werden, eine kritische Begutachtung der Outfits, nicht nur an den einzelnen Designerständen, sondern auch an einander.

Mit uns auf der Messe ist ein enger Freund von Daniela. Miguel Garcia ist 20 Jahre jung, studiert jedoch schon im dritten Semester Fashion Design. Obwohl er aus Spanien kommt, belegte er in seinem ersten akademischen Jahr einen Kursus an der renommierten Marangoni-Designer-Schule in Mai-land und führte dann sein Studium in London weiter. Miguels kritischen Augen entgeht nichts. Man sieht ihm förmlich an, dass er schon wie ein professioneller Designer ein distanziertes Verhältnis zu dem Spektakel einer Fashion Week hat. „Die Leute in der Szene leben und lieben dieses zickige Verhalten“, sagt der Modestudent, der sich auf Frauenmode spezialisiert hat.

Daniela und Miguel besuchen mehrfach wöchentlich die angesagtesten Clubs in der Londoner Partyszene. Das „China White“ am Piccadilly Circus, übrigens heiß geliebt von Paris Hilton, das „Crystal“ im Szenestadtteil Soho, das „Molton House“ im West End oder Londons top V.I.P.-Club „Bungalow 8“ im edlen Chelsea sind die angesagten Adressen für die zwei Studenten. Ein Abend kann da schon mal mehr als 100 britische Pfund kosten.

„Wer Mode studiert, darf heutzutage nicht aufs Geld achten“, sagt Miguel, dessen Eltern ihm das Studium an der privaten Hochschule bezahlen. Während Daniela einen ebenfalls sündhaft teuren Mantel von John Galliano an einem der unzähligen Messestände anprobiert, verrät sie mir, dass sie die Partynächte oft nicht nur zum Spaß mitmacht. Es geht ihr um das Kennenlernen von wichtigen Kontaktpersonen, die ihr Praktika und eventuell sogar einen Job in der Branche verschaffen.

Wir nähern uns dem Haupt-Event des Abends, der Fashion Show. Spätestens jetzt geht der Zickenterror los, da einige junge Damen versuchen, sich schon vor Betreten des Saals die besten Plätze zu sichern. Ein halbes Dutzend der hartnäckigsten Mädchen belagert den Türsteher des Showzeltes und bettelt um früheren Einlass. Auch Daniela versucht ihr Glück. Miguel berichtet mir, dass auch er sich nach kurzer Zeit in dem Business an die Oberflächlichkeit gewöhnen musste. „Ich gehe mehrfach im Monat neue Klamotten einkaufen und bin mir meines Auftretens stets bewusst, vor allem in meiner Hochschule“, sagt er.

Die Show beginnt. Daniela hat uns einen erstklassigen Platz in der ersten Reihe erstritten und verfolgt nun mit laufender Digitalkamera in der Hand die Auftritte der einzelnen Models. Ich bin schockiert beim Anblick der abgemagerten Mädchen auf dem Cat-Walk. Zu lauter Musik aus den aktuellen Trend-Charts werden die Kollektionen der Designer unter verschiedenen Themen, wie „American Idol“, „Domestic Goddess“ oder „African Queen“, vorgestellt. Dennoch wirkt die Show hauptsächlich wie ein Sponsoren-Event auf mich. Die beiden Fashion-Studenten hingegen weichen mit ihrem Blick keine Sekunde von der präsentierten Herbst- und Wintermode ab.

Nach 15 Minuten ist die Show vorbei. Wir verlassen die Londoner Modewoche mit haufenweise Sponsorenartikeln, mehr oder weniger schmerzenden und geschundenen Füßen und prägenden Eindrücken. Während Daniela sich in ihren hohen Schuhen die Treppe der Bahnstation hinunterquält, zieht Miguel ein erstes Fazit: Die Londoner Fashion Week sei ganz nett, aber die Hauptstadt der Mode bleibt für ihn das italienische Mailand. Für Daniela steht fest, dass sie sich für das Hauptstudium an der Westminster Universität und dem berühmten Central Saint Martins College of Art & Design bewirbt. Sie fühlt sich wohl in der Stadt und sieht keinen Vergleich mit deutschen Modehochschulen.

INFO: Richard Mächtel studiert Internationale Politik und Journalismus in London. Er berichtet regelmäßig über das turbulente Leben in der britischen Metropole unter: www.richie-in-london.spaces.live.com

Von Richard Mächtel