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Celle Stadt „Mein Programm ist nie fertig“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Mein Programm ist nie fertig“
13:03 01.05.2019
Von Jürgen Poestges
Foto: Keine Angst, er will nur spielen: Urban Priol wird in Celle für kabarettistische Unterhaltung sorgen.
Keine Angst, er will nur spielen: Urban Priol wird in Celle für kabarettistische Unterhaltung sorgen. Quelle: Michael Palm
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Celle - Altencelle

Für den Interview-Termin musste er nicht früher aufstehen. Er schaut sich immer ab halb acht das Morgenmagazin an – um sich auf den Tag vorzubereiten. CZ-Redakteur Jürgen Poestges erreichte den Kabarettisten Urban Priol am Morgen nach seinem Auftritt in einem Münchener Hotel. Er sprach mit ihm über Dinge, die ihn ärgern, und 35 Jahre Kabarett. Priol ist am Freitag, 24. Mai, um 20 Uhr zu Gast in der Congress Union Celle.

Es gibt einen Ärzte-Song mit dem Refrain: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Aber es ist deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Passt das auf Sie?

Wenn man es auf die kleine Welt um uns herum bezieht, auf jeden Fall. Die Ärzte waren ja auch mal jung und haben sich gedacht, wir gehen jetzt auf die Bühne und rocken auf Veränderung. Mit 21 bin ich auch aufgetreten und habe gedacht, ich mache ein paar Sprüche über Helmut Kohl und dann ist er weg. Am Ende sind es 16 Jahre mit dem Dicken geworden.

Sie sind seit 35 Jahren aktiv auf der Bühne. Gibt es im Rückblick ein Thema, das Sie noch aufregt?

Was mich wirklich aufregt, das ist dieses Für-dumm-verkauft-Werden. Das wird immer offensichtlicher. Früher kamen ein paar verklausulierte Sätze. Da musstest du erstmal recherchieren, um herauszukriegen, warum was so gesagt worden ist und was dahintersteckt. Inzwischen geben die sich gar keine Mühe mehr, wir werden ganz offen angelogen. Was mich richtig wütend macht: Die glauben, wir merken es nicht.

Was machen Sie, wenn Ihre „Lieblingsgegnerin“ Merkel nicht mehr im Amt ist?

Ach, da mache ich mir keine Sorgen. Irgendwer kommt immer. Auch nach der Ära Kohl bin ich gefragt worden, was machst du denn jetzt. Und dann kam der Gerhard und nun die Merkel. Ich lasse mich überraschen.

Falls AKK Kanzlerin wird: Könnten Sie sich an ihr auch so reiben?

Was ich da viel spannender finde: AKK wird uns schon als künftige Kanzlerin verkauft, als ob es so etwas wie ein Erbrecht auf Kanzlerschaft gäbe. Wir brauchen gar nicht mehr zu wählen. Eigentlich müsste es ja heißen, Kramp-Karrenbauer könnte eventuell die nächste Kanzler-Kandidatin der CDU werden.

Die Politik kommt derzeit oft als Realsatire daher. Haben Sie die Befürchtung, als Kabarettist irgendwann überflüssig zu sein?

Es ist wohl wahr, manchmal kommt man als Kabarettist gar nicht hinterher, weil es so schnell geht. Derzeit haben wir eine kleine Atempause.

Wie erklären Sie sich das verstärkte Auftreten von Populisten weltweit? Und wie kann man als Kabarettist darauf reagieren?

Ich glaube, diesen Bodensatz von 12 bis 15 Prozent hat es in Deutschland schon immer gegeben. Nur war die NPD nicht das Sprachrohr, die Partei war selbst diesen Leuten zu altbacken. Die AfD stellt sich moderner auf. Wenn die Politik auf Alltagsfragen der Menschen keine Antworten gibt, dann darf man sich nicht wundern, wenn sie sich die Partei mit den vermeintlich einfachen Antworten suchen. Aber der AfD geht das Hauptthema Flüchtlinge langsam aus. Und fragen Sie doch mal einen AfD-ler nach Rentenplan oder Sozialpolitik. Da schauen Sie dann nur in leere Gesichter.

Wie entstehen die Texte für ein Programm? Und wie lange dauert es, bis es steht?

Mein Programm ist nie fertig. Ich baue an jedem Abend so drei bis vier Minuten aktuelle Themen ein. In der heutigen Zeit schaue ich selbst in der Pause ins Internet, um zu erfahren, ob etwas Wesentliches passiert ist. Früher, in den analogen Zeiten, da hat etwas in der Zeitung gestanden und man hatte drei Tage Zeit, um sich dazu eine Pointe einfallen zu lassen.

Gab es oder gibt es ein Thema, das selbst Sie sprachlos gemacht hat?

Das letzte Mal, dass ich zunächst sprachlos war, ist noch nicht so lange her. Da hat der deutsche Zweitpapst Ratzinger der 68er-Generation die Schuld an den Missbrauchsvorwürfen gegeben. Und hat dafür von Franziskus die Absolution erhalten. Da hab ich wirklich gedacht, das ist ein Witz. Die beiden haben offensichtlich die Jahre davor vergessen, in denen es auch schon Missbrauch gegeben hat.

Sie machen im Programm Ihre Pause, wenn andere Kollegen den Abend beenden. Woher nehmen Sie die Energie?

Ich mag keine Fitness-Studios. Wenn man ein wenig prominent ist, macht es noch weniger Spaß, mit anderen gemeinsam Workouts zu machen. Also gehe ich viel an die frische Luft. Ich sehe die Auftritte als mein persönliches Fitness-Studio. Inzwischen habe ich aber eine Dramaturgin, ich nenne sie meine Zeit-Guillotine. Sie sorgt dafür, dass der Abend nicht zu lang wird. Aber keine Angst, es wird immer noch genug zu erzählen geben.

Urban Priol - „gesternheutemorgen“. Freitag, 24. Mai, 20 Uhr, Congress Union Celle. Karten zum Preis von 31,70 bis 23 Euro gibt es im Ticketshop der CZ, Bahnhofstraße 1, oder in der Congress Union.

Dagny Siebke 01.05.2019
Gunther Meinrenken 30.04.2019
Christoph Zimmer 30.04.2019