Umfrage des ADFC

Wo knirscht es im Celler Radverkehr?

ADFC startet Fahrradklima-Test, CZ sammelt Wünsche und Anregungen von Radfahrern.

  • Von Gunther Meinrenken
  • 02. Sept. 2020 | 16:56 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Gunther Meinrenken
  • 02. Sept. 2020 | 16:56 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

Wenn man Wilhelm Eggers fragt, was man denn auf Celler Straßen für Radfahrer verbessern könnte, muss man den Sprecher des lokalen ADFC eher bremsen. Torplatzquerung Richtung AKH, Berg- und Talfahrten auf den Radwegen oder unglückliche Abbiegeregelungen sind nur einige der Stellen im Stadtgebiet, an denen es nach Eggers‘s Meinung knirscht. Zwei Problembereiche liegen Eggers allerdings besonders am Herzen: die Bahnhofstraße und die taktilen Kanten an Fußgängerüberwegen, an denen schon viele Radfahrer gestürzt sind.

Unfallschwerpunkt Celler Bahnhofstraße

Eggers bezieht sich auf den bundesweiten Unfallatlas. Darin sind entlang der Bahnhofstraße für die Jahre 2018 und 2019 14 beziehungsweise 12 Unfälle mit Radfahrern festgehalten worden. Ein Problempunkt: der gemeinsame Fuß- und Radweg in Richtung Bahnhof. „Besonders ab der Arndtstraße ist es so eng, dass es täglich zu kritischen Situationen zwischen Fußgängern und Radfahrern kommt“, sagt Eggers. Er würde gerne zumindest den Bereich hinter der Häuserreihe umgestalten: Haltestelle und Parkplätze weg, Fahrradweg hin, so die Idee des Verkehrspolitischen Sprechers des Celler ADFC.

Weiterer Kritikpunkt von Eggers sind die Orientierungshilfen für Sehbehinderte an den Fußgängerüberwegen. „Ich habe nichts gegen taktile Kanten, aber ich habe etwas gegen taktile Kanten mit einem Bord von sechs Zentimetern“, sagt Eggers. Immer wieder kämen Radfahrer an den Überwegen zu Fall, weil die Absenkung schlecht zu erkennen ist und sie mit ihren Reifen abrutschen. Eggers geht von einer relativ hohen Dunkelziffer aus, der Polizei würden diese Unfälle selten gemeldet. Und in der Tat. Bei zwei Ortsterminen ist die CZ von zwei Radfahrern angesprochen worden, die an taktilen Kanten gestürzt sind. Angezeigt haben sie die Vorfälle nicht.

Kritik an Fahrradstraße in Wiesenstraße

"Ein Plus an Sicherheit." So überschreibt die Stadt Celle ihre Pressemitteilung zur Umwandlung der Wiesenstraße in eine Fahrradstraße. Wilhelm Eggers vom ADFC Celle kann sich dieser Meinung nicht anschließen, ganz im Gegenteil, einige Änderungen bezeichnet Eggers für Radfahrer als "lebensgefährlich".

Nur in Richtung Trüllerkreisel

Vor eineinhalb Wochen hatte die Stadt die Wiesenstraße zur Fahrradstraße umgewandelt. Das gilt in Einbahnstraßenrichtung von der Fuhsestraße bis zum Trüllerkreisel. Entgegen der Fahrtrichtung, also vom Kreisel kommend, dürfen Radfahrer ebenfalls nun die Straße benutzen.

Brenzlige Situationen in Wiesenstraße

Grund für die Umwidmung: In der Vergangenheit war es immer wieder zu brenzligen Situationen gekommen. "Das lag zum einen an den Geschwindigkeiten der Kraftfahrzeuge in Fahrtrichtung Trüllerkreisel sowie an Fahrradfahrern, die oftmals unzulässigerweise in Gegenrichtung auf dem Gehweg unterwegs waren und dort Fußgänger gefährdeten. Als Fahrradstraße trägt die Wiesenstraße nun zur Sicherheit der Verkehrsteilnehmer bei", meint die Stadt.

Halbe unechte Fahrradstraße

Eggers sieht das anders. Er bezeichnet die Änderung als "halbe unechte Fahrradstraße", da die Radfahrer, die entgegen der Einbahnstraße unterwegs sind, eben nicht die Rechte einer Fahrradstraße für sich beanspruchen können.

Doch der eigentliche Knackpunkt sind gut zehn Zentimeter hohe "Mini-Baken" im Kreuzungsbereich zur Fuhsestraße. Mit ihrer schwarz-weißen Optik sind sie bei Dunkelheit kaum von der angrenzenden gestreiften Verkehrsfläche zu unterscheiden. Während des Ortstermins mit Eggers, der sich gewünscht hätte, dass der ADFC in die konkrete Planung mit eingebunden worden wäre, kamen einige Radfahrer sogar bei Tageslicht ins Schlingern, als sie zu spät erkannten, dass sie nicht so einfach über die gestreifte Fläche zum Radweg an der Itagstraße abkürzen können. Eggers' Urteil: "Das kann lebensgefährlich werden."

Stadt verteidigt Mini-Baken

Bei der Stadt hält man die "Mini-Baken" für kein Risiko. "Die Mini-Baken sind eine konsequente Weiterführung der Gehwegbordanlagen. Sie dienen dem Zweck, dass Fahrzeuge aus Richtung Itagstraße aufgrund der Lichtsignalanlage nicht über die Sperrfläche abkürzen und dadurch den Radverkehr gefährden", sagt Stadtsprecherin Myriam Meißner. Ähnliche Elemente seien in Celle schon seit Jahren im Einsatz. Zum Beispiel in der Breite Straße zwischen Bahnhofstraße und Trift. Außerdem seien die Elemente mit einem integrierten Retroreflexband versehen, "sodass man sie eigentlich nicht übersehen kann", so Meißner. Doch der Vergleich mit der Breite Straße hinkt. Denn dort sind die Elemente flacher und sie tauchen nicht plötzlich auf, sondern grenzen auf ganzer Länge den Radweg von der Straße ab.

Verkehrsführung örtlicher Situation geschuldet

Und die "halbe unechte Fahrradstraße"? Meißner: „Die Radverkehrsführung aus Richtung Heese ist der örtlichen Situation, das heißt der Freigabe der Einbahnstraße in Gegenrichtung, der Fahrbahnbreite sowie der aktuellen Rechtslage und Rechtsprechung geschuldet. Sollten sich in Zukunft neue Erkenntnisse ergeben, so werden wir dies entsprechend anpassen."

Weitere Teile der Serie "Radfahren in Celle" gibt es hier .

Informationen

Celler, denen ebenfalls Missstände beim Radverkehr sauer aufstoßen, können beim jetzt startenden ADFC-Fahrradklima-Test mitmachen. Auch Eggers und die Stadt rufen zur Teilnahme auf. Die Umfrage findet man unter www.fahrradklima-test.adfc.de.

Auch die CZ möchte wissen, wo es in Celle noch Verbesserungsbedarf im Radwegenetz gibt. Wo sehen die Bürger Gefahrenstellen, wo gibt es Regelungen, die für Radfahrer von Nachteil sind. Einfach melden unter g.meinrenken@cellesche-zeitung.de, Stichwort: Radfahren in Celle.

Kommentar

Sachverstand

Gut gemeint ist in vielen Fällen leider nicht gut gemacht. Das trifft auch auf die Einrichtung einer Fahrradstraße in der Wiesenstraße zu. Redlich ist das Bemühen der Stadt, Celle fahrradfreundlicher zu gestalten. An dieser Stelle ist jedoch das genaue Gegenteil passiert. Abgesehen davon, dass es eben nur in eine Richtung eine richtige Fahrradstraße ist, muss man sich ernsthaft fragen, was einen Fahrradbeauftragten dazu bringt, schwer zu erkennende "Mini-Baken" aufzustellen, die die Sturzgefahr für Radfahrer erheblich erhöhen. Das ist nicht fahrradfreundlich. Jeder, der ab und zu auf zwei Pedalen unterwegs ist, wird das bestätigen.

Auch die schon oft kritisierten taktilen Kanten für Sehbehinderte an Fußgängerüberwegen haben sich als Fahrradfalle erwiesen. Doch trotz diverser Unfälle werden sie weiterhin eingebaut. All das klingt ein bisschen nach Alleingang und Beratungsresistenz. Dabei sitzt in der AG Fahr Rad mit dem ADFC geballter Sachverstand. Vielleicht sollte man diesen auch bei der konkreten Umsetzung von Verbesserungen für Radfahrer anhören, damit Celle wirklich fahrradfreundlich wird.

Von Gunther Meinrenken