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Celle Stadt Warten auf das gelbe Wunder
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Warten auf das gelbe Wunder
16:04 01.03.2019
Von Michael Ende
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Celle

Den Anblick der in kürze massenhaft erblühenden "Celler Tulpe" Tulipa sylvestris kann man nur hier erleben – wer braucht da Tulpen aus Amsterdam?

Seltene Pflanzen an 1000 Orten

Die Celler Parkanlagen beherbergen mehr als 30 wildwachsende seltene Pflanzenarten, so das Ergebnis eines Gutachtens, das der Beedenbosteler Landschaftsarchitekt Professor Thomas Kaiser im Auftrage der Stadt Celle erstellt hat: "Französischer Garten, Schlosspark, Triftanlagen, Hehlentorfriedhof und Thaers Garten weisen zusammen mehr als 1000 Wuchsorte seltener Wildpflanzen auf."

Acht Millionen Tulpen

Besonders spektakulär sind die großen Bestände der Wilden Tulpe. "Mehr als acht Millionen dieser bundesweit gefährdeten und geschützten Pflanze wachsen auf Rasen und in Rabatten der fünf Parkanlagen", weiß Kaiser. Damit kommen mehr als 100 Tulpen auf jeden Einwohner der Stadt. "Das ist das mit Abstand größte Vorkommen ganz Niedersachsens, vermutlich sogar ganz Norddeutschlands. Teilweise stehen bis zu 700 Tulpen auf dem Quadratmeter. Allerdings kommen nur weniger als ein Prozent der Pflanzen zur Blüte", so der Experte. Insgesamt wurden Ende April knapp 33.000 Blüten gezählt. Reichblütig seien besonders Rabatten und wärmebegünstigte Standorte. "Das ist nicht verwunderlich, schließlich stammt die Wilde Tulpe ursprünglich aus dem Mittelmeerraum."

Ursprünge im Barock

Die Geschichte der Celler Parkanlagen reicht bis in das 17. (Französischer Garten), 18. (Schlosspark und Thaers Garten) beziehungsweise 19. Jahrhundert (Triftanlagen) zurück. Der Friedhof am Harburger Berg wurde bereits im 16. Jahrhundert eingerichtet. "Es ist davon auszugehen, dass die Celler Herzöge den Grundstein für die Verbreitung der Wilden Tulpe während der Barockzeit legten, um die Parkanlagen aufzuschmücken", vermutet Kaiser. Neben der Wilden Tulpe dienten weitere Wildpflanzen früher dem Aufschmücken von Parkanlagen. Reichblütig fänden sich noch heute Gefingerter Lerchensporn und Nickender Milchstern, seltener auch der Hohle Lerchensporn.

Farn erobert Mauer zurück

Kaiser freut sich auf das große Blühen: "Im zeitigen Frühjahr blühen in den Rasenflächen der Anlagen Wiesen- und Wald-Gelbstern. Später erscheint das unscheinbare, aber besonders seltene Zwiebel-Rispengras, dessen Nachwuchs es besonders eilig hat, denn in den Ährchen dieses Grases keimen bereits wieder junge Gras-Pflänzchen." Der Forscher hat ganz genau hingeschaut: "Seit mindestens elf Jahren wachsen an gleicher Stelle in einem Rasen des Französischen Gartens zwei Pflanzen der Hohen Schlüsselblume." In den Mauerritzen des Schlossgrabens sei vor wenigen Jahren ein winziger Farn, die Mauerraute, wiederentdeckt worden, nachdem er dort schon um 1870 gefunden wurde, dann aber über Jahrzehnte verschollen gewesen sei: "In den 1980er, 1990er und 2000er Jahren wurden die betreffenden Mauern immer wieder abgesucht, ohne dass dort ein Nachweis dieses Farnes gelang. Der sich durch winzige Sporen über den Wind verbreitende Farn hat offensichtlich seinen früheren Wuchsort erneut besiedelt."

Seltene Pflanzen überall

Aber es gibt noch viel mehr seltene Pflanzen mitten in der Stadt zu entdecken. Kaiser kennt ihre Standorte: "Die im Celler Land sehr seltene Rotfrüchtige Zaunrübe rankt in Gebüschen des Hehlentorfriedhofes. Das nur im Schlosspark wachsende winzige Mäuseschwänzchen verdankt seine Existenz den Enten und Gänsen des Parkes. Tritt und Fraß der Vögel drängen höherwüchsige konkurrierende Pflanzen zurück." In den Triftanlagen besiedele das in Niedersachsen stark gefährdete Deutsche Filzkraut Sandflächen des Spielplatzes. Attraktive Blühaspekte im Frühjahr bescherten auch weniger seltene Arten wie Wiesen-Schaumkraut, Buschwindröschen, Scharbockskraut, Wohlriechendes Veilchen, Faden-Ehrenpreis und Kriechender Günsel, so Kaiser. "Die Rasen überziehen blaue Teppiche aus Sibirischem Blaustern, Sternhyazinthe und Bastard-Schneestolz. In Thaers Garten haben Pflanzen der Magerrasen wie Heide-Nelke, Grasnelke und Milder Mauerpfeffer Lebensraum gefunden."

Pflege mit Bedacht

Die Parkpflege der Stadt Celle nimmt Rücksicht auf die vielen botanischen Kostbarkeiten, indem mit dem Mähen der Rasen im Frühjahr erst begonnen wird, wenn die meisten Pflanzen abgeblüht sind. "Insbesondere werden die Tulpen-Bestände bis zum Verwelken vom Rasenmähen verschont, so dass ihre Bestände stabil sind."

Vermächtnis der Celler Herzöge

Der Lindener Friedhof in Hannover ist als „blaues Wunder“ durch die vielen dort im Frühling blühenden Blausterne ebenso überregional bekannt wie der Schlosspark von Husum, den über vier Millionen Krokusse in ein lila Blütenmeer verwandeln. Die Celler Parkanlagen bieten ähnlich beeindruckende Teppiche in Blau, Gelb und Violett, die von Blaustern und Sternhyazinthe, Scharbockskraut und Lerchensporn gebildet werden. Kaiser sagt, dass die Residenzstadt an der Aller Ebenbürtiges zu bieten habe. "Ein Alleinstellungsmerkmal aber sind die mehr als acht Millionen Wilden Tulpen als Vermächtnis der Celler Herzöge."

Gunther Meinrenken 01.03.2019
Michael Ende 01.03.2019
01.03.2019