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Celle Stadt Tucholskys Leben mit Herz und Verstand nachgezeichnet
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Tucholskys Leben mit Herz und Verstand nachgezeichnet
12:59 13.06.2010
Oliver Steller spricht und singt Kurt Tucholsky
Oliver Steller spricht und singt Kurt Tucholsky Quelle: Aneka Schult
Celle Stadt

In subtile Gitarrenklänge gehüllt, offenbarte sich die Vita Tucholskys. Steller versteht die Kunst, Biografisches, Anekdotisches, Politisches wie Literarisches in einen Kanon aus Poesie und Lebendigkeit zu tauchen. Gehauchte und gestärkte Worte im Reigen mit jazz- und bluesbeeinflussten Kompositionen sind seine Mittel, um Tucholskys Leben mit Herz und Verstand nachzuzeichnen. Nicht umsonst gilt Steller als „die Stimme deutscher Lyrik“. Der Drang, die Geheimnisse dieser Literaten aufzuspüren, ihre Existenzen, die Antriebskräfte ihrer Werke, funkelt Steller in den Augen.

Der Rezitator, Jahrgang 1967, der bei Köln lebt, ist eigentlich Gitarrist. Er studierte Gitarre, Komposition und Gesang in Boston und arbeitete als freischaffender Musiker drei Jahre lang in Chicago. In dieser Zeit entstanden unter anderem Aufnahmen mit den Bands von Santana, Charmaine Neville, Robert Irving, Miles Davis, Louisiana Red. Lutz Görner, Deutschlands bekanntester Rezitator und Mentor von Steller, nennt diesen seinen „Meisterschüler“. Auch er beherrscht Tucholsky zugeschriebene Eigenheiten wie das Kraftvolle und das Subtile, leichten Witz und satirischen Spot. Unaufdringlich belebt er den Menschen und Zweifler Tucholsky, den Unzufriedenen und Spiegel der Deutschen. Zwischen Rheinsberg, Jura-Studium und Promotion, Krieg, Paris, den Frauen und seinem „hochverehrten Publikum“ spazierte Steller souverän und behutsam herum. Er löste das „Kreuzworträtsel mit Gewalt“, besah sich im „Dreiteiligen Spiegel“ und hatte Tucholskys Weltbühne-Aufsatz unter dem Pseudonym Theobald Tiger „Immer Brathuhn“ im Gepäck. Mimisch und stimmlich angenehm akzentuiert. Feinfühlig, nachdenklich, tiefgründig und hintersinnig zeigte er, wie sinnreich die Lektüre von Tucholsky ist. Zu wenig kommt er heute zu Wort, zu viel von Heute hat er damals schon vorweggenommen.

Am Ende rezitierte Steller als Zugaben Gernhardt, Heine und Lessings „Der über uns“ – nach langem Applaus.

Von Aneka Schult