Überfall auf Juwelier

Das erlebten die Polizisten am Tatort

Am Landgericht Lüneburg schildern zwei Polizisten, wie sie den Tatort erlebt haben. Ein wichtiger Zeuge nach dem Überfall auf den Celler Juwelier aber fehlt.

  • Von Gunther Meinrenken
  • 20. Mai 2021 | 12:15 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Gunther Meinrenken
  • 20. Mai 2021 | 12:15 Uhr
  • 14. Juni 2022
Anzeige
Celle.

Die Bilder vom Tatort brennen sich ins Gedächtnis. Auf einem Bildschirm im Saal 121 des Landgerichts Lüneburg sind Fotos vom Überfall auf das Juweliergeschäft von Karin und Bernd Heinrichs vom 14. September vergangenen Jahres zu sehen. Ein Täter liegt auf dem Rücken, sein Mund-Nasen-Schutz ist verrutscht, auf seinem Pullover sind Blutflecken, der Mann ist tot. Es ist der Bruder des Angeklagten Alexej H., der bei dem Raubüberfall den Fluchtwagen gefahren haben soll. Als er die Fotos von seinem toten Bruder sieht, stützt er die linke Hand an die Schläfe und schaut zu Boden. Beim Prozessauftakt hatte er geschwiegen.

Polizisten nähern sich Tatort

Ein 31 Jahre alter Polizist und sein 53-jähriger Kollege waren zuerst am Tatort. Beide sagten gestern vor dem Landgericht Lüneburg aus, wo sich H. wegen versuchten besonders schweren Raubs verantworten muss. Der jüngere der Polizisten war mit seinem Motorrad auf Streife, als er kurz vor 16 Uhr die Meldung von dem Überfall erhielt, der ältere hatte gerade mit einem Streifenwagen den Hof der Polizeiinspektion an der Jägerstraße verlassen. Während der Motorradpolizist sich vom Brandplatz aus dem Juweliergeschäft näherte, hielt der Streifenwagen am Markt. "Die Straße war nicht sehr belebt. Im einem Restaurant saßen ein paar Gäste. Die habe ich gefragt, ob sie was gehört hätten, Geräusche oder Schüsse, aber die hatten nichts mitbekommen", sagte der 53-Jährige aus.

Zweiter Täter liegt in großer Blutlache

Vor dem Laden klingelte der jüngere Beamte, ein Summer ertönte und er konnte die Tür aufdrücken. Zuerst sah er nur den Rollstuhl, den die Täter benutzt hatten, um bei dem Juwelier-Ehepaar keinen Argwohn zu erregen. "Als ich zum hinteren Bereich ging, sah ich einen Täter am Boden liegen. Er war augenscheinlich schon tot. In einer Hand hielt er eine Pistole, die ich nahm und auf einen Stuhl legte", so der 31-Jährige. Hinter dem Tresen fand der Polizist den zweiten Täter. „Sein Kopf lag in einer großen Blutlache. Er hat schwer geatmet, hat viel Blut verloren. Wir haben ihn etwas weggezogen, damit er besser Luft bekommt und versucht, Erste Hilfe zu leisten, aber viel konnten wir nicht tun“, erzählte der Polizeibeamte. Wenige Stunden später war auch der zweite Täter verstorben.

Celler Juwelier-Ehepaar verschanzt sich hinter Gittertür

Das Ehepaar Heinrichs stand hinter einer vergitterten Tür, das den Verkaufsraum vom Büro abtrennte. "Sie wirkten verängstigt. Herr Heinrichs war gefasster als seine Frau", sagte der jüngere Polizist aus. Beide hätten dann erzählt, was gerade passiert war. Dass es geklingelt hatte, zwei Männer vor der Tür gestanden haben, von denen einer im Rollstuhl saß. Im Laden sei der eine Täter aus dem Rollstuhl und über den Tresen gesprungen, habe Karin Heinrichs am Hals gepackt. Dann kam Bernd Heinrichs aus dem Büro, mit einer geladenen Pistole, und erschoss beide Täter in Notwehr.

Täter parken vor 35-jähriger Zeugin

Der Rollstuhl spielte bei der Aussage einer weiteren Zeugin eine wichtige Rolle. Eine 35 Jahre alte Frau hatte am Tattag mit ihren drei Kindern am Heiligen Kreuz geparkt, vor dem Restaurant San Marino. Vor ihr stand ein Wagen mit drei Männern im Alter von etwa 35 bis 40 Jahren. Einer von diesen holte einen Rollstuhl aus dem Kofferraum. Dann half er einem Mann aus dem Auto, darin Platz zu nehmen. "Erst am nächsten Tag habe ich von dem Überfall erfahren. Als ich dann von dem Rollstuhl hörte, lief mir ein Schauer über den Rücken...und wir waren zu dieser Zeit vor Ort", sagte die Zeugin.

Frau beobachtet Ausladen des Rollstuhls

Der Frau kam die ganze Aktion recht merkwürdig vor. "Der Mann, der in den Rollstuhl gesetzt wurde, saß auf der Rückbank, der Beifahrerstuhl war nach vorne geklappt und der andere Mann half ihm von der Rückbank, in den Rollstuhl zu kommen. Das ist ungewöhnlich. Normalerweise sitzen Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind auf dem Beifahrersitz", berichtete die 35-Jährige, die dann für ihre Kinder Eis holte. Als sie wiederkam, sah sie noch kurz, wie der Fahrer des Wagens zum Fahrzeug zurückkehrte, einstieg und davon fuhr. Ob dieser Fahrer Alexej H. gewesen ist, konnte sie allerdings nicht sagen.

Rollstuhl-Duo auf Überwachungsvideo zu sehen

Bilder von Videoaufzeichnungen von Gold Jordan in der Schuhstraße gaben weiteren Aufschluss über den Ablauf der Tat. Auf den Aufnahmen war ein paar Minuten vor dem Überfall ein Mann, der einen anderen im Rollstuhl schob, zu sehen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf Höhe der City-Pension, in Richtung Brandplatz.

War „Sprinter“ der Fluchtwagenfahrer?

Ein weiterer Zeuge berichtete, dass er gegen 16 Uhr mit seinem Wagen an der roten Ampel am Schlossplatz stand, als ein Mann von hinten angelaufen kam und vor seinem Auto die Straße kreuzte. "Er war athletisch, rannte sehr schnell. Er lief nicht wie ein Jogger, sondern ich hatte den Eindruck, er läuft vor etwas weg", sagte der 32-Jährige aus. Der Mann sei dann weiter in Richtung Südwall "gesprintet". Erkennen konnte er ihn nicht.

Wichtiger Zeuge erscheint nicht

Das könnte vielleicht ein anderer Zeuge, der gestern allerdings nicht vor Gericht erschienen war. Vergeblich warteten die Prozessbeteiligten am frühen Nachmittag auf einen Mann, der möglicherweise sogar den Angeklagten identifizieren könnte. Nach Aussagen von Rechtsanwalt Felix Matzeit geht es bei der Zeugenaussage um folgendes: Ein Mann sei auf den Zeugen zugelaufen und hatte diesen um sein Handy gebeten, weil er dringend telefonieren müsse. Vom Smartphone des Zeugen soll dann das Handy des zu diesem Zeitpunkt bereits toten Bruders des Angeklagten angerufen worden sein.

Juwelier-Ehepaar sagt aus

Der Prozess wird am 28. Mai um 9.30 Uhr fortgesetzt. Dann wollen Karin und Bernd Heinrichs aussagen. Sie leiden bis heute unten den Folgen des Überfalls, der ihr Leben für immer veränderte.