Tag des Artenschutzes

Öl am Schenkel als Überlebens-Trick

Öl am Bein: Warum sich Bionik-Forscher für diesen Life-Hack der Auen-Schenkelbiene interessieren

  • Von Michael Ende
  • 02. Mar 2020 | 16:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
  • Von Michael Ende
  • 02. Mar 2020 | 16:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
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Celle.

Sie sind mit etwa acht Millimetern eher klein und unscheinbar, schwarz-glänzend gefärbt. Sie verfügt über eine einzigartige Strategie, wenn es um die Futterbeschaffung für ihre Nachkommen geht, und deshalb interessieren sich Bionik-Forscher für ihre Beine. Die Rede ist von der Auen-Schenkelbiene (Macropis europaea), die zur Wildbiene des Jahres 2020 gewählt wurde. "Man kann sie in Celle von Ende Juni bis Ende August bei sonnigem Wetter sehr gut in den Dammaschwiesen beobachten", weiß der Wildbienen-Experte Otto Boecking vom Celler Institut für Bienenkunde. Wer sie in den eigenen Garten locken will, braucht nur ihre essentielle Nahrungsquelle anzubieten: Gilbweiderich. Am heutigen Tag des Artenschutzes zeigt sich am Beispiel der Biene einmal mehr: Alles hängt mit allem zusammen.

Gilbweiderich ist lebenswichtig

Die Auen-Schenkelbiene ist in Europa "mäßig häufig", besonders in unseren nördlichen Regionen bis in den Süden Finnlands verbreitet und besiedelt hauptsächlich Feuchtgebiete. "Während die etwa 570 verschiedenen Wildbienenarten in Deutschland üblicherweise für ihre Nachkommen einen Futterproviant aus Blüten-Pollen und dem Nektar der Blüten in ihr Nest eintragen, sammelt die Auen-Schenkelbiene ausschließlich Pflanzenöle und vermengt sie mit Blüten-Pollen zu einem Ölkuchen," erläutert Boecking. Als Öl-spendende Pflanzen dienten den Schenkelbienen hierzulande Gilbweiderich-Arten (Lysimachia), die häufig – zusammen mit dem Blutweiderich – an Bachufern und Grabenrändern vorkommen. "Das sind der gelb-blütige Gewöhnliche Gilbweiderich, auch Pfennigkraut genannt."

Genial konstruiert

Die weiblichen Schenkelbienen besitzen an den Innenflanken des ersten und zweiten Beinpaares besondere Saugpolster, die sie beim Blütenbesuch des Gilbweiderichs auf deren Öldrüsen-Oberfläche aufdrücken, wodurch das Öl absorbiert wird. "Der aufsaugende Mechanismus ist für die Industrie von Interesse. Dabei versuchen Wissenschaftler von der Natur nützliche Mechanismen abzuschauen, um diese in technische Lösungen umzusetzen. Deshalb sind diese Schenkelbienen für die Bionik von Interesse", sagt der Celler Wissenschaftler: "Gelänge es die Saugpolster dieser Wildbiene technisch umzusetzen, so könnten damit beispielsweise Ölflecken einfach beseitigt werden."

Refugium Dammaschwiese

Die Schenkelbiene baut mit den Pflanzenölen des Gilbweiderichs gut gegen Feuchtigkeit imprägnierte Nester im Boden in der Nähe ihrer Futterpflanzen. "Wer diese kleine Biene und deren Kuckucksbiene, die wunderschöne Schmuckbiene Epeoloides coecutiens in den Dammaschwiesen beobachten will, kann dies elegant vom Weg aus tun und bekommt so keine nassen Füße. Man muss dazu nur die Blüten des Gilbweiderichs betrachten", so Boecking: "Die Dammaschwiesen sind bekanntlich auch Brutflächen für seltene Vögel und in der Nacht Nahrungshabitate für seltene Fledermäuse." Die Nutzung der Dammaschwiesen beispielsweise als Schlittschuhlaufbahn im Winterhalbjahr und das Pflegekonzept mit den dazu notwendigen Mäharbeiten im Herbst seien geeignet, um neben der Schenkelbiene auch der in Niedersachsen eher selten vorkommenden Blutweiderich-Sägehornbiene (Melitta nigricans) Lebensraum zu bieten.

Jeder kann etwas tun

Doch auch Zuhause könne jeder etwas für diese ganz besondere Biene tun, meint Boecking: "Wer die Schenkelbiene in den eigenen Garten locken will, braucht nur den Punkt-Gilbweiderich, eine gezüchtete Zierpflanze, zu pflanzen. Irgendwann werden diese dann von diesen schönen und friedlichen Bienen entdeckt."

Naturschutzgebiete sind Refugien für bedrohte Arten

Der Landkreis Celle hat einige Projekte zum Thema Artenschutz zu bieten, denn praktisch in allen Naturschutzgebieten werden Lebensräume für gefährdete Tiere und Pflanzen geschaffen.

"Herausragend sind bei uns natürlich die Heideflächen, die der Landkreis als Träger des Naturparks Südheide seit über 50 Jahren in seiner Pflege hat", so Landkreis-Sprecher Tore Harmening. Dort gebe es unter anderem Lungenenzianbläuling, Bärentraube, Ziegenmelker und Zauneidechse. Zu Beginn wurden die Flächen vor allem aus touristischen Gründen gepflegt: "Heute sind fast alle größeren Heideflächen als Naturschutzgebiete geschützt, weil auch der Nutzen für die Insekten erkannt wurde."

Ein wichtiges Areal sind auch die Meißendorfer Teiche. "Der Landkreis Celle kaufte einen Großteil des Gebietes mit Unterstützung durch das Land und den Bund. Bis 2004 waren rund sechs Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln für den Ankauf von Flächen aufgewendet worden", so Harmening. In dem Gebiet sind 130 Brutvogelarten und 60 Rastvogelarten zu Hause, 40 sind in ihrem Bestand gefährdet, wie etwa der Seeadler. Außerdem gibt es 40 Libellen- und 400 Schmetterlingsarten.

Das älteste Naturschutzgebiet im Landkreis ist das "Breite Moor" bei Burghorn, das seit 1975 besteht. Anfang 1990 gab es im Celler Land 13 Naturschutzgebiete, im Jahr 2000 waren es 18, inzwischen sind es 24. Im Kreis Celle stehen 4,9 Prozent der Fläche unter Naturschutz. Zuletzt kamen das "Lünsholz" bei Unterlüß, das "Quell- und Durchströmungsmoor mit Kleingewässern" bei Dalle, "Hellern bei Wietze" und die Heiden im Nordkreis dazu.