Radfahren in Celle

Schneller, breiter, länger

So soll der Radverkehr in Celle verbessert werden.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 15. Nov. 2020 | 09:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
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  • 15. Nov. 2020 | 09:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

CELLE. Die Ausgangssituation in Celle ist sehr gut, doch es gibt noch viel zu tun auf dem Weg zu einer fahrradfreundlichen Stadt. So lässt sich kurz zusammenfassen, wie es um den Radverkehr vor Ort bestellt ist. Oberbürgermeister Jörg Nigge hatte im April 2019 eine Fahrrad-Offensive losgetreten. Ein Baustein: die Erstellung eines Fahrradaktionsplans. Am Donnerstag stellte Thiemo Graf, Geschäftsführer des beauftragten Büros „Institut für innovative Städte“, im Verkehrsausschuss einen Zwischenstand vor – ein umfangreicher Bericht soll folgen. Auf der Basis dieser Untersuchung soll ein Aktionsprogramm aufgestellt werden, das in den kommenden fünf Jahren den Radverkehr in Celle nach vorne bringen soll. Erste Bewertung von Stadtbaurat Ulrich Kinder: „Der Fahrradaktionsplan ist gut gemacht mit umsetzbaren Vorschlägen.“

Wandel beimRadfahren

Graf machte deutlich, dass sich in den vergangenen Jahren das Fahrrad vom Freizeitgerät hin zu einem konkurrenzfähigen Verkehrsmittel gewandelt habe. Der Radverkehr werde „schneller, breiter und länger“, so der Verkehrsexperte mit Blick etwa auf Pedelecs, die Geschwindigkeiten bis 25 Stundenkilometer erreichten, was zu mehr Überholvorgängen führe, oder auf den Trend hin zu Lastenrädern, die eben breiter und länger sind. „Dies stellt neue Anforderungen an eine zeitgemäße Radinfrastruktur, zum Beispiel breitere Radwege, größere Kurvenradien, Verzicht auf Bordsteinkanten oder zumindest bei den stark frequentierten Routen eine Trennung vom Fußverkehr“, heißt es in der Kurzfassung des Fahrradaktionsplans.

Das sinddie Stärken

In Celle gibt es nach Meinung von Graf einen hohen Bestand an Radverkehrsanlagen, viele getrennte Geh- und Radwege. Der Radverkehr hat einen hohen Anteil am Verkehrsaufkommen und die Innenstadt weist eine hohe Durchlässigkeit hinsichtlich der Erschließung für den Zielverkehr auf. Viele Einbahnstraßen seien bereits für den Radverkehr in Gegenrichtung geöffnet worden. Die Wegweisung sei flächendeckend, die Anbindung an Freizeitradwege werde positiv bewertet, Gleiches gelte für die Ballung von Schulstandorten als zentrale Zielpunkte. Als Pluspunkt verzeichnet das Institut für innovative Städte zudem, dass es einen hohen Anteil an Tempo-30-Zonen sowie verkehrsberuhigten Bereichen gebe. Positiv sei auch die Anzahl der Abstellanlagen etwa am Bahnhof oder in der Innenstadt.

Das sinddie Schwächen

Graf und sein Team kommen allerdings zu dem Schluss, dass „die Schwächen dennoch klar überwiegen“. So sei die Verkehrsinfrastruktur stark auf den motorisierten Individualverkehr ausgerichtet. Zu wichtigen Zielen seien weite Wege zurückzulegen. Von den abgefahrenen maßgeblichen Radverbindungen in der Stadt Celle „entspricht die Hälfte nicht den Empfehlungen für Radverkehrsanlagen, keine Route erfüllt durchgehend den Standard“, führte Graf im Ausschuss weiter aus.

Der Geschäftsführer des Instituts für innovative Städte bemängelt zudem, dass es viele kombinierte Geh- und Radwege gebe und in einigen Straßen sehr grobes Kopfsteinpflaster. Weiterer Kritikpunkt: Auf vielen Verbindungen sei die Führung nicht optimal. Das bedeutet: Die Radfahrer erlebten einen ständigen Wechsel von Schutzstreifen, erlaubtem Fahren auf dem Bürgersteig oder das Fahren auf gemeinsamen Geh- und Radwegen. Das gelte es zu vereinheitlichen. Als Risiko hat Graf außerdem die schwache Finanzsituation der Stadt Celle ausgemacht. Ein Kostenrahmen ist allerdings noch nicht beziffert worden.

Das sinddie Ziele

Nach den Empfehlungen von Graf komme es darauf an, „ein durchgehend sichtbares Netz zu schaffen, die Führungsformen zu minimieren und die Klarheit der Trassen sowie der Linienführung herzustellen“. Ein Instrument: In Celle soll ein hierarchisches Radnetz aufgebaut werden, das aus Hauptrouten und Basisrouten besteht. Entsprechende Verbindungen haben die Gutachter für das Stadtgebiet bereits entwickelt. Die Hauptrouten stellen die zentralen Achsen des Radwegenetzes dar, sie sollen möglichst baulich vom Fußverkehr getrennt werden, entweder auf Radwegen oder Fahrradstraßen. Die Basisrouten gelten quasi als Zubringer zu den Hauptachsen, erschließen weniger wichtige Ziele oder führen den Radverkehr aus Wohngebieten an die Hauptrouten heran. Die qualitativen Anforderungen sind geringer als bei den Hauptrouten.

Das sinderste Ideen

Als Vorgeschmack auf mögliche Umgestaltungen stellte Graf im Ausschuss drei Projekte vor. So soll der Altenhäger Kirchweg als Hauptroute für eine schnelle Radwegeverbindung in die Innenstadt in weiten Teilen als Fahrradstraße umgestaltet werden. Der Aufwand dafür sei gering. Bereits etwas komplizierter gestalte sich die Umwandlung der Straße Trift zu einer Fahrradstraße. Ziel: Schaffung einer attraktiven und direkten Hauptverbindung vom Bahnhof in die Altstadt. Graf zeigte sich im Ausschuss davon überzeugt, dass die Stadt für die Umsetzung dieses Vorhabens auch Fördermittel aus dem neuen Förderprogramm „Stadt und Land“ erhalten könne. Zuschüsse in Höhe von 80 Prozent der Investitionssumme seien durchaus realistisch.

AutofreieInnenstadt?

Ein Vorschlag dürfte für besonders viel Gesprächsstoff sorgen: der durchgehend gegenläufige Radverkehr auf dem Inneren Ring, mit oder ohne Autoverkehr. Graf schlägt vor, „mit einer Förderung des Radverkehrs die Lebens-, Aufenthalts- sowie Wirtschaftsqualität im Herzen der Stadt zu stärken“. In vier möglichen Varianten, die man auch als Ausbaustufen verstehen könne, geht es darum, wie autofrei die Innenstadt werden soll. In Variante 4 wäre der Autoverkehr quasi aus der Altstadt verbannt, etwa auch aus der Schuhstraße oder dem Südwall. Dabei würden frei gewordene Parkflächen für andere Nutzungen, etwa für die Gastronomie, oder die Verbreiterung der Radverkehrsflächen zur Verfügung stehen. Letztlich ist dies eine Entscheidung der Politik. Gleichwohl machte Stadtbaurat Kinder bereits deutlich, dass die Stadt gewillt sei, den Südwall für den gegenläufigen Radverkehr zu öffnen.

Weitere Teile der Serie "Radfahren in Celle" finden Sie hier.

Von Radfahren in Celle: Stadt legt Fahrradaktionsplan vor

Wer Anregungen für den Radverkehr in Celle hat, kann sich unter g.meinrenken@cellesche-zeitung.de melden.

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