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Celle Stadt Staatsorchester Braunschweig begeistert in Celle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Staatsorchester Braunschweig begeistert in Celle
16:54 03.12.2015
Staatsorchester Braunschweig in Union
Staatsorchester Braunschweig in Union Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Zu einem gleichermaßen begeisternden und genussvollen Konzerterlebnis wurde das Gastspiel des Braunschweiger Staatsorchesters unter der Leitung von Gerd Schaller am Mittwoch in der Congress Union. Neben der einleitenden Haydn-Ouvertüre zu „Acis und Galatea“ standen Klavierkonzerte von Bach (d-Moll) und Haydn (G-Dur) sowie Beethovens Sinfonie Nr. 1 (C-Dur) auf dem Programm. Als Solistin fungierte mit Ekaterina Derzhavina, Professorin am Moskauer Konservatorium, eine anerkannt profilierte Haydn-Interpretin. Und das stellte sie bei dessen ausgesprochen experimentierfreudig gestalteter Komposition mit viel Einfühlungsvermögen, Spielwitz und poetischem Gespür unter Beweis. Ihre Interpretation wurde – weit entfernt von „oberflächlichem Gerede“ – zu einem ungemein lebendigen und interessanten konzertanten Dialog, womit sie den Komponisten wirkungsvoll „aus dem verharmlosenden Image des 'Papa Haydn' zu befreien“ wusste, wie sie es in einem Gespräch selbst formulierte. Da wurden selbst die Pausen zum gehaltvollen Ausdrucksmittel.

Derzhavinas Prämisse, intellektuellen Form- und Feinsinn gegen den flüchtigen Effekt zu stellen, wurde schon zuvor bei Bachs Klavierkonzert offensichtlich. Was dabei besonders auffiel, war ihre gelungene interpretatorische Gratwanderung: Sie erlag nicht der Versuchung, die dynamischen Dimensionen des ursprünglichen Cembalo-Konzertes mit den Möglichkeiten des Konzertflügels zu sprengen. Was sie wiederum nicht daran hinderte, dem Konzert neue Seiten abzugewinnen, die dem Cembalo verschlossen sind, und ihrer Empfindsamkeit dabei freien Lauf zu lassen.

Drive und Kraft steckten auch in der Interpretation der Beethoven-Sinfonie, mit der das Konzert nach der Pause fortgeführt wurde. Symptomatisch bereits der anfängliche Septakkord: bei Schaller keine halbherzige Pose, sondern stark akzentuierte Sforzato-Provokation und Programm für das Folgende. Da spürte man die Tonschöpfung des damals vor Selbstbewusstsein strotzenden jungen Beethoven. Da hörte man im bestrickenden Bad des Wohlklangs immer auch dessen feuerköpfiges Aufbegehren. Denn gemütlich wurde es bei Schaller nicht. Er ließ das Orchester auf Phrasenhöhepunkte hin spielen, zog also im genau richtigen Moment das Tempo minimal an, wodurch sich das musikalische Geschehen einfach schwungvoller, energiegeladener anhörte, ohne vordergründig überdreht zu wirken und den natürlichen Fluss der Musik zu stören. Und dann diese entspannenden Momente am Phrasenende. Das war ein gelungenes Zusammenwirken von geschmeidig pulsierender Binnenspannung und wohl geordneter Harmonie. Ein fesselndes Musikerlebnis.

Von Rolf-Dieter Diehl