Sterben in Pandemiezeiten

So hat Corona Tod und Trauer in Celle verändert

Wie sehr hat sich unsere Wahrnehmung über das Sterben und den Tod seit Beginn der Corona-Pandemie verändert? Ein Theologe und ein Bestatter aus Celle berichten.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 08. Mai 2021 | 12:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
In Zeiten der Corona-Pandemie ist der Tod einsamer geworden.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 08. Mai 2021 | 12:00 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

83.591. So viele Menschen sind in Deutschland laut Daten des Robert-Koch-Instituts bereits im Zusammenhang mit dem Corona-Virus gestorben (Stand: 4. Mai 2021). In der 52. Woche des Jahres 2020 waren es allein 5724 – der traurige Rekord hierzulande. Auch die CZ druckt täglich die aktuellen Zahlen von Infizierten und Verstorbenen.

Wie verändert Corona Sicht auf den Tod?

Todesfälle und Inzidenzwerte bestimmen das öffentliche Leben. Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges war der Tod in Deutschland vermutlich nie präsenter. Was macht das mit uns? Wie verändert sich unsere Sicht auf den Tod? Müssen wir unsere Sterbekultur neu überdenken? Dazu äußern sich zwei Celler, die sich beruflich mit dem Sterben und dem Tod beschäftigen.

Celler Theologe Peter Kuhlmann: Rückblick aufs Leben wichtig

Peter Kuhlmann, Theologe und Autor aus Celle: "Bei meinem Kontakt mit dem Tod geht es meistens um das Leben. Eine gute Trauerrede ist für mich auch eine Form der Lebensbilanz. Dieser halbstündige Rückblick auf die Jahrzehnte ist ganz wichtig im Trauerprozess. Nicht nur, dass die Angehörigen möchten, dass der Verstorbene positiv dargestellt wird, es dient auch der Vermittlung zwischen denen, die bleiben, und der Person, die gegangen ist. Wie oft habe ich das schon gehört: Ich wusste ja gar nicht, dass Oma/Opa das gemacht haben? Der Tod ist eine Lehrstelle. Über das Leben sprechen, kann diesen leeren Raum füllen.

Tod eines geliebten Menschen belastet Angehörige

Ich möchte dabei helfen, dass der Verstorbene einen schönen Abschied bekommt. Der Tod berührt mich dabei nicht. Viel mehr die, die zurückbleiben. Die Situation von Angehörigen, für die durch den Tod des Lebenspartners auch der Lebensinhalt wegbricht, macht mir zu schaffen. In solchen Momenten erreicht der Tod eine besondere Härte. Umso schöner ist es, wenn ich bei meinen Vorgesprächen auf eine intakte Familie treffe. Da weiß ich, dass das soziale Netz gut gespannt ist.

Einsamer Tod in Zeiten der Corona-Pandemie

Die Pandemie hat den Tod einsamer werden lassen. Wenn Menschen nicht richtig voneinander Abschied nehmen können und wenn sie daran gehindert werden, sich durch sozialen Kontakt in ihrer Trauer begleiten oder ablenken zu lassen, dann ist das einfach schlimm. Bei einer Beerdigung konnte ich eine junge Frau beobachten, die zunächst die eineinhalb Meter Abstand zu ihrer trauernden Mutter einzuhalten versuchte, aber irgendwann nicht mehr anders konnte, als zu ihr rüber zu rutschen und in den Arm zu nehmen. Ich konnte sie sehr gut verstehen.

Peter Kuhlmann

Gleichzeitig haben die strengen Anordnungen für Trauerfeiern auch dazu geführt, dass den Menschen der Druck genommen wird, in ihrer Trauer daran zu denken, auch ja jeden Bekannten zur Beerdigung einzuladen. Diese viel kleineren und dadurch intimeren Runden erleben viele als positiv.

"Beschäftigen uns mehr mit dem Tod als mit dem Leben"

Insgesamt empfinde ich die Stimmung als sehr bedrückend. Seit einem Jahr beschäftigen wir uns mehr mit dem Tod als mit dem Leben. Auf Dauer kann das kein Zustand sein."

Celler Bestatter Friedhelm Bornemann: Trauerarbeit hat sich verändert

Friedhelm Bornemann ist Bestatter aus Celle. Das sagt er zum Thema Tod in Zeiten der Pandemie: "In unserer Statistik spielt das Corona-Virus so gut wie keine Rolle. In all den Monaten haben wir zwei Menschen bestattet, die an den Folgen des Virus gestorben sind. Allerdings hat sich die komplette Trauerarbeit nachhaltig verändert. Die begrenzte Personenzahl bei Beerdigungen, die zu wahrende Distanz, der nicht mehr vorhandene Trauerkaffee. Ich hätte nicht gedacht, die Wertigkeit einer Umarmung noch einmal so intensiv zu erfahren.

Abschiednahme in Corona-Zeiten schwieriger

Wir Menschen sind soziale Wesen, und gerade in der Trauerbewältigung suchen und brauchen wir Körperkontakt, Nähe, eine starke Schulter. Bei den Bestattungen versuchen sich die Angehörigen mit Gesten zu behelfen, etwa einer angedeuteten Umarmung.

Nach der Beisetzung bringen es viele Angehörige nicht übers Herz, Distanz zu wahren.

Aber das ist natürlich nicht dasselbe. Nachdem Sarg oder Urne beigesetzt wurden und man persönlich zu den Angehörigen geht, um sein Beileid zu bekunden, bringen es viele nicht mehr übers Herz, diese Distanz zu wahren und kommen sich näher. Was wiederum für Befremdlichkeiten sorgen kann. Diese Ambivalenz macht die Abschiednahme nur noch schwieriger.

Kein Trauerkaffee nach Beerdigung

Ich vermisse den Trauerkaffee im Anschluss an die Beisetzung. „Fell versaufen“, hat man das früher mal genannt, wenn mit Bier und Korn auf den Verstorbenen angestoßen wurde. Heute reichen Kaffee und Kuchen, um zusammen zu sitzen, auch mal zu lachen und die Trauer abzuschütteln. Diese Möglichkeit fehlt ungemein. Stattdessen versprechen sich die Menschen, nach dem Ende der Pandemie noch mal „richtig“ Abschied zu nehmen.

"Das Leben ist anders geworden"

Ich hoffe, dass wir in der Zeit nach Corona noch bewusster miteinander umgehen. Dass wir soziale Kontakte, oder so etwas scheinbar Unspektakuläres wie eine Umarmung mehr zu schätzen wissen. Den Tod hat die Pandemie nicht verändert, der Tod ist immer gleich. Aber das Leben ist anders geworden."

Von Alexander Raack

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