Christa Brand

Ein Leben für das Theater

Seit 1. Februar 1971 ist Christa Brand am Schlosstheater Celle als Garderobiere tätig. Die 82-Jährige möchte nuch ein paar Jährchen dranhängen.

  • Von Jürgen Poestges
  • 28. May 2022 | 16:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
  • Von Jürgen Poestges
  • 28. May 2022 | 16:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
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Celle.

Schon beim ersten Blick in den Flur des Hauses in Westercelle ist zu sehen, woran das Herz von Christa Brand hängt. Denn die Wand dort und die Kellertreppe hinunter sind dicht behängt mit Plakaten von Theatervorführungen und Fotos von Schauspielern. „Kommen Sie, geben Sie mir Ihre Jacke. Ich hänge sie auf, dafür bin ich ja da“, sagt die 82-Jährige und lacht.

Voller Einsatz hinter der Bühne

Seit 1. Februar 1971 ist Christa Brand am Schlosstheater Celle als Garderobiere tätig. Aber nicht etwa als Empfangsdame für die Besucher, sondern mit vollem Einsatz hinter der Bühne, um den Schauspielern in die Kostüme zu helfen, wenn sie kurz von der Bühne kommen, als „Ankleiderin“, wie es auf der Internetseite des Schosstheaters heißt. Ihre Entscheidung, diese Arbeitsstelle anzunehmen, bezeichnet sie als beste in ihrem ganzen Leben. „Ich habe eine Arbeit gesucht, als meine Tochter in den Kindergarten gekommen ist. Da habe ich die Stellenausschreibung des Theaters gesehen und mich beworben.“ Dabei sei es eigentlich für diesen Beruf nötig, dass man Schneiderin sei. „Das war ich aber nie. Man hat mich trotzdem eingestellt“, erzählt Brand.

Zum ersten Mal auf der Bühne

Am Anfang, sagt sie, da sei sie noch etwas schüchtern gewesen. Aber nach vier Wochen hat sie sich getraut. „Da habe ich dann mal gefragt, ob ich mal auf die Bühne gehen dürfte. Und als ich da oben stand und in den Zuschauerraum geschaut habe, da hatte ich das Gefühl, ich bin angekommen.“ Und dieses Gefühl hat sie auch heute noch. Wenn sie erzählt von ihrer Zeit im Theater, dann strahlen ihre Augen und sie wirkt noch jünger als ohnehin schon. Wer Christa Brand nicht kennt, der kommt nie auf die Idee, sie sei schon über 80 Jahre alt. „Das Theater hält halt jung“, sagt sie.

An Silvester im Jahr 1939 wurde Brand als drittes von vier Kindern in Osterwick im Kreis Danzig-Land geboren. Der Vater war Polizeiwachtmeister in dem kleinen Ort, die Mutter Weißnäherin. Als Christa Brand viereinhalb Jahre alt war, musste die Familie vor der herannahenden russischen Armee aus Westpreußen fliehen. In Deutschland kamen sie zunächst nach Eldagsen, als sie 14 Jahre alt war folgte der Umzug nach Hannover. Dort machte sie eine Lehre als Textilverkäuferin.

Zwei Fotoalben mit Erinnerungen

Ihr Leben aber widmet Christa Brand seit 1971 dem Theater. Zwei dicke Fotoalben liegen vor ihr auf dem Tisch, darin jede Menge Erinnerungen an Theaterstücke, Schauspieler und auch Intendanten. „Andreas Döring ist der sechste, den ich hier miterlebe“, sagt sie nicht ohne Stolz. Am meisten beeinflusst hat sie aber Eberhard Johow. „Mit ihm habe ich die längste Zeit am Theater verbracht. Und zwischen ihm, seiner Frau und mir hat sich eine richtige Freundschaft entwickelt“, erinnert sich Brand. So gibt es ein Foto, auf dem Johow mit seiner Frau und dem Schauspieler Gerd Fröbe nach einem Gastspiel auf der Celler Bühne zu sehen ist. Zu seinem Abschied schenkte Johow „seiner“ Garderobiere ein gerahmtes Foto mit einer Szene aus „Romeo und Julia“. „Das war mein Lieblingsfoto mit zwei tollen Schauspielern“, erzählt Brand.

Überhaupt, die Schauspieler. Wie viele sie hat kommen und gehen sehen, das lässt sich gar nicht sagen. „Das müssen Hunderte gewesen sein“, glaubt sie. Und sie hat da nach wie vor ihre Lieblinge, die sie in den Fotoalben verewigt hat. Zu jedem Bild hat sie eine eigene Geschichte. Langweilig wird es nie, wenn man Christa Brand zuhört.

"Jeder Handgriff muss sitzen"

Dabei ist der Job hinter der Bühne gar nicht so einfach. „Manchmal hat man ja nur eine halbe Minute Zeit, um dem Schauspieler sein altes Kostüm aus- und das neue anzuziehen. Da muss wirklich jeder Handgriff sitzen, sonst bringt man alles durcheinander.“ Und sie erinnert sich an einen Kollegen, der sich nie merken konnte, was er als Nächstes an- oder ausziehen sollte. „Mit ihm habe ich mich dann so geeinigt, dass ich ihm immer zugerufen habe, was er machen soll.“

Zweimal, erinnert sich Christa Brand, musste sie auch selbst auf die Bühne. 1982 hat sie in dem Stück „Lasst uns Lügen erzählen“, einer Krimikomödie von Alfonso Paso, eine Novizin gespielt. Sechs Jahre später hat sie vor der Aufführung von „Rotkäppchen und der Wolf“ den Kindern im Publikum das Wolfskostüm vorgeführt und den Schauspieler vorgestellt, der in diese Rolle schlüpfen sollte. „Damit die Kinder während des Stückes keine Angst bekommen, haben wir das immer gemacht“, erzählt Brand.

Auftritt vor dem Publikum

Einmal, da stand sie auf der Bühne, obwohl es gar nicht geplant war. „Ich war eine Zeit lang krank gewesen. Und als ich wieder im Einsatz war, hat mir meine Vertretung erzählt, ich müsse zunächst einen der Schauspieler hinter der Bühne fesseln, dann hinten herumlaufen und einen Mantel von der Bühne holen. Was sie mir aber nicht erzählt hat, war, dass ich warten soll, bis das Bühnenlicht aus ist.“ Und so stand sie plötzlich vor Publikum auf der hell erleuchteten Bühne. „Das war mir sowas von peinlich“, erinnert sie sich und kann jetzt darüber lachen. „Damals war Jürgen Kaczmarek mit im Ensemble. Er hat mir hinterher erzählt, er wäre kurz davor gewesen, auf die Bühne zu kommen und zu rufen: Da ist ja die Christel von der Post.“

„Ein, zwei Jährchen noch dranhängen

Ans Aufhören denkt Christa Brand indes noch nicht so richtig. „Ich denke, so ein oder zwei Jährchen kann ich durchaus noch dranhängen“, sagt sie und lächelt verschmitzt. Letztlich würde sie auch die Arbeit im Theater und an der Bühne so richtig vermissen. Und wohl auch den Kontakt zu den Kollegen. „Es ist ein tolles Gefühl, dass mich jeder kennt und sich freut, mich zu sehen. Es macht einfach sehr viel Spaß hier.“ Wobei sie zugibt, dass es früher etwas entspannter zuging im Theater. „Da haben wir auch mal Betriebsausflüge gemacht. Und wir sind durch die Innenstadt gezogen, um Werbung für ein Stück im Theater zu machen.“ So zog das Ensemble zum Beispiel mit einem Pferdewagen durch die Altstadt, um „Mutter Courage“ anzukündigen.

Und es spielte auch schon einmal ein Pferd mit bei einem Stück im Innenhof des Schlosses. „Das darf man heue ja gar nicht mehr, aus Tierschutzgründen“, sagt Brand.

Aber ihre Liebe zum Theater ist nach wie vor ungebrochen. Es werden ganz bestimmt noch viele Fotos und Plakate dazukommen, um die Wohnung zu schmücken.

lebenslauf

31. Dezember 1939

Geburt in Osterwick/Danzig als drittes von vier Kindern

1944

Flucht aus Westpreußen vor russischer Armee nach Deutschland

1953

Umzug nach Hannover / Lehre als Textilverkäuferin

1961

Heirat mit Dieter Brand

1962

Geburt von Tochter Heike

1966

Geburt von Tochter Ulrike

1. Februar 1971

Beginn der Arbeit im Schlosstheater