Schulen kooperieren

Celler Projekt fürs Herz und alle Sinne

Was war das für eine Lebensfreude am Mittwoch in der Turnhalle der Paul-Klee-Schule! Gymnasiasten aus Burgdorf übten mit den Celler Schülern für ein Sportfest.

  • Von Andreas Babel
  • 21. Nov. 2019 | 19:58 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Andreas Babel
  • 21. Nov. 2019 | 19:58 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Heese..

Fröhliches Gewusel herrscht in der Sporthalle der Paul-Klee-Schule. In weiße T-Shirts gewandet sind die Schüler des Sport-Leistungskurses des Gymnasiums Burgdorf. Sie stehen zu zweit an zehn Stationen und leiten die Schüler der Paul-Klee-Schule Celle an, motivieren sie, klatschen ab, wenn die Übung absolviert ist. „Das ist so ein friedliches Miteinander. Und das, obwohl wir sonst viele Probleme mit Gewalt haben“, sagt Uwe Kirchner, der Leiter der Celler Förderschule für geistige Entwicklung.

Ausnahmeprojekt über Kreisgrenzen hinweg

Es ist ein absolutes Ausnahmeprojekt, das die Celler Schule und das Gymnasium Burgdorf unter seinem Leiter Michael Loske da umsetzen. „Kulturelles Lernen verbindet“ ist das Motto des inklusiven Projekts, das am Mittwoch in der Paul-Klee-Schule vorgestellt wurde. „Das ist ein sehr umfassendes Projekt, das in zwei unterschiedlichen Landkreisen angesiedelt ist und das ganze Schuljahr im Blick hat“, sagte Kirchner. Wiebke Schwarzrock-Pittalis ist vom Gymnasium Burgdorf für sechs Unterrichtsstunden an die Paul-Klee-Schule abgeordnet. Die Kunstlehrerin ist begeistert vom Projekt: „Es liegt mir sehr am Herzen und spricht mir aus der Seele.“

Beide Seiten gewinnen

Kreis-Schuldezernent Frank Reimchen hob hervor, dass das Projekt „weit über die bisherige Inklusion hinausgeht“. Es ermögliche, die Teilhabe der benachteiligten Schüler noch „wesentlich zu erweitern“. Schwarzrock-Pittalis hatte Kirchner bei einer Fortbildung kennengelernt. So kam es zu der für beide Seiten gewinnbringenden Kooperation. Im Gegensatz zu Celle gibt es in Burgdorf nur ein einziges Gymnasium. Dort habe sich der „gesellschaftliche Querschnitt sehr verändert“. Eltern, Schüler und Lehrer hätten immer mehr Beratungsbedarf. Und dann war da noch die E-Mail eines Schülers. Der hatte sich in dieser offenen Mail ans gesamte Burgdorfer Kollegium mit dieser Forderung gewandt: „Wir wollen weniger Fachwissen vermittelt bekommen, sondern wir wollen mehr Lebensweisheit erlangen.“ Fragen nach dem „Wer bin ich?“ und „Wo gehe ich hin?“ sollten besprochen werden.

„Müssen ihre Schüler mit im Blick haben“

Für die Gymnasiasten seien die „ganz besonderen Begegnungen“, die dieses Projekt ermögliche, „persönlichkeitsbildend“. Hier werde gesellschaftliche Inklusion vorgelebt und indem die Schüler Verantwortung übernehmen, sei es zudem demokratiefördernd. „Unsere Schüler werden Berufe ergreifen, wo sie Ihre Schüler mit im Blick haben müssen“, sagte die Pädagogin ans Kollegium der Paul-Klee-Schule gerichtet. Schwarzrock-Pittalis spricht von einem „unfassbaren Gewinn“, den das Gymnasium durch das Projekt erfahre.

Paul-Klee-Schüler gleich zweifach beeinträchtigt

Kirchner führt aus, dass seine Schüler zu den Beeinträchtigungen, „die sie schicksalhaft mitgebracht haben“, auch noch von vielen Institutionen „schwer beeinträchtigt“ würden. Weil er weiß, dass seine Schule isoliere und das ein großer Nachteil sei, öffne sich die Paul-Klee-Schule, suche seit vielen Jahren Partner, hole bei Veranstaltungen Menschen in die Einrichtung und besuche mit den Schülern kulturelle Veranstaltungen. Neu sei es, dass man nun mit dem Gymnasium Burgdorf einen Partner gefunden habe, mit dem man das kontinuierlich mindestens ein Jahr lang gemeinsam betreibe.

Sponsoren für 20.000 Euro teure Fahrt gesucht

Der Konrektor der Paul-Klee-Schule, Patrick Hahne, informierte über die geplante gemeinsame Fahrt ins Paul-Klee-Zentrum nach Bern. „Für viele unserer Schüler ist ein Leben am Rande der Gesellschaft eine Perspektive, die wahrscheinlich eintreten wird“, sagte Hahne. Das Leben und Wirken ihres Namensgebers, „gemeinsam leben lernen auf bunten Wegen“ sei Programm für die Paul-Klee-Schule. Ziel müsse sein, dass die Schüler auch später weitestgehend frei von Fremdbestimmung leben können. Für die gemeinsame Fahrt ins Berner Zentrum sucht die Paul-Klee-Schule noch Sponsoren. Diese Fahrt wird etwa 20.000 Euro kosten, das Gesamtprojekt (für 600 Schüler) zirka 60.000 Euro.

Der Wortverarmung entgegenwirken

Die Burgdorfer Lehrerin Svenja Pfennig berichtete über das Projekt „Wortreich“. Damit wolle man „der Tendenz der Wortverarmung bei Jugendlichen entgegenwirken“. Hier gebe es auch eine Kooperation verschiedener Burgdorfer Einrichtungen vom Kindergarten über die Schulen bis hin zum Mehrgenerationenhaus. So würden auch Lehrer des Gymnasiums an die Burgdorfer Grundschulen gehen.

Auch Gymnasiasten haben "Störbilder"

Felicitas Kittel, ebenfalls Lehrerin in Burgdorf, stellte den fachlichen und pädagogischen Austausch zwischen den beiden Schulen näher vor. Auch das Gymnasium habe heutzutage vermehrt mit Schülern zu tun, die „Störbilder“ hätten. Da der Umgang mit solchen Schülern nicht zur Ausbildung eines Gymnasiallehrers gehöre, freue man sich auf den Austausch mit den eigens dafür ausgebildeten Förderschullehrern. Neben Einzelfallberatung und Fachtagungen an der Paul-Klee-Schule sowie gemeinsamen Dienstbesprechungen gebe es die schon jetzt verwirklichte Möglichkeit von Abordnungen und Hospitationen.

Zwei Lehrerinnen gegenseitig an die jeweilige Partnerschule abgeordnet

Wie Wiebke Schwarzrock-Pittalis ist auch die Kunstlehrerin Skirmante Borsette abgeordnet. Da sie auch die Befähigung für das Lehramt Realschule besitzt, ist es für sie kein Problem, einmal wöchentlich in Burgdorf zu unterrichten.

Sport macht Angebote auf niedrigschwelligem Niveau

Sportlehrer Sebastian Ginser hob die Bedeutung des Sports fürs Soziale Lernen hervor. „Hier lassen sich auf ganz niedrigschwelligem Niveau Begegnungen schaffen“, sagte Ginser, Teamgeist entstehe.

Nicht immer nur am Rand, sondern jetzt auch mal mittendrin

Arne Borstelmann berichtete vom Kinotag in der Paul-Klee-Schule, den eine 10. und zwei 9. Klassen aus Burgdorf besucht hätten. „Für die Schüler des Gymnasiums war diese Schule auch ein entlegener Ort, dem man sich nähern darf“, sagte Borstelmann in Anspielung auf den Film, der den Titel „An den Rändern der Welt“ trägt. Die Burgdorfer Gymnasiasten tragen ihren Beitrag dazu bei, dass die Schüler der Paul-Klee-Schule sich nicht ständig an den Rand gedrängt fühlen, sondern mittendrin sind.

jede menge gemeinsame aktivitäten

Am Dienstag, 26. November, lädt die Paul-Klee-Schule in der Zeit von 14 bis 17 Uhr zum Tag der offenen Tür und gleichzeitig zum Adventsbasar ein. Es gibt Kaffee und Kuchen und man kann viele selbst hergestellte Weihnachtsgeschenke kaufen.

Am 6. Dezember besuchen zehn Schüler der Paul-Klee-Schule und eine zehnte Burgdorfer Klasse das Sprengel Museum in Hannover, um dort gemeinsam an einem Workshop teilzunehmen.

Ebenfalls noch im kommenden Monat werden die Kunsterzieherinnen Wiebke Schwarzrock-Pittalis und Skirmante Borsette auf dem Schulgelände der Paul-Klee-Schule einen Skulpturenpark nach Landart entstehen lassen.

Im Januar 2020 will der Sport-Leistungskurs mit den Schülern der Paul-Klee-Schule ein Sportfest durchführen, für das am Mittwoch schon fleißig geübt worden ist.

Im Februar kommenden Jahres wird es im Internet einen Online-Kongress geben, bei dem auch ein Dokumentarfilm gezeigt wird, den Philipp von Zitzewitz über das Projekt dreht.

Im Februar wird es eine Kulturwoche im Stadtmuseum Burgdorf geben, bei der es Musik- und Tanzbeiträge, eine Kostüm- und Modenschau (Bauhaus und Skurilles), eine Kunstausstellung zum Mitmachen und eine Podiumsdiskussion geben wird.

Vom 4. bis 8. Mai 2020 fahren Schüler, Lehrer und Eltern beider Schulen gemeinsam ins Paul Klee Zentrum Bern, um dort im Kindermuseum Creativo drei Tage lang gemeinsam an Kunst-Workshops teilzunehmen.

Während einer Projektwoche im Sommer soll im Burgdorfer Gymnasium ein Informationsraum entstehen, in dem sich künftig Lehrer und Schüler über das Thema, wie man beeinträchtigte Schüler unterstützen und ihre Begabungen für den Unterricht nutzen kann, informieren können.

Besuche bei den Proficlubs Hannover 96 (Fußball) und den „Recken“ (Handball) mit Erlebnissen von Spiel und Training sowie Begegnungen mit Akteuren sind weitere gemeinsame Höhepunkte. Zudem gibt es Theater-, Musik- und weitere Kunstprojekte.