Radfahren in Celle

Streitpunkt "taktile Kante"

Streit um taktile Kanten an Fahrradwegen in Celle: Deswegen brauchen Sehbehinderte die Kante und deswegen wollen Radfahrer sie abschaffen.

  • Von Gunther Meinrenken
  • 08. Sep 2020 | 17:12 Uhr
  • 14. Jun 2022
  • Von Gunther Meinrenken
  • 08. Sep 2020 | 17:12 Uhr
  • 14. Jun 2022
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Celle.

Lassen sich die Interessen von Sehbehinderten und Radfahrern unter einen Hut bringen? Beim kontroversen Thema " taktile Kanten " wohl nicht. Die CZ hatte Wilhelm Eggers, verkehrspolitischer Sprecher des Celler ADFC, Werner Gläser, und Bernd Skoda, ehemaliger Celler Verkehrsplaner und seit ein paar Jahren Berater für Barrierefreiheit im SoVD Niedersachsen zum Ortstermin geladen. Ergebnis: Die Sehbehinderten sind auf die taktilen Kanten, an denen im Stadtgebiet immer wieder Radfahrer stürzen, angewiesen.

Durcheinander am Übergang

Schüler fahren in Zweier- und sogar Dreiergruppen nebeneinander auf dem Radweg, aus der Fußgängerzone biegen Radfahrer bei Dettmer & Müller um die Ecke in Richtung Französischer Garten, auf der falschen Seite, ein etwa 60-Jähriger kommt fast an der taktilen Kante zu Fall, weil er besonders clever sein möchte und wahrscheinlich denkt, dass es kein Verstoß ist, wenn er rechts neben der roten Ampel vorbeifährt, ein Rollstuhlfahrer, der auf dem Radweg unterwegs ist, gerät beim Abrutschen an der Kante in Schieflage – wild geht es zu am Übergang zur Fußgängerzone an der Westcellertorstraße.

Sehbehinderte in Celle brauchen die Kante an Fahrradwegen

Etwas abseits stehen Gläser, Eggers und Skoda und diskutieren über die taktile Kante. Die Haltungen sind eindeutig. Gläser und Skoda sind sich einig. "Radfahrer können sehenden Auges Gefahren erkennen und ihr Verhalten darauf einrichten. Das können blinde- oder stark sehbehinderte Menschen leider nicht." Die Stadt habe die Übergänge gemäß der DIN-Norm richtig gestaltet.

Eggers will die Interessen der Sehbehinderten gar nicht hinanstellen. Aber: " Überall im Stadtgebiet stürzen an den Kanten immer wieder Radfahrer . Hier geht es ja noch, der Hauptgefahrenpunkt ist die Altenceller Schneede/Braunschweiger Heerstraße. Die Absenkung ist bei ungünstigen Sichtverhältnissen schlecht zu sehen", meint Eggers. Sein Kompromissvorschlag: Ein so genanntes Rollbord ohne Kante, wie es beispielsweise in Bremerhaven praktiziert werde. Doch Skoda und Gläser halten das für Sehbehinderte für zu gefährlich. "Wir brauchen die taktile Kante, um uns zu orientieren", so Gläser.

Mehr Beteiligung bei künftigen Projekten gewünscht

Kommen die drei bei diesem Punkt auf keinen gemeinsamen Nenner, so sind sie sich bei einem anderen Thema einig. Skoda, Gläser und Eggers wünschen sich mehr Beteiligung, wenn die Stadt im Straßenbild etwas ändern möchte, wären gerne bei der konkreten Umsetzung mit von der Partie. "Ich bekomme Pläne zugeschickt und kann Anmerkungen machen. Was daraus wird, erfahre ich nicht", sagt Skoda, der niedersachsenweit pro Jahr etwa bei 40 bis 50 Verkehrsprojekten eingebunden ist. "Andere Städte machen das besser als Celle. Da werde ich sogar eingeladen, wenn die Bauabnahme ist und kann noch auf kritische Punkte hinweisen", so Skoda und Gläser und Eggers nicken zustimmend.

Weitere Teile der Serie "Radfahren in Celle" gibt es hier .