Junge Beamtin berichtet

Polizistin über die Jagd nach Pädophilen

Eine Polizistin aus dem Fachkommissariat Kinderpornografie der Polizei in Celle jagt Pädophile. Wie die riesigen Datenmengen gesichtet werden, wer die Täter sind und wie sie versucht, abzuschalten.

  • Von Jürgen Poestges
  • 26. Juni 2020 | 15:56 Uhr
  • 14. Juni 2022
Die Fälle von sexuellem Kindesmissbrauch sind zahlreicher, als man glauben könnte.
  • Von Jürgen Poestges
  • 26. Juni 2020 | 15:56 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

Sarah Müller (Name von der Redaktion geändert) ist eine weltoffene, freundliche junge Frau von 24 Jahren. Und mit wippendem Pferdeschwanz erzählt sie freudig: „Ich habe heute meinen Fünf-Kilometerlauf erfolgreich absolviert. Der gehört zu den Voraussetzungen für eine unbefristete Einstellung.“

Erst kürzlich wurde ein Pädophiler aus Celle zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Der erschütternde Fall und wie er durch einen Nachbarn entdeckt wurde.

Bachelor-Arbeit über Pädophilie

Was niemand vermuten würde: Sarah Müller arbeitet bei der Polizei Celle im Fachkommissariat 1, Sachgebiet Kinderpornografie. Ein ungewöhnlicher Beruf für eine junge Frau. Seit einem Jahr sitzt sie in dem Büro einem erfahrenen Kollegen gegenüber. „Ich habe am Ende meines Studiums meine Bachelor-Arbeit über Pädophilie geschrieben, mich interessiert das Thema einfach. Und dann habe ich mich auf diese Stelle hier beworben.“

Nach dem kürzlich bekannt gewordenen Fall des schweren sexuellen Missbrauchs mehrerer Kinder in Münster ist auch die Arbeit der Ermittler in den Mittelpunkt gerückt. Ein hoher Polizeibeamter in Münster hat darauf hingewiesen, dass sich die Ermittler „ziemlich viel Dreck“ anschauen müssten bei diesen Fällen.

"Das ist oft sehr heftig"

Das kann Sarah Müller nur bestätigen. „Da gibt es wirklich nichts, was es nicht gibt“, sagt sie. „Und es sind ja nicht nur Bilder, sondern auch Videos, die wir auf den Festplatten und Speichermedien finden, meistens auch mit Ton.“ Das sei schon sehr oft sehr heftig, was da zu sehen sei. Mehr wolle und dürfe sie aber dazu nicht sagen. Nur soviel: „Es zieht sich wirklich durch jede Gesellschaftsschicht.“ Und sie ergänzt: „Es ist auch die Menge der vielen Dateien, die zusätzlich belastet. Wir reden hier manchmal über Terabyte.“

"Als Polizist will man ermitteln"

Wie geht sie als junge Beamtin mit solchen Dingen um? „Als Polizeibeamter will man ja ermitteln, man will etwas erfahren. Da schaut man schon ein wenig anders auf diese Bilder als jemand, der sich nicht so intensiv mit dem Thema beschäftigt. Das ist genauso, wenn man an den Schauplatz eines Mordes kommt. Man blickt als Ermittler anders auf die Szene, weil man Spuren finden und Täter ermitteln will.“ Mann müsse sich auch klar machen, dass Pädophilie eine Krankheit sei. „Das heißt, bei allen schrecklichen Dingen, die Kindern da angetan werden, diese Menschen dürfen ihren Trieb aber nicht folgen, um nicht straffällig zu werden.

Allerdings kann auch sehr vielen dabei geholfen werden, die Krankheit in den Griff zu bekommen, damit so etwas nicht wieder passiert.“

"Habe einen guten Weg gefunden“

Auch sie habe schon einiges gesehen, dass sie sehr schockiert habe. „Aber wir haben immer die Möglichkeit, sofort aufzuhören und uns psychische Hilfe zu holen.“ Da sei nicht zuletzt der Kollege im Büro eine große Hilfe. Bisher habe sie es immer sehr gut geschafft, sich nicht zuviel mit nach Hause zu nehmen. „Ich habe da für mich bisher einen guten Weg gefunden.“ Außerdem bekomme man zwischendurch auch einmal einen Fall aus einem anderen Bereich zugeteilt. „Damit wir uns nicht nur mit diesem Thema auseinandersetzen müssen.“

Gleich bei ihrem ersten Fall allerdings hat sich der überführte Täter das Leben genommen. „Das ist eine Erfahrung, mit der man auch lernen muss umzugehen“, sagt sie. Wie es überhaupt fast immer so sei, dass sich die ertappten Menschen in Grund und Boden schämen. „Das ist meist die erste Reaktion. Was aber nichts daran ändert, dass sie bestraft werden müssen.“

"Etwas Gutes bewegen"

Man unterscheide zwischen Tätern, die sich über das Internet mit Fotos und Videos versorgen und den sogenannten „Hand-on-Delikten“, bei denen die Täter selber aktiv sind. „Man macht es, um etwas Gutes zu bewegen, um diese Dinge aufzudecken und zu stoppen. Das ist ein gutes Gefühl, wenn man das geschafft hat.“ Zumal es oft so ist, dass man davon ausgehen kann, dass hinter jedem Täter, den man erwischt, noch viele andere sind, die dann Fotos und Videos von ihren Rechnern löschen. „Weil wir ja feststellen können, mit wem der Täter vernetzt war. So etwas spricht sich schnell herum in der Szene.“

"Opfer-orientierte Arbeit"

Das Wichtigste sei für sie aber die opfer-orientierte Arbeit. „Es sind die Kinder, die traumatisiert sind. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass die schneller erzählen, was passiert ist, wenn die Eltern nicht dabei sind. „Ansonsten schämen sie sich zu sehr, sie haben das ja vor Mama und Papa verheimlicht. Wir versuchen ihnen immer klar zu machen, dass sei nichts falsch gemacht haben und keine Angst zu haben brauchen.“

Um zu vermeiden, dass die Kinder unter Umständen bei einem Prozess vor Gericht aussagen müssen, werden die Befragungen per Video aufgenommen. „Das kann dann bei der Verhandlung gezeigt werden, sollten irgendwelche Fragen danach auftauchen, wie das Kind bei der Befragung reagiert hat.“

Aktuell ermittelt sie auch in dem Fall des Mannes, der ein Mädchen am Montag in der Feldmark im Flotwedel auf abartige Weise sexuell belästigt hat. „Wir haben bereits einen Zeugenaufruf gestartet, wir erhoffen uns noch den entscheidenden Hinweis.“