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Celle Stadt Niedersachsen zu Gast in Celle: Herzlich, herb und heiter
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Niedersachsen zu Gast in Celle: Herzlich, herb und heiter
19:03 20.06.2010
Von Andreas Babel
Celle Stadt

Wie ist er, der Niedersachse? Wie „tickt“ er? Was zeichnet ihn aus? Was macht ihn stark? Gibt es überhaupt den Niedersachsen? Oder ist die Frau von der Küste ganz anders als der Mann aus dem Wendland? Wenn nicht hier und an diesem Wochenende beim „Tag der Niedersachsen“ in Celle, wo dann sollte die Gelegenheit gewesen sein, diesen Fragen nachzugehen? Wir haben uns zu denen begeben, die ihre Heimatregionen repräsentieren und sie befragt. Herausgekommen sind interessante Einsichten von völlig verschiedenen Sturmfesten und Erdverwachsenen.

Der Wendki: Da ist zunächst einmal Bernd Schulz. Der 46-Jährige ist ehrenamtlich für den Landestrachtenverband in Celle dabei. Als Gärtner im Öffentlichen Dienst schwärmt er von den Parks der Herzogstadt. Seine Familie lebt seit mindestens 1540 im Kirchspiel Hitzacker. Und dort will auch er bleiben. Nichts zieht ihn in die Ferne. Ja, das stimme wohl, dass der Niedersachse erdverwachsen sei, meint er. Von dem Menschenschlag seiner Gegend spricht man als den „Wendkis“, meint Schulz. Aber so ganz einig sind sich die Leute, die im Landkreis Lüchow-Dannenberg wohnen, nicht. Denn der Nordkreis wolle eigentlich gar nicht dazugehören, erzählt Schulz. Und dann diese Weisheit: „Der Niedersachse ist, egal wo er wohnt, Niedersachse.“ Das hat Tiefgang. Dem kann man nicht widersprechen. Darüber muss man erst einmal nachdenken.

Die Harzvorländerin: Nebenan treffen wir auf Helvi Ritter. Die 43-Jährige ist zwar nordöstlich von Berlin geboren, lebt aber seit 1991 mit Mann Uwe (48) und den beiden Kindern Lena (20) und Ole (17) in Northeim. „Ich bin noch dabei, dass es meine Heimat wird“, sagt die Geschäftsführerin der Northeim Touristik. Zum Harz wolle man dort nicht gehören. „Wir liegen zwischen Harz und Weser“, sagt sie und damit hat sie wohl recht.

„Die Niedersachsen sind ganz unterschiedlich. Ich kenne kein Bundesland, in dem man so viele Unterschiede vom Menschenschlag finden kann. Ich glaube ja, dass der Humor der Menschen trockener wird, je nördlicher man kommt. Ich finde das sehr positiv“, sagt Ritter. Ost-West-Unterschiede dieser Güte hat sie in unserem Bundesland hingegen nicht festgestellt. In Northeim seien die Menschen der Tradition und ihrer Heimat verbunden. Aber das werden an diesem Nachmittag nahezu alle Gesprächspartner von ihrem Lebensumfeld berichten.

Der Ostfriese: Wilm Mölendorp (56) sieht in seiner Tracht aus wie ein Ostfriese, er redet so wie einer und er gestikuliert auch wie einer. Dabei sind seine Vorfahren erst um 1700 aus dem Rheinland „eingewandert worden“, wie er sich ausdrückt, weil man dem Moorland um Aurich brauchbares Land abringen wollte und da brauchte man seinerzeit jede helfende Hand.

Man vermutet nicht, dass dieser Mann sein Geld als Konstrukteur für Software im Bereich der Automatisierungstechnik für Mercedes Benz verdient. Das ist auch das einzig Moderne, was man dem Mitglied der Trachtengruppe Sandhorst abringt. Mit seiner Frau Margret ist er seit 29 Jahren verheiratet. Gemeinsam haben sie zwei Kinder. Frank (26) und Ute (22). „Ich denke, wir sind ein freundliches Völkchen“, sagt er über die Ostfriesen. Gemütlichkeit und Ruhe zeichne den Menschschlag um Aurich herum aus. Es gebe schon Unterschiede zu den Menschen aus anderen Regionen Niedersachsens, aber vermag er nicht in Worte zu fassen. Heimatverbunden sei auch er, ja, das sei so. Aber vielleicht ist das ein Unterschied zu anderen: Wenn der Ostfriese mal an die 25 Kilometer nahe Nordsee-Küste fahre, dann mache er das nicht in der Hochsaison, sondern im Frühjahr oder im Herbst. „Da ist sonst einfach zu viel los.“

Der Stader: Heiner Brandt hat nichts mit dem gleichnamigen Handball-Bundestrainer zu tun. Der Heiner Brandt aus Stade, den wir im maritimen Dress antreffen, verdingt sich als „Fremdenführer“. Mal biete er Abendführungen als „Dämmertörn“ an, mal steche er mit dem „Tidenkieker“ in See. 62,13 Jahre sei er alt, sagt er scherzhaft. Mit 62 Jahren sei er als Verwaltungsbeamter in Pension gegangen. Seit 13 Jahren widmet sich der heute 75-Jährige mit Leidenschaft der Aufgabe, Fremde mit den Eigenarten seiner Heimat bekannt zu machen.

Seit 44 Jahren ist er mit seiner Frau Herta verheiratet. Sohn Jens ist 43 Jahre alt. „Die Menschen sind hier wie fast überall in Niedersachsen nett und freundlich. Da wir nahe am Wasser wohnen, sind wir in Stade etwas maritim eingestellt“, sagt er. Das habe bei ihm auch verwandtschaftliche Wurzeln. So sei sein Großvater Schiffer auf der Oste gewesen. Weltreisen seien nicht sein Verlangen. Seine Lieblings-Reiseziele seien vollkommen entgegengesetzt: So besucht er gerne das ruhige Schweden wie auch das quirlige Italien.

Die Cuxhavener: Martin Dischereitt (dessen Urgroßeltern aus Ostpreußen stammen) ist erst seit Donnerstag in Celle und schon fehlt ihm das Meer und die frische Luft der Nordseeküste. Der junge Mann ist Techniker am „Stadion am Meer“ von Cuxhaven und liebt es, gelegentlich auf dem Wasser zu Kite-Surfen. Wolf-Dieter Schink lebt zwar erst seit 10 Jahren in Cuxhaven, hat sich aber sein eigenes Bild von den Küsten-Bewohnern gemacht. Sie seien dort aufgeschlossener „Fremden“ gegenüber, weil Cuxhaven seit 1902 Seebad ist und viele Fremde hier Urlaub machen. „Die alten Kapitäne machen oft einen kauzigen oder mürrischen Eindruck. So sind sie aber gar nicht: Wer sie kennen lernt, wird sehen, dass sie sehr menschenfreundlich sind“, schwärmt Schink.

Die Heidjer: Mit verschränkten Armen empfängt Maik Seefeldt (45) den Fragensteller. Was diese Geste denn bedeute? „Na: Was will der denn von mir.“ Seefeldt und Gunther Zarger (46) schmunzeln. Nein, so stur, wie gemeinhin behauptet, seien die Heidjer nicht. In ihrer Dorfgemeinschaft von Steinbeck an der Luhe werde jedermann gerne aufgenommen, der mitmischen wolle. Genauso könne man in dem Dorf mit dem phantastischen Erntefest (12. September dieses Jahres) aber auch seinen eigenen Weg gehen. Voll tolerant also, die Heidjer.