Mitmenschen in Not

"Erster Teller heiße Suppe war meine Rettung"

Sie hat ihren schwerkranken Mann gepflegt, doch nach seinem Tod wurde Sabine T. aus ihrer Wohnung geekelt. Hilfe hat sie bei der Diakonie Celle gefunden.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 27. Nov 2021 | 09:05 Uhr
  • 14. Jun 2022
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  • 27. Nov 2021 | 09:05 Uhr
  • 14. Jun 2022
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Celle.

Der appetitliche Geruch von gefüllten Paprika hängt in der Luft. Aus der angrenzenden Küche dringt das geschäftige Geräusch von Topfgeklapper und Gelächter. „Chefin“ Silke Dümeland und ihr Kollege Ludwig Freed haben auch an diesem Tag alle Hände voll zu tun. Seit 11.30 Uhr versorgen sie ihre Gäste mit dem Tagesmenü und aufmunternden Worten.

Jeder willkommen bei der "Essenszeit" der Diakonie Celle

Hier ist jeder willkommen, der sich auf eine leckere Mahlzeit freut, die frisch zubereitet auf dem Herd steht. Für zwei Euro bietet die „Essenszeit“ der Diakonie Celle nicht nur etwas Warmes für hungrige Mägen, sondern auch einen Ort, an dem man zusammenkommt, jemanden zum Plaudern findet – und oft auch ein offenes Ohr zum Zuhören. Deshalb wird die Essenszeit auch regelmäßig mit Mitteln aus der CZ-Weihnachtsaktion "Mitmenschen in Not" unterstützt.

Ort der Zusammenkunft, wo man ein offenes Ohr findet

„Wir sind heute alle etwas mitgenommen und traurig“, eröffnet die Leiterin der Einrichtung das Gespräch. „Eigentlich sollte Friedrich P. (Name wurde von der Redaktion geändert) hier dazukommen, um persönlich zu erzählen, warum er seit vielen Jahren herkommt und wie das hier so ist. Aber gestern hat er gefehlt. „Und heute haben wir erfahren, dass man ihn Tod in seiner Wohnung gefunden hat. Er war so ein netter, ruhiger und immer freundlicher Mann und nun ist er, noch keine 60, ganz unerwartet im Bett verstorben. Dabei hatte er den Ein-Euro-Job schon in der Tasche und sollte demnächst unser Team unterstützen. Darauf haben wir uns alle sehr gefreut.“

Eigene Scham überwinden

Einmal tief durchgeschnauft, dann lächelt sie wieder und bittet eine zierliche Frau, dazuzukommen. Sabine T. (Name wurde von der Redaktion geändert) wirkt scheu und gleichzeitig entschlossen. Seit etwa zwei Monaten ist die Ü60-Jährige regelmäßiger Gast bei der Essenszeit. „Ich hab mich lange nicht getraut. Hab mich sooo geschämt, aber irgendwann war der Hunger so groß und hat alle Bedenken weggewischt …“. Silke Dümeland nickt ihr aufmunternd zu: „Ich hab sie still im Türrahmen stehen sehen. Sie wirkte so verloren, hat einen kaum angesehen. Ich musste sie sanft drängen, reinzukommen. Als sie mir ihre Bezugsmarke für ein freies Essen entgegen hielt, liefen bereits die ersten Tränen“.

Die erste warme Mahlzeit seit langem

„Es gab Eintopf“, erinnert sich Sabine T. „richtig deftig. Hab ihn schon im Eingang gerochen. Vielleicht hätte mich der Mut noch verlassen, aber ich hatte solchen Hunger und dieser Duft war überwältigend. Und dann bekam ich hier einen dampfenden Teller Kartoffelsuppe serviert – meine erste warme Mahlzeit seit langem – und dann noch einen Nachschlag … und anschließend eine Tasse Kaffee und eine Tüte Kekse zum Mitnehmen. Ich konnte es kaum glauben. Dümeland lacht. „Sie sahen so aus, als bräuchten sie das – noch nie habe ich jemanden getroffen, der so dankbar war, für das was wir hier anbieten“.

An Krebs erkrankten Mann zehn Jahre gepflegt

Und Sabine T. erzählt ihre Geschichte: „Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal an so einem Tiefpunkt lande. Vor einem Jahr war ich noch jemand, der zumindest finanziell gut zurecht kam. Ich hatte meinen an Krebs erkrankten Mann zehn Jahre lang, bis zu seinem Tod, gepflegt. Das hat mich, wie es sich später herausstellte, traumatisiert. Ich bekomme die schlimmen Bilder seiner letzten Leidenswochen nicht mehr aus dem Kopf und bin deshalb in Behandlung. Aber ich hatte eine bezahlbare Wohnung und bekomme Witwenrente …“

Frau bekommt Mordandrohung

Der Horror begann, als die Familie der Vermieter begann, die alleinstehende Frau zu terrorisieren, um sie zum Auszug zu bewegen. Und nicht nur sie, wie sich später herausstellte. Auch andere Mieter, die schon lange dort wohnten wurden bedroht. Es kam zu Zerstörungen und Angriffen, bis zur Mordandrohung. „Ich hatte zunehmend Angst, aber wo sollte ich so schnell hin? Eine Wohnung zu finden mit kleinem Budget ist nicht einfach.“ Die Furcht wurde so groß, dass sie sich schließlich überhaupt nicht mehr nach Hause traute.

Ein paar Wochen auf der Straße geschlafen

Ein paar Wochen schlief sie auf der Straße. Als es kälter wurde, suchte sie sich die günstigste Pension. Von dem letzten Geld beauftragte sie eine Umzugsfirma, ihr Hab und Gut auszuräumen und in einem gemieteten Container unterzubringen. Dann waren Nerven und Geld zu Ende. „Die Miete wurde ja weiter abgebucht.“ Der Hunger hatte alle klaren Gedanken und Handlungsmöglichkeiten überdeckt. Erst die beiden Teller Eintopf und die erfahrene liebevolle Achtung und Fürsorge bei der Essenszeit haben Sabine T. die Kraft gegeben, ihr Schicksal wieder selbst in die Hand zu nehmen.

Umzug in neue Wohnung

Inzwischen hat sie Anzeige erstattet und einen Anwalt mit ihren Belangen beauftragt. Die Wohnung ist fristlos gekündigt und in ein paar Tagen kann sie in eine neue Wohnung einziehen. „Die Diakonie hat mir in so vielen Bereichen geholfen, aber der erste Teller heißer Suppe und die Freundlichkeit der Menschen hier waren meine Rettung.“

Von Doris Hennies

So können Sie helfen

Die große Tombola in der Celler Innenstadt als traditioneller Teil der CZ-Weihnachtsaktion fällt dieses Jahr coronabedingt leider aus. Helfen können Sie aber mit Ihrer Geldspende. Das Konto des gemeinnützigen Vereins „Mitmenschen in Not“ läuft unter dem gleichnamigen Stichwort mit der IBAN DE74269513110000009910 bei der Sparkasse Celle-Gifhorn-Wolfsburg (BIC: NOLADE21CEL). Bis zu einem Betrag von 200 Euro erkennt das Finanzamt Celle den Einzahlungsbeleg als Spendenquittung an.

Öffnungszeiten der Essenszeit: dienstags bis freitags ab 10.30 Uhr, Essensausgabe 11.30 Uhr bis 13 Uhr

Ansprechpartnerin:

Silke Dümeland

Harburger Straße 20

29221 Celle

Telefon: (05141) 38 13 10

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