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Celle Stadt „Mein SPD-Parteibuch nehme ich mit ins Grab“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Mein SPD-Parteibuch nehme ich mit ins Grab“
13:59 13.06.2010
Von Ralf Leineweber
Dr. Peter Struck in der CZ
Dr. Peter Struck in der CZ Quelle: Peter Müller
Celle Stadt

Sie haben einst den Satz geprägt: Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt. Welche Bedeutung hat diese Aussage vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse?

Der Satz gilt auch heute noch. Wir müssen dort präsent sein, vor allem für unsere eigene Sicherheit. Man muss aber auch wissen, dass es sich um einen Kampfeinsatz handelt. Es können Menschen sterben, es können Soldaten sterben. Von einem Kriegseinsatz aber würde ich nicht sprechen.

Inwieweit verändert der von der Bundeswehr angeforderte Luftangriff auf zwei Tanklastwagen mit einer großen Zahl von Toten Ihre Sichtweise?

Der Vorfall ist gravierend – es muss geklärt werden, ob der Kommandeur sich richtig verhalten hat. Ich kann nur soviel sagen: Ich kenne ihn persönlich – Oberst Klein ist kein leichtfertiger Offizier.

Ist der Bundeswehr-Einsatz zu lange verharmlost worden?

Wir haben die Schwere des Einsatzes unterschätzt. Als wir 2001 reingegangen sind nach Afghanistan, haben wir gedacht, wir könnten nach drei oder vier Jahren wieder rausgehen. Und jetzt sind wir bereits acht Jahre dort und es ist kein Ende abzusehen. Das Problem ist unterschätzt worden, weil die Taliban zu der Zeit, als ich Minister war, relativ machtlos waren.

Wie froh sind Sie, in der jetzigen Situation nicht Verteidigungsminister zu sein?

Ich habe mich nie vor Verantwortung gedrückt. Außerdem gab es auch früher schon Situationen, in denen ich den Angehörigen von im Einsatz gefallenen Soldaten in die Augen blicken musste.

Wer überbringt in solchen Fällen die erste Nachricht?

Im Grunde genommen macht das der Kommandeur. Persönlich war ich während meiner Zeit als Minister auch immer betroffen. Das war stets eine schwierige Situation, denn ich habe nah am Wasser gebaut. Glücklicherweise sind aber auch immer Theologen und Psychologen dabei, die die Menschen betreuen.

Sie waren 29 Jahre Bundestagsabgeordneter, parlamentarischer Geschäftsführer, Fraktionsvorsitzender, Verteidigungsminister. Erinnern Sie sich an ein besonders prägendes Ereignis während dieser Zeit?

Das war schon der 9. November 1989: der Tag des Mauerfalls. Ich saß im Bundestag in einer Finanzdebatte. Die Sitzung wurde unterbrochen und wir haben die Nationalhymne gesungen. Das war schon ein bedeutender Tag, genauso wie der Tag der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 mit vielen sehr bewegenden Momenten.

Gibt es eine politische Entscheidung, von der Sie im Rückblick denken, damals einen Fehler gemacht zu haben?

Das war damals mein Widerstand gegen den Nachrüstungsbeschluss der NATO, also gegen die Politik von Helmut Schmidt. Heute bin ich fest überzeugt, dass erst dieser Beschluss zur Stärkung von Michael Gorbatschow und zum Verfall der Sowjetunion geführt hat.

Sie haben in Ihrer Tätigkeit sehr viele Persönlichkeiten kennen gelernt. Welcher Politiker hat sie am meisten beeindruckt?

Da sind zuerst Willy Brandt und Herbert Wehner genauso wie Helmut Schmidt, der damals Kanzler war und zu dem ich heute noch engen Kontakt habe. Außerdem gehört Gerhard Schröder dazu: Ich hatte Anfang der 90-er meine Probleme mit ihm und er mit mir – aber dass er die Agenda 2010 durchgesetzt hat, verdient Respekt. Die war und ist richtig.

Lob auch für

Helmut Kohl

Fällt Ihnen auch jemand aus dem anderen Lager ein?

Natürlich gehört auch Helmut Kohl ohne Frage zu den großen Persönlichkeiten der deutschen Politik. Er hat sehr zielgerichtet auf die deutsche Einheit hingearbeitet und sich große Verdienste erworben. Er hat seinen Ruf aber mit der CDU-Parteispendenaffäre kaputt gemacht.

Und das Gegenteil?

Da fallen mir Oskar Lafontaine und Wolfgang Clement ein: Sie haben der SPD alles zu verdanken, was sie heute sind, und treten der Partei dann so in den Hintern. Das macht man nicht.

Wie war Ihr Verhältnis zu den CDU-Abgeordneten aus unserem Wahlkreis?

Hans Hubrig aus Südwinsen, den ich zu Beginn meiner Parlamentarierzeit kennenlernte, war ein ausgesprochen angenehmer Mensch. Klaus-Jürgen Hedrich, der auf ihn folgte, wohnte in meiner Nachbarschaft in Uelzen. Mit dem jetzigen CDU-Abgeordneten Henning Otte habe ich wenig Kontakt.

Sie waren stellvertretender Stadtdirektor von Uelzen und wollten eigentlich Oberstadtdirektor in ihrer Geburtsstadt Göttingen werden. Was hat Ihre Karriere in andere Bahnen gelenkt?

Ich war in den Jahren 1984 bis 1986 Obmann im Flick-Untersuchungsausschuss und wollte damals eigentlich nur acht Jahre im Bundestag bleiben und dann zurück in die Kommunalpolitik. Dass es anders kam, habe ich nicht zuletzt dem damaligen Fraktionsvorsitzenden Hans-Jochen Vogel zu verdanken, der mich 1990 zum ersten parlamentarischen Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion machte, obwohl ich in meinen damaligen Tätigkeitsbericht zum Ausschuss einiges geschrieben habe, was dem einen oder anderen in meiner Partei nicht gefallen hat.

Welche Tätigkeit hat Ihnen am meisten Freude bereitet?

Das war schon die Zeit als Minister. Ich habe sehr viel Freude an dem Amt gehabt, weil unsere Soldaten über eine hohe Kompetenz verfügen. Andererseits hat man als Fraktionsvorsitzender natürlich mehr zu sagen.

Gab es ein Amt, das Sie ausgeschlagen hätten, wenn es Ihnen angeboten worden wäre?

Ja, das Gesundheitsministerium. Abgesehen davon, dass ich niemals mehr in der Öffentlichkeit hätte rauchen dürfen: Es ist ein solches Gestrüpp von starken Lobby-Verbänden, da können Sie sich nur drin verlaufen. Ich bin froh, dass dieser Kelch an mir vorübergegangen ist.

Die wenigsten Abgeordneten bringen es zum Fraktions­chef oder Minister.

Niemand sollte nach Berlin gehen und sagen, ich will Minister werden – das kann man sich gleich abschminken. Am wichtigsten ist es, dass sich ein Abgeordneter um seinen Wahlkreis und um die Probleme der dort lebenden Menschen kümmert. Andererseits wird von uns Politikern oft zuviel erwartet. Die Menschen müssen einfach wissen, dass auch Politiker nicht alles können.

In Ihre Zeit als Abgeordneter fiel auch der Umzug des Parlaments von Bonn nach Berlin. Wie würden Sie den Unterschied zwischen beiden Städten in der politischen Arbeit beschreiben?

In Bonn war es enger und gemütlicher, man lief sich alle paar Meter über den Weg. Außerdem war die Medien-Landschaft eine gänzlich andere. Der Medien-Konkurrenzkampf in Berlin ist sehr ausgeprägt und führt dazu, dass es heute nur noch darum geht, jede Entwicklung sofort kommentieren zu müssen, ohne dass Zeit bleibt, sie überhaupt selbst zu analysieren.

Wenn Sie Ihre Zeit mit Höhen und Tiefen in der SPD Revue passieren lassen: Wo steht die SPD heute?

Die Parteien-Landschaft hat sich über die Jahre erheblich verändert. Als ich kam, gab es nur drei Fraktionen, jetzt gibt es fünf. Natürlich sind die in Umfragen prognostizierten 25 Prozent ein schlechtes Ergebnis für die SPD. Aber wir werden am Wahltag besser dastehen. Ich glaube auch, dass es eine Frage von einigen Jahren sein wird, bis die Linke zu uns zurückkehrt. Das hängt auch davon ab, wer sich nachher durchsetzt gegen Lafontaine. Die brauchen ihn jetzt noch für den Westen, ansonsten aber gibt es bereits viele Realpolitiker bei den Linken.

Für wie wahrscheinlich halten Sie eine Fortsetzung der großen Koalition nach der Bundestagswahl?

Keiner der Beteiligten will sie, obwohl wir gemeinsam vieles erreicht haben. Ich glaube aber auch, dass große Koalitionen nicht gut für die Demokratie sind. Besser ist es, eine starke Regierung und eine starke Opposition zu haben.

Sie sind seit 44 Jahren Parteimitglied. Haben Sie je an Austritt gedacht?

Nie! Ich werde mein Parteibuch mit ins Grab nehmen. Selbst wenn ich einmal an der Partei zweifelte, habe ich stets versucht, loyal zu sein und auch anders lautende Meinungen durchzusetzen. Das war so in der Frage der Kernenergie-Nutzung, als Helmut Schmidt Kanzler war und ich als Bezirksvorsitzender dagegen. Außerdem erinnere ich mich an meine erste Rede, die ich in größerem Kreis gehalten habe: damals 1977 in Hamburg auf dem Parteitag gegen die Atom-Politik von Helmut Schmidt.

Wehmut nach

der letzten Sitzung

Wie schwer fällt Ihnen der Abschied aus der Politik?

Es war eine freiwillige Entscheidung. Wenn es so ist wie jetzt, dass mir wildfremde Leute sagen: „Schade, dass sie aufhören, Herr Struck“, dann ist das genau der richtige Zeitpunkt. Außerdem weiß ich nicht, wieviel Zeit mir der liebe Gott noch gibt. Jetzt müssen Jüngere die Verantwortung übernehmen – ich will nicht zu denen gehören, die nicht loslassen können.

Aber kommt nicht doch ein wenig Wehmut auf, jetzt da es soweit ist?

Natürlich. Am Dienstag um 17.05 Uhr bin ich nach der letzten Sitzung aus dem Plenarsaal gegangen, habe mich noch einmal umgedreht und dann gesagt: „Das war’s dann, hier geht’s du nicht wieder rein.“ Das war schon ein komisches Gefühl.

Wie darf man sich den Ruheständler Peter Struck vorstellen?

Erst einmal werden meine Frau und ich nach der Wahl Urlaub in Spanien machen. Außerdem wartet eine intakte, schöne große Familie mit sieben Enkelkindern auf mich.

Nach 25 Jahren Wochenend-Ehe bedeutet das eine erhebliche Umstellung.

Natürlich muss man sich erst wieder daran gewöhnen, die meiste Zeit miteinander zu verbringen, aber da sehe ich bei uns kein Problem.

Werden Sie sich weiterhin politisch engagieren?

Ich bleibe stellvertretender Vorsitzender der Friedrich-Ebert-Stiftung, aber das ist auch alles.

Klavierspielen lernen –

das neue Ziel

Haben Sie einen privaten Wunsch, den Sie sich im Ruhestand gern erfüllen würden?

Ja, ich möchte Klavierspielen lernen.

Und wie sieht es mit einem Buch von Peter Struck aus?

Ja, ich denke schon. Allerdings ist es eigentlich nur interessant, wenn man es relativ schnell nach der aktiven Zeit auf den Markt bringt. Ideen dafür habe ich schon. Immerhin habe ich von 1983 an bis zum Jahr 2002 Tagebuch geführt. Als ich Minister wurde, ging das nicht mehr.

Was ist mit dem Motorrad? Bislang sind Sie häufig auf zwei Rädern von Berlin nach Uelzen zurückgefahren.

Das war die absolute Entspannung für mich. Ich hoffe, dass mir das auch noch lange vergönnt ist. Das kommt für mich wirklich einem Abschalten vom Polit-Leben gleich. Ich möchte künftig noch viel Motorrad fahren können – solange man mich nicht draufheben muss ...

Eine abschließende Frage: Was ist wahrscheinlicher – dass übernächste Woche, am Wahl-Wochenende, ihr Lieblingsverein Borussia Dortmund in der Bundesliga gegen Schalke 04 gewinnt oder dass Frank-Walter Steinmeier Kanzler wird?

Der Schalke-Fan Steinmeier muss damit leben, dass Borussia gewinnt. Dafür wird er dann Kanzler werden.