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Celle Stadt Kammerspiel der Kälte / Stück lebt überwiegend von der Sprache
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Kammerspiel der Kälte / Stück lebt überwiegend von der Sprache
15:08 13.06.2010
Monika Häckermann und Dirk Hoener.
Monika Häckermann und Dirk Hoener. Quelle: Beinhorn
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Von Jörg Worat

CELLE. „Jedes Wort reißt eine Wunde“, tönt es von der Bühne, „jedes Lächeln entblößt einen Fangzahn.“ Ja, so ist es: Wer gute Menschen bei sittsamen Gesprächen erleben will, sollte Heiner Müllers „Quartett“ tunlichst meiden. Im Malersaal lief die Premiere des monströsen Zwei-Personen-Stücks.

Die Marquise de Merteuil und der Vicomte de Valmont treffen sich. Einst hatten sie etwas miteinander, nun ergötzen sie sich an merkwürdigen Rollenspielen, in denen es viel um Sexualität geht, während moralische Bedenken keine Chance haben. Genüsslich und mit geschliffenen Worten haut sich das gnadenlose Duo Gemeinheiten um die Ohren, die gern auch andere Personen einbeziehen: Ungnädig etwa nimmt die Marquise zur Kenntnis, dass sich Valmont für die tugendhafte und zudem verheiratete Madame de Tourvel interessiert, „diese Kuh“. Da bietet sie schon lieber die eigene Nichte an, ausgerechnet eine Klosterschülerin.

In ständigem Rollentausch werden diese Konstellationen durchgespielt. Was das alles mit Liebe zu tun hat? Natürlich nichts: Wenn Merteuil von Herz spricht, ist die Ergänzung „wo immer dieses Organ befindlich sein mag“ nicht fern. Jede zarte Regung würde bei diesem Duell als Schwäche ausgelegt – und so ist es kein Wunder, dass gegen Ende zur Steigerung der Reize nur noch das Spiel mit dem Tod in Frage kommt.

Ausstatterin Christina Huener hat für dieses Kammerspiel der Kälte ein ruppig-reduziertes Bühnenbild geschaffen. Lichtquellen sind im Wesentlichen zwei Lampen, deren eine zwischenzeitlich arg penetrant wirkt. Bei den Kostümen ist ein ausladender Rock der einzige klare Verweis auf die Herkunft des Stückinhalts: Heiner Müller hat sich dabei auf den Briefroman „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos aus dem Jahre 1782 bezogen. Mag man diesen jedoch noch vorwiegend als Kritik an adliger Dekadenz im Vorfeld der Französischen Revolution deuten, sind Müllers Figuren offener angelegt und verweisen auf eine Welt, in der moralische Fragen allüberall immer mehr an Bedeutung verlieren.

Beim Anlegen des besagten Rocks bekommt Darstellerin Monika Häckermann gleich zu Beginn Hilfestellung durch Souffleuse Ricarda Götz, und überhaupt macht Regisseur Alfred Sieling kein Hehl daraus, dass es sich bei dem, was man hier erlebt, um Theater handelt. Das erzeugt eine gewisse Distanz und kann dennoch berühren, wenngleich unter Umständen auf verquere Art: auffällig, dass gerade bei den ungeheuerlichsten Sätzen gelacht wird – wenn Dinge, die schon zu denken sich nicht gehört, plötzlich ausgesprochen werden. Sehr gut passt zu dieser brüchigen Atmosphäre Klaus Dibbelts Soundtrack, eher Geräusch als Musik.

Das Stück lebt in allererster Linie von der Sprache, entsprechende Feinarbeit ist von den Akteuren gefordert. Monika Häckermann zeigt etliche Nuancen, ohne dabei die notwendige Grundkälte aufzugeben; sie tappt auch nicht in die Falle, die bösen Pointen im Text übermäßig hervorzuheben. Dirk Hoeners Sprachmelodie wirkt punktuell weniger homogen, allerdings ist er körperlich sehr präsent, und seine rabiate Verführung der Klosterschülerin gehört zu den intensivsten Momenten des Abends.

Eines Abends, der seine Spannungslöcher hat, aber knapp 70 Minuten lang nicht dröge wird, vereinzelt gar unterhaltsame Momente aufweist und nicht zuletzt zum Nachdenken über heutige Geisteszustände herausfordert. Kräftiger Beifall.

Von Jörg Worat