Kaltblüter

Coole Partner bei Arbeit und Freizeit

Aus dem einstigen ‚Arbeitspferd‘ ist ein beliebter Freizeitpartner geworden. Bei der Leistungsprüfung zeigen Kaltblüter im Celler Landgestüt, was sie können.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 30. Okt. 2021 | 16:51 Uhr
  • 14. Juni 2022
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  • 30. Okt. 2021 | 16:51 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

Die kleine Ida sitzt auf Papas Schoß. Gemeinsam verfolgen die beiden die Leistungsprüfung für Kaltblutpferde auf dem Paradeplatz zwischen dem Grabenseestall und dem Spörckenstall im Landgestüt Celle. „Wir züchten selbst“, sagt Papa Phillipp Butte aus Habichtswald in Nordhessen. Heute wird ihre dreijährige Schwarzwälder Kaltblutstute Mara geprüft – als eine von acht, meist dreijährigen, Stuten.

Niedersachsen und Pferde – das gehört einfach zusammen

Es ist Zugleistungsprüfung für Hengste und Stuten. Alljährlich richtet der Zuchtverband „Stammbuch für Kaltblutpferde Niedersachsen e. V.“ diese Sichtung aus. Zwölf Stuten und Hengste sind zur Prüfung angetreten, die nach bundeseinheitlichen Kriterien durchgeführt wird. „Niedersachsen und Pferde – zwei Dinge, die zusammengehören“, sagt Ulrike Struck, Zuchtleiterin des Verbandes, „doch die Wenigsten wissen, dass in Niedersachsen seit mehr als einem Jahrhundert erfolgreich auch Kaltblutpferde gezüchtet werden“, denn was 1899 im Raum Braunschweig mit der Gründung des ersten Kaltblutpferdezuchtvereins begann, durchlebte in der Vergangenheit Höhen und Tiefen. „Vor etwa 60 Jahren gab es über 10.000 eingetragene Kaltblutstuten in Niedersachsen, doch mit zunehmender Technisierung der Landwirtschaft verloren die ‚starken Pferde‘ mehr und mehr an Bedeutung.“ Ende der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts stand die Kaltblutzucht im Lande fast vor dem endgültigen Aus.

‚Arbeitspferd‘ ist beliebter Freizeitpartner geworden

Inzwischen ist das Stammbuch für Kaltblutpferde Niedersachsen e.V. der bundesweit einzige eigenständige Zuchtverband, der ausschließlich Kaltblutpferde betreut. Struck: „Derzeit sind etwa 220 Stuten von sieben verschiedenen Rassen in den Zuchtbüchern eingetragen. Aus dem ‚Arbeitspferd‘ ist heute ein beliebter Freizeitpartner und Sympathieträger geworden.“

Elimar Thunert aus Friesoythe, Eduard Laukotka aus Handeloh und Christian Koller aus Warendorf sind die Richter, die über die Punktevergabe entscheiden. Dafür müssen die Pferde eine Art Dreikampf absolvieren:

Die Einspänner- oder Dressurprüfung vor einem zweiachsigen Wagen: „Sie ist klar definiert in Schritt und Trab“, weiß Struck, wobei auch die Bewertung der Fahreigenschaften durch einen Fremdfahrer vorgenommen wird.

Geschicklichkeit: Bei der Geschicklichkeitsprüfung ziehen die Tiere eine sieben Meter lange Schwachholzstange durch einen Kegelparcours mit verschiedenen Toren, eine Art Slalom.

Gewicht ziehen: Schließlich ziehen die Tiere über 1000 Meter einen Zugschlitten, der mit 20 bis 25 Prozent des Körpergewichtes belastet ist. Hinzu kommt ein dreimaliger Halt.

Vom Aussterben bedrohte Kaltblutrassen

Kaltblüter können gut zum Rücken von Baumstämmen in Wäldern genommen werden, denn sie sind sehr viel bodenschonender als große Maschinen. „Man schafft natürlich nicht so viel damit, das ist klar“, weist Struck auf die Eigenschaften der Pferde hin, die auch gern für den Ackerbau genutzt werden. „Am meisten werden die Tiere für Kutsch- oder auch für Planwagenfahrten genutzt. Denken Sie an die Heide und an die Küste oder an die Inseln, auf denen es keinen Autoverkehr gibt. Zum Beispiel als Müllwagen.“ Gerade diese vielseitigen Verwendungsmöglichkeiten sichern den vom Aussterben bedrohten Kaltblutrassen auch in Niedersachsen ihren Fortbestand.

Kaltblutpferde gehen mit jedem durch Dick und Dünn

Aufgrund ihres guten Charakters und ihres ausgeglichenen Temperaments gehen Kaltblutpferde unter dem Sattel oder vor der Kutsche mit jedem durch Dick und Dünn. Was immer mehr wird – und das sei neu – ist, dass viele Frauen auf Kaltblütern reiten wollen. „Das sind Menschen, die Spaß am Pferd haben.“ Bei der Leistungsprüfung seien der Charakter und die Zugwilligkeit, eben das Interieur des Pferdes wichtig: „Die Pferde müssen beim Anspannen stillstehen! Das fließt auch in die Benotung ein. Heute ist das Aussehen völlig egal. Heute geht es darum, wie sie sich stellen und biegen lassen, wie der Trab ist, ob sie einen raumgreifenden Schritt zeigen, dass sie auf den Führer reagieren, dass sie ruhig dabei bleiben“, sagt die Fachfrau.

Celler Gelände ist beliebt

Entsprechend auch Beurteilungen der Richter: „Sehr gehorsames Pferd – könnte fleißiger sein – gut ausgebildeter Hengst – 8,5.“ Oder auch: „Er nimmt die treibenden Hilfen sehr gut an - ein Hengst, der sehr arbeitswillig ist, der schon gut ausgebildet ist – eine 9,0.“ „Wir kommen gern nach Celle, denn das ist hier ein super Gelände. Die Pferde können hinten sehr gut abfahren, wir haben Publikum, was aus Celle so mal reinkommt und wir haben Hilfe durch das Landgestüt.“

Kaltblutzucht erlebt wieder Aufschwung

Wurde früher ausschließlich die Rasse Rheinisch-Deutsches Kaltblut gezüchtet, erfreuen sich heutzutage auch das Schleswiger und das Süddeutsche Kaltblut sowie der Schwarzwälder Fuchs und der Freiberger aus der Schweiz bei den Kaltblutzüchtern in Niedersachsen größter Beliebtheit und tragen ebenfalls die Wolfsangel im Rhombus, das niedersächsische Brandzeichen für Kaltblutpferde. Struck: „Dem Idealismus und dem Traditionsbewusstsein einiger weniger Züchter ist es zu verdanken, dass die Kaltblutzucht wieder einen Aufschwung erlebte und auch heute im Stammbuch für Kaltblutpferde Niedersachsen ihre züchterische Plattform hat.“ In Celle nehmen heute Rheinisch-deutsches Kaltblut, Schwarzwälder Kaltblut, Süddeutsches Kaltblut, Schleswiger und Hannoversches Kaltblut an der Leistungsprüfung teil.

Mit dabei: die dreijährige Schwarzwälder Kaltblutstute Mara, die nicht nur von der kleinen Ida beobachtet wird, sondern auch von Richtern und Zaungästen im Landgestüt Celle.

Nachgefragt bei Landstallmeister Axel Brockmann

Mit dem Hausherrn und Gastgeber für den Verein Stammbuch für Kaltblutpferde Niedersachsen und die zentrale Zugleistungsprüfung, Landstallmeister Axel Brockmann, sprach CZ-Mitarbeiter Lothar H. Bluhm am Rande der Veranstaltung.

Das Landgestüt in Celle hat einen Gesamtpferdebestand von 126 Tieren. Das sind dreijährige Hengste, die in die Prüfung gehen, das sind Ausbildungspferde und das sind knapp 70 Deckhengste. Welche Rolle spielen da Kaltblüter und warum ist die Veranstaltung im Landgestüt?

Die Kaltblüter haben für ihre Veranstaltung hier ein Zuhause gefunden, denn die Kaltblüter haben hier ihre Landesstutenschau und ihre Hengstschau. Das machen wir schon einige Jahre.

Wie sieht die Tradition aus, denn das Gestüt besteht ja bereits seit 1735?

Wir haben gar keine Tradition für Kaltblüter. Wir haben hier noch nie vorher Kaltblüter gehabt. Wir haben mittlerweile aber auch eigene Hengste. Das liegt einfach daran, dass der Kaltblutzuchtverband uns gefragt hat, ob wir in die Hengsthaltung einsteigen, weil man den Rasseerhalt und die genetische Vielfalt erhalten will und der Verband zu wenig Hengsthalter hat. So haben wir diese Aufgabe mit übernommen. Wir haben auch sechs Kaltblüter hier stehen. Historisch gesehen gibt es aber seit 1735 keine Tradition dafür.

Wurden denn Kaltblüter in Niedersachsen gezüchtet?

Es gab noch zwei weitere Landgestüte in Niedersachsen; die hielten neben Warmblütern auch Kaltblüter – in Osnabrück und in Bad Harzburg, aber Celle ist dafür nie ein Standort gewesen. Das ist wirklich neu.

Das Niedersächsische Landgestüt selbst geht ja mit einem dreijährigen Rheinisch-Deutsches Kaltblut-Hengst in die Prüfung. Welche Chancen geben Sie „Figaro“?

Unser Hengst „Figaro“ geht mit und ich könnte mir vorstellen, dass er die Prüfung auch gewinnt. Das ist besser, als wenn man Zweiter ist: Natürlich werden die Züchter durch eine gute Prüfung darauf aufmerksam. Der hat ja ohne Prüfung auch schon gedeckt, aber wenn er eine sehr, sehr gute Prüfung macht, dann wird er züchterisch wieder mehr genutzt. Dieses Jahr war sein erstes. Im nächsten Jahr geht er wieder in den Einsatz und mit einer guten Prüfung werden ihn sicherlich mehr Züchter nutzen.

Die Corona-Pandemie hat ja viele Veranstaltungen durcheinander gebracht. Wie wirkte sie sich auf die Arbeit des Landgestütes aus, insbesondere in Bezug auf die Hengstparaden?

Durch Corona ist die Umstrukturierung der Hengstparade gekommen, dass wir mehr Fläche brauchten, um so auch das Hygienekonzept zu erfüllen. Wir wollen auch langfristig Sicherheit haben, dass das durchführbar ist und sind deshalb nach Adelheidsdorf gegangen.

Wie kam dieser Schritt an?

Das Konzept kam sehr gut an, wir haben durchweg positive Rückmeldungen. Wir werden uns jetzt überlegen, wie wir in den nächsten Jahren diese beiden Konzepte – klassische Hengstparade und die Veranstaltung in Adelheidsdorf – verbinden und wann wir was durchführen. Es wird auf jeden Fall in irgendeiner Form auch wieder eine klassische Hengstparade geben. Ob das im nächsten Jahr wird, das kann ich jetzt nicht sagen.

Welche Bedeutung hat denn die Hengstparade heute überhaupt noch?

Die Hengstparade ist auch Kundenpflege und eine Möglichkeit, sich nach außen zu repräsentieren. Wir haben Hengstvorführungen in ganz Niedersachsen an verschiedenen Stellen, um unsere Hengste zu zeigen. Aber wir haben auch die Verpflichtung, unsere Historie nach außen zu repräsentieren, also mit den Wagen und den historischen Uniformen. Das müssen wir auch zeigen und da sind Hengstparaden seit 1908 das alljährliche Event. Jetzt haben wir coronabedingt „Heide, Hengste, Handwerkskunst“ in Adelheidsdorf gemacht.

Ihr Fazit?

Die Aussteller fanden es toll, die Zuschauer fanden es toll, es wurde in der Presse, sowohl Printmedien, als auch Radio als auch Fernsehen sehr gut darüber berichtet. Von daher glaube ich, dass das auch ein Konzept ist, das wir parallel oder im Wechsel mit dem klassischen Hengstparadekonzept weiterführen werden.

Von Lothar H. Bluhm

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