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Celle Stadt „Käßmann hat wunden Punkt in der Politik getroffen“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Käßmann hat wunden Punkt in der Politik getroffen“
12:57 13.06.2010
Von Oliver Gatz
Celle Stadt

Wie stehen Sie zur pazifistischen Grundhaltung der Kirche? Teilen Sie die Kritik der EKD-Ratsvorsitzenden Margot Käßmann am Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr?

Halt! Die evangelische Kirche hat nie einen prinzipiellen Pazifismus vertreten, weil sie um die Realitäten in der Welt weiß. Wenn sie es sich so einfach machen würde nur zu fordern: „Keine Gewalt!“, hätte sie sich nicht immer wieder praktisch und in Denkschriften um die Frage mühen müssen, was es bedeutet, als Christ verantwortlich in der Welt zu leben. Die Aufregung um die Predigten von Margot Käßmann rührt doch daher, dass sie einen wunden Punkt in der Politik getroffen hat. Übrigens argumentiert unsere Bischöfin ganz im Sinne der klugen EKD-Friedensdenkschrift von 2007.

Wie sieht Ihrer Meinung nach der „wunde Punkt“ aus?

Bischöfin Käßmann fordert Klarheit, Wahrheit und Realismus von der Politik. Konkret: Die Bundesregierung muss die Gründe, Ziele, Aufträge sowie Erfolgsaussichten des Afghanistan-Einsatzes plausibel darlegen. Das ist weder unter Rot-Grün noch unter Schwarz-Gelb geschehen. Außerdem müssen wir uns wohl als demokratische Gesellschaft mit der schmerzlichen Wahrheit konfrontieren lassen, dass es Grenzen der kollektiven Schutzverantwortung bei innerstaatlichen Konflikten wie in Afghanistan geben muss. Gut, dass Margot Käßmann den Mut hat, diese Diskussion zu befördern und der Verteidigungsminister so offen ist, sich der Kritik der Bischöfin zu stellen. Ehrlich gesagt: Ich wäre bei diesem Gespräch gerne dabei.

Jährlich gibt die Ökumenische Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen eine Jahreslosung heraus. Für 2010 lautet diese: „Euer Herz erschrecke nicht – glaubt an Gott und glaubt an mich.” Was verbinden Sie persönlich mit dieser christlichen Botschaft?

Meine Hausärztin sagte vor Jahren: „Unter jedem Dach ein Ach!“ Da muss ich ihr leider Recht geben. Wie oft bin ich erschrocken über das Ausmaß an Leid und Unglück unter uns. Ich habe in dieser Woche miterlebt, wie ein Unternehmerehepaar in Lachendorf die Lebensarbeit der letzten zehn Jahre verbrennen sieht, eine Frau ruft weinend an, dass ihr geliebter Mann viel zu früh verstorben ist, ein Vorwurf von Kindesmissbrauch steht im Raum. Nein, wenn ich nicht darauf vertrauen könnte, im Glauben eine Quelle zu haben, aus der ich schöpfen kann, um das Leid auszuhalten – ich würde resignieren. Für mich ist die Jahreslosung eine Ermutigung zum Widerstand gegen den Schrecken. Gott sei Dank erfahre nicht nur ich, dass der Glaube die Kraft gibt, Wege zu gehen, die man sich eigentlich nicht zutraut zu gehen.

Glauben Sie, dass sich die Kirche angesichts der größer werdenden Schere zwischen Arm und Reich deutlicher zu Wort melden muss?

Die Entwicklung wird seit langem von den beiden großen Kirchen laut und deutlich kritisiert. Wer hören wollte, konnte hören. Aber Worte allein vermochten nichts auszurichten gegen die Euphorie der vergangenen Jahre, dass Renditen bis zu 25 Prozent und mehr zu erzielen seien. Mittlerweile ist die Einsicht gewachsen, dass unsere Wirtschaftsordnung wieder ein ethisches Fundament braucht; aber die Diskussionen um weitere Steuererleichterungen zeigen, dass in unserer Regierung noch neoliberales Gedankengut von gestern herumschwirrt. Nur Reiche können sich einen armen Staat leisten – vielleicht müsste die Kirche das noch deutlicher sagen!

Was sind aus Ihrer Sicht neben der sozialen Frage in diesem Jahr die großen Themen, bei denen sich die Kirche engagieren sollte?

Für mich sind die „großen“ Themen natürlich zuerst die Fragen, die Menschen in ihrem Alltag bewegen. Wie wird mein Leben heil? Wer und was gibt Trost? Was darf ich hoffen? Aber weil der Mensch Seele und Leib ist, sollten alle christlichen Kirchen ihre Mitglieder ermutigen, sich wieder mehr für die Belange der Gesellschaft zu interessieren. So schlecht sind unsere Politiker nicht, wie sie oft dargestellt werden. Und Politik ist kein per se schmutziges Geschäft. Wenn wir gemeinsam die herrschende Politikverdrossenheit überwinden, könnte wieder mehr Bewegung entstehen, auch beim Klimaschutz oder in der Bildungspolitik.

Glauben Sie, dass es 2010 Forschritte in der Ökumene geben wird?

Nein. Auf der Ebene der Kirchenleitungen wird es keine Fortschritte geben – jedenfalls nicht unter dem Pontifikat von Benedikt XVI. Hier haben sich die Befürchtungen vor dem Amtsantritt des deutschen Papstes eher noch als zu optimistisch erwiesen. Wo es aber weiterhin ein gutes Miteinander geben wird, ist die Ebene der Kirchengemeinden. Hier feiern wir gemeinsam Gottesdienste – und viele katholische Christen zeigen, wie unabhängig sie mittlerweile vom restriktiven römischen Amtsverständnis geworden sind. Ich hoffe sehr, dass es auf dem kommenden ökumenischen Kirchentag in München wieder zu einigen subversiven Handlungen – wie ein gemeinsames Abendmahl – kommen wird. Die Veränderung wächst von unten oder wird von dort angestoßen.