Juwelier erschießt Räuber

Nachbarn hören tödliche Schüsse nicht

Ein Raubüberfall auf einen Juwelier in Celle endet für die mutmaßlichen Täter tödlich. Der 71-jährige Ladenbesitzer hatte aus gutem Grund eine Waffe.

  • Von Christian Link
  • 16. Sep 2020 | 08:18 Uhr
  • 14. Jun 2022
  • Von Christian Link
  • 16. Sep 2020 | 08:18 Uhr
  • 14. Jun 2022
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Celle.

Ein spektakulärer Überfall auf einen Juwelier in Hagen machte 2011 deutschlandweit Schlagzeilen: Einer der Täter hatte sich in einem Rollstuhl in das Geschäft schieben lassen, sprang dann aber plötzlich auf, attackierte mit seinem Komplizen die Verkäuferin und erbeutete Schmuck im Wert von rund 850.000 Euro. Vielleicht von diesem Coup inspiriert, versuchten es am Montag zwei mutmaßliche Räuber mit einer ähnlichen Masche in der Celler Innenstadt – und bezahlten dafür mit ihrem Leben.

Auch der gescheiterte Raubüberfall, bei dem ein 71-jähriger Juwelier zwei mutmaßliche Täter erschoss , stößt im gesamten Bundesgebiet auf reges Interesse. Am Tag danach wimmelte es in der Neuen Straße von Fotografen, Reportern und Kamerateams. Doch die Einzelhändler und Anwohner können nicht viel berichten, denn die Tat blieb so gut wie unbemerkt. Selbst die Schüsse hörte außerhalb des Geschäfts offenbar niemand.

Mutmaßlicher Räuber stirbt noch vor Ort

„Ich habe nur die Polizei mit gezogener Waffen auf der Straße laufen sehen“, sagt ein Verkäufer der kurdischen Bäckerei schräg gegenüber: „Ich dachte, da hätte vielleicht jemand etwas gestohlen.“ Doch dann habe er gehört, wie der Polizist in sein Funkgerät sprach und sagte: „Ein Mann Ex“ (Abkürzung für Exitus; Anmerkung der Redaktion). Einige Minuten später sei dann auch schon der Rettungswagen gekommen.

Die beiden Länden links und rechts neben dem Antiquitätengeschäft stehen leer. Das Steakrestaurant „El Paso“ zwei Häuser weiter, vor dem bei schönem Wetter im Außenbereich immer ein paar Gäste sitzen, hat montags Ruhetag. Salam Hassan vom Modegeschäft direkt gegenüber hatte kurz vor der Tatzeit um 15.50 Uhr seinen Laden vorzeitig geschlossen, weil er einen Banktermin hatte. „Als ich wiederkam, hatte die Polizei hier alles abgesperrt“, erzählt der 30-Jährige, der sein Geschäft erst vor einem halben Jahr eröffnet hat. Zu seinen Nachbarn gegenüber hat er ein gutes Verhältnis. „Die beiden sind sehr lieb und nett“, sagt Hassan: „Es ist einfach schrecklich, was passiert ist.“

Celler Juwelier stand kurz vorm Ruhestand

Niko Prammatias von der Bier-Bar „Popcorn“ kennt das Ehepaar vom Antikladen gegenüber ebenfalls gut. „Das sind ganz nette Leute und liebe Nachbarn. Wir haben uns immer gut verstanden“, sagt der Kneipenwirt, der seit 44 Jahren an der Neuen Straße ansässig ist. Das Juweliergeschäft gibt es hier sogar schon über ein halbes Jahrhundert. „Die beiden wollten eigentlich demnächst aufhören“, weiß Prammatias, dem man zwar auch schon am helllichten Tag die Kasse klaute, der aber glücklicherweise noch nie überfallen wurde. „Das muss schrecklich sein – vor allem, wenn dabei auch noch jemand umkommt.“

Prammatias ist sich sicher, dass sein Nachbar in Notwehr gehandelt hat. Nach dem Überfall sei er ganz aufgelöst gewesen und habe bei ihm auf den Schreck erst mal eine Cola getrunken. Offenbar war dem Juwelier schon am Montagabend klar, dass er nach den tödlichen Schüssen selber jede Menge Ärger bekommt. Die Polizei ermittelt gegen ihn wegen des Verdachts auf Totschlag. „Zu mir hat er noch gesagt: Wünsch mir viel Glück“, erinnert sich Prammatias.

Rafaqat Ali, Besitzer des benachbarten Restaurants El Paso, wusste von der Waffe des Juweliers. „Der Inhaber hatte sie sich nach einem Überfall in der Vergangenheit zugelegt“, sagt der 46-Jährige. Vor rund 20 Jahren soll der Celler Goldschmied schon einmal ausgeraubt und dabei gefesselt worden sein. Offenbar sollte sich das nicht wiederholen. Außerdem habe es laut Ali immer wieder nachts Einbrüche im Juweliergeschäft gegeben.

Mehrere Einbrüche in Antiquitätenladen

Das Antiquitätengeschäft wurde allein 2019 zweimal das Ziel von Verbrechern: Im April hebelten Diebe eine Tür auf und bedienten sich an den Waren, im Juli drang ein Einbrecher über ein Fenster im ersten Obergeschoss in das Geschäft ein und löste die Alarmanlage aus. Die beiden Inhaber, die im Hinterhaus wohnen, alarmierten sofort die Polizei. Und auch schon früher war der Antikladen mehrfach das Ziel von Einbrechern und Dieben. Über frühere Taten, darunter auch den zwei Jahrzehnte zurückliegenden Raubüberfall, konnte die Staatsanwaltschaft gestern „noch keine Auskunft“ geben, so Staatsanwältin Stefanie Vogler. Laut Vogler deute derzeit alles auf Notwehr hin, allerdings müsse geprüft werden, „ob die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sind“.

Von außen wirkt der Antiquitätenladen an der Neuen Straße eher unscheinbar. Warum die Räuber trotzdem glaubten, hier fette Beute machen zu können, erklärt sich mit einem Blick auf die Internetseite des Geschäfts. Dort sind in einer Bildergalerie dutzende Schmuckstücke zu sehen, deren Gesamtwert locker in die Hundertausende geht. Bei vielen Waren ist auch gleich ein fünfstelliger Preis angegeben. Unter anderem im Sortiment: mehrere diamantenbesetzte Rolex-Armbanduhren, ein lupenreiner Brillant, ein Cartier-Goldarmreif oder ein Diamanten-Collier von Faberg.

Kopfschuss als Todesursache?

Wertgegenstände verließen am Montag allerdings nicht den Laden. Dafür trugen die Sanitäter einen toten und einen tödlich verwundeten Mann aus dem Geschäft. Laut einem Anwohner wurde einer der beiden offenbar am Kopf getroffen. Das Gesicht sei blutverschmiert und unkenntlich gewesen, an der Stirn habe der Mann jedoch ein Pflaster gehabt, das wohl die Schusswunde verdeckte. Wo sein mutmaßlicher Komplize getroffen wurde, ist unbekannt.

Auch die 72-jährige Ehefrau des Juweliers wurde nach dem Vorfall ins Krankenhaus gebracht, sie erlitt einen Schock. Gestern wurde sie aber bereits wieder zusammen mit ihrem Mann und der Spurensicherung im Laden gesehen.

Das Recht auf Notwehr

Wer angegriffen wird, darf sich verteidigen – das ist die Kernaussage des Rechts auf Notwehr. In Paragraf 227 des Bürgerlichen Gesetzbuches wird es definiert als „Verteidigung, welche erforderlich ist, um einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff von sich oder einem anderen abzuwenden“. Im Strafgesetzbuch heißt es in Paragraf 32 dazu: „Wer eine Tat begeht, die durch Notwehr geboten ist, handelt nicht rechtswidrig.“ Außerdem wird in Paragraf 33 des Strafgesetzbuches festgehalten: „Überschreitet der Täter die Grenzen der Notwehr aus Verwirrung, Furcht oder Schrecken, so wird er nicht bestraft.“ Das kann der Fall sein, wenn sich jemand beispielsweise aus großer Angst stärker wehrt, als er müsste, um einen Angriff abzuwehren.

(dpa)