Juwelier-Ehepaar sagt aus

So erlebten sie den schlimmsten Tag ihres Lebens

Es waren nur ein paar Sekunden, die ihr Leben veränderten. Das sagte das Celler Juwelier-Ehepaar vor Gericht über den brutalen Überfall auf ihr Geschäft aus.

  • Von Gunther Meinrenken
  • 31. Mai 2021 | 09:11 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Gunther Meinrenken
  • 31. Mai 2021 | 09:11 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

Es ging um Sekunden. Sekunden, die über Leben und Tod entschieden. Bernd Heinrichs und seine Frau Karin leben, die beiden Täter, die am 14. September vergangenen Jahres das Geschäft der beiden in der Neuen Straße überfallen haben, sind tot. Bernd Heinrichs hat sie erschossen, in Notwehr. Am Freitag sagte das Juwelier-Ehepaar vor dem Landgericht Lüneburg aus, wo Alexej H., der den Fluchtwagen gefahren haben soll, sich wegen versuchten besonders schweren Raubs verantworten muss. Zuvor hatten bereits Polizeibeamte dem Gericht das Geschehen am Tatort geschildert. Als die Vorsitzende Richterin Bernd Heinrichs fragt, wie lange das denn alles gedauert habe, antwortet der 73-Jährige: "Insgesamt vielleicht fünf Sekunden."

Heinrichs schaute „Bares für Rares“

Heinrichs saß in seinem Büro, die gleichzeitig die Werkstatt des gelernten Goldschmieds ist, als es gegen 15.45 Uhr an der Ladentür klingelte. "Ich habe 'Bares für Rares' geschaut. Meine Frau ging nach vorn und öffnete mit dem Summer die Tür. Dann hörte ich sie schon schreien: Pass auf, pass auf." Von seinem Bürostuhl aus konnte er in einer langen Flucht bis zum Tresen schauen, sah, wie einer der Täter sich unter dem Plexiglas durchschlängelte und seine Frau an den Handgelenken packte, sie anschließend von hinten mit dem Arm um den Hals würgte. Mit seinem 38er-Revolver in der Hand, den er sich nach einem Überfall vor 23 Jahren zugelegt hatte, ging er in den Verkaufsraum und dann ging alles ganz schnell.

Meine Frau rief 'Schieß', das habe ich dann auch gemacht"

"Im Laden habe ich einen Mann gesehen, der auf mich zukommen ist. In der Hand eine Pistole, die er spannte, eine russische Makarow. An dem bin ich ruckzuck vorbei, weil meine Frau Vorrang hatte. 'Lass sie los, lass sie los', habe ich den anderen angeschrien, aber der freute sich noch richtig, so wie jemand, der seine Beute in der Hand hat. Dann griff er in seinen Rucksack und holte etwas Metallisches heraus. Meine Frau rief 'Schieß', das habe ich dann auch gemacht", erzählte Bernd Heinrichs vor Gericht die dramatischen Ereignisse.

Zweiter Täter „fällt um wie ein Baum“

Der erste Täter, der 40 Jahre alte Vladimir T., sackte schräg über Karin Heinrichs zusammen. Bernd Heinrichs drehte sich schnell zum anderen Täter um, den 35-jährigen Eduard H., der Bruder des Angeklagten Alexej H., und sah in den Lauf der Pistole, die auf ihn gerichtet war.

"Vorne aus der Waffe schaute ein Gewinde heraus, auf das man einen Schalldämpfer schrauben kann. Da war mir klar, dass das keine Schreckschusspistole war. Er hielt die Waffe mit beiden Händen, ich zielte auf den Lauf, drückte ab und er fiel um wie ein Baum. Später habe ich erfahren, dass die Kugel durch die Achsel in seine Wirbelsäule eingedrungen war. Er hatte den Finger noch am Abzug, schaute mich an, aber konnte sich nicht mehr bewegen." Dann machte sich die ganze Anspannung, unter der Bernd Heinrichs gestanden hatte, Luft: "Ihr Dreckschweine, ihr wolltet mich ausnehmen, das habt ihr nun davon', habe ich geschrien", erzählte der 73-Jährige offen und unverblümt.

Celler Juwelier hätte auf Kopf seiner Frau zielen müssen

Warum Eduard H. seinem Komplizen nicht zu Hilfe geeilt ist, kann sich Heinrichs auch nicht erklären. "Die ganze Zeit habe ich gedacht, ich bekomme gleich einen Stoß in den Rücken oder er schießt auf mich", sagt Heinrichs und erläuterte dem Gericht noch einmal, wie er den ersten Täter ausgeschaltet hatte. "Das war eine brenzlige Situation. Mein Revolver zieht nach oben. Doch der Täter war hinter meiner Frau, nur sein Kopf war zu sehen. Theoretisch hätte ich auf den Kopf meiner Frau zielen müssen, um ihn zu treffen. Also habe ich die Waffe gedreht und zwischen die Augen gezielt. Ich dachte, der hört auf, nimmt die Arme nach oben, aber das hat er nicht getan", sagte Heinrichs.

Verteidiger mit deplatziertem Statement

An dieser Stelle hakte der Verteidiger von Alexej H. nach. "Beide Seiten suchen nach Fakten und Antworten. Es gibt in Celle Leute, die nennen Sie einen Mörder. Sie sind kein Mörder", stellte der Rechtsanwalt klar, um dann doch - nur juristisch etwas verklausulierter ausgedrückt - etwas Ähnliches zu suggerieren. "Ihnen kam es nicht darauf an, einen Menschen zu töten, sie wollten ihn nicht umbringen. Aber sie sind ein erfahrener Schütze mit 23 Jahre Training. Wer dahin zielt", so stellte der Verteidiger in den Raum, "der nimmt den Tod eines anderen Menschen billigend in Kauf." Eine Mutmaßung, die in dem Prozess mehr als deplatziert wirkte, ist doch Bernd Heinrichs schon längst von den Ermittlungsbehörden attestiert worden, dass er in Notwehr gehandelt hat. Der Angeklagte Alexej H. hatte sich beim Prozessauftakt nicht zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen geäußert .

Ehefrau wusste: Jetzt geht es los

War Bernd Heinrichs über eine Stunde im Zeugenstand, so fiel die Aussage seiner Frau deutlich kürzer aus. Ihr Mann hatte eigentlich schon alles gesagt. An einer Stelle jedoch, als ihr bewusst wurde, was dem Ehepaar gleich bevorstehen würde, durchlief die Zuhörer im Gerichtssaal ein Schauer. "Der eine Täter schob den Rollstuhl unsanft gegen den Tresen, da wollte ich schon was sagen. Dann drehte er sich um, ging zum Schaukelpferd, das immer vor dem anderen Zugang zum Tresen steht, und schob es weg. Da habe ich instinktiv gewusst: Jetzt geht es los."

Celler Juwelier-Ehepaar wollte „seine Geschichte erzählen“

Das Juwelier-Ehepaar, das in dem Prozess als Nebenkläger auftritt, wollte unbedingt vor Gericht aussagen. Beide hoffen, die Geschehnisse, die sie immer wieder im Alltag einholen, damit besser verarbeiten zu können. "Ich wollte unsere Geschichte erzählen", sagte Karin Heinrichs, "vom Lesen der Aussagen versteht man nicht, was für eine kriminelle Bande das war. Jetzt bin ich etwas erleichtert." Und ihr Mann fügte hinzu: "Ich wollte auch gegenüber dem Angeklagten mein Bedauern ausdrücken, dass er seinen Bruder verloren hat. Es tut mir leid, dass ich so handeln musste. Ich leide noch darunter, aber ich fühle mich im Recht. Ich habe meine Frau gerettet und das ist das, was zählt. Unser Leben stand auf der Kippe. Wir sind schon über 70, aber wir freuen uns über jeden Tag, den wir noch da sind."