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Celle Stadt Kaum Impfungen für Geflüchtete in Celle
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Impfskepsis und späte Einladung: Geflüchtete in Celle kaum gegen Corona geimpft

07:00 03.05.2021
Quelle: Christian Link
Celle

Es war nur eine von vielen Massenquarantänen in Niedersachsens Flüchtlingsunterkünften: Im November 2020 wurden 150 Bewohner des Flüchtlingsheims an der Hohen Wende rund zwei Wochen lang von der Außenwelt isoliert. Trotz Hygienemaßnahmen hatten sich acht Geflüchtete mit Covid-19 infiziert, woraufhin das Celler Kreisgesundheitsamt die gesamte Einrichtung unter Quarantäne stellte. Ein Superspreader-Event konnte offenbar gerade so noch verhindert werden, doch der Warnschuss war offenbar nicht laut genug: Ein halbes Jahr später sind gerade mal zwölf Prozent der Geflüchtete in Celle geimpft.

„Derzeit sind an der Hohen Wende insgesamt 91 Personen untergebracht – davon 57 Männer, 14 Frauen und 20 Kinder“, sagt Dirk Nothdurft, der Betriebsleiter der Celler Zuwanderungsagentur. Elf der Bewohner hätten bereits aufgrund von Alter oder Vorerkrankungen mindestens die Erstimpfung erhalten. „Alle übrigen Bewohner sind nach Paragraf 3 der Coronavirus-Impfverordnung aufgrund der Unterbringung in einer Gemeinschaftsunterkunft der Impfgruppe 2 'Hohe Priorität' zugeordnet und werden jetzt sukzessive ein Impfangebot erhalten“, sagt Nothdurft. Ob das im Impfzentrum, durch mobile Teams oder Hausärzte geschieht, sei allerdings noch unklar.

„Seit dem 23. Februar beginnen die Einladungen der Impfzentren für die Impfungen für Personen der Priorität 2“, schreibt das Sozialministerium. Unter den rund drei Millionen Impfberechtigen sind auch die Bewohner in den Standorten der Landesaufnahmebehörde (LAB) Niedersachsen, bei denen es sich um gerade mal 3100 Menschen handelt. Doch obwohl die LAB nach eigenen Angaben „unmittelbar nach Inkrafttreten der Coronavirus-Impfverordnung im November 2020 mit der Entwicklung einer Impfstrategie für ihre Einrichtungen begonnen hat“, ist noch nicht viel passiert.

Geflüchtete misstrauen Impfangebot

„Seit dem 19. April werden Geflüchtete in den Landesaufnahmeeinrichtungen systematisch angesprochen und geimpft“, weiß der Flüchtlingsrat Niedersachsen und berichtet: „Dabei hat sich gezeigt, dass viele geflüchtete Menschen dem Impfangebot misstrauen. Entsprechend niedrig ist die Impfquote mit zirka 25 bis 30 Prozent.“

Unter den Geflüchtete stellt der Flüchtlingsrat eine „Impfskepsis“ fest, die mehrere Gründe hat. Viele Bewohner in Sammelunterkünften seien schlecht oder falsch informiert. Manche Geflüchtete würden die freiwillige Impfung sogar als Maßnahme zur Vorbereitung einer Abschiebung sehen. „Diese Vermutung rührt daher, dass Herkunftsländer oftmals einen negativen Corona-Test zur Voraussetzung für eine Abschiebung erklärt haben“, erläutert das Gremium und kommt zu dem Schluss: „Ein Impfangebot an Geflüchtete macht nur dann Sinn, wenn vorab ausreichende Informationen geflossen sind.“

Ob es den Celler Sozialarbeitern besser gelingt, die Geflüchteten von der Notwendigkeit der Schutzimpfungen zu überzeugen, wird sich nun zeigen. Laut Betriebsleiter Nothdurft ist die Situation unter den Geflüchteten angespannt: „Die Auswirkungen der Pandemie auf jeden Einzelnen ist genauso wie bei der Gesamtbevölkerung individuell unterschiedlich. Allerdings konnten wir einen erhöhten Bedarf an psychotherapeutischer Behandlung und Beratung feststellen.“

Zwei Suizidversuche in Celler Unterkunft

Wie eine Antwort des Sozialministeriums auf eine Grünen-Anfrage im Landtag zeigt, ist die Zahl der Suizidversuche unter Geflüchteten durch die Corona-Pandemie nicht gestiegen, sie bleibt aber erschrecken hoch. In den fünf LAB-Standorten hatte es laut Sozialministerium in den vergangenen zwei Jahren insgesamt 33 versuchte Selbsttötungen gegeben. Für den Standort Celle nennt das Ministerium in den Jahren 2019 und 2020 insgesamt zwei Vorfälle: Am 16. Januar 2020 habe sich eine 17-jährige Serbin versucht, das Leben zu nehmen. Am 24. Oktober 2020 unternahm ein 24-jähriger Afghane einen Suizidversuch. „Zu vollendeten Suiziden ist es in dem erfragten Zeitraum an keinem der Standorte der LAB NI gekommen“, so das Sozialministerium.

Das Alter der Geflüchteten, die einen Suizidversuch unternommen haben, reicht von 17 bis 64 Jahre. Mehrere Betroffene stammen aus Afghanistan, Iran und Albanien. Auf der Liste tauchen aber anderen Herkunftsländer wie Georgien, Kosovo, Kolumbien, Libanon oder Nigeria auf. Als Gründe für Selbstverletzungen nennt das Sozialministerium unter anderem psychischen Erkrankungen, drohende Abschiebung und Perspektivlosigkeit. Über 20 Asylbewerber landeten 2019 und 2020 im Krankenhaus, weil sie während des Vollzugs der Abschiebeanordnung einen Suizidversuch unternahmen. Zehn weitere Asylbewerber verletzten sich in Polizeigewahrsam oder Abschiebehaft. Im Landkreis Celle gab es keine solchen Fälle.

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