Hunderte Fälle in Celle

Schock-Briefe quälen Angehörige von Verstorbenen

Seit Jahren quält ein polizeibekannter Mann aus Celle Angehörige von Verstorbenen mit Schock-Briefen. Polizei und Staatsanwaltschaft scheinen machtlos.

  • Von Michael Ende
  • 12. Jan. 2022 | 18:05 Uhr
  • 12. Juni 2022
  • Von Michael Ende
  • 12. Jan. 2022 | 18:05 Uhr
  • 12. Juni 2022
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Celle.

Und keiner kann ihn stoppen: Mit obszönen und unfassbar gemeinen Beleidigungen, perversen Anspielungen und abartigen Drohungen sowie Erpressungsversuchen quält ein Mann aus Celle Familien, die um gerade verstorbene Angehörige trauern. Polizei und Staatsanwaltschaft ist das kriminelle Treiben seit Jahren bekannt. Die Behörden ermitteln. Die Zahl der Opfer geht in die Hunderte. Sie fragen sich: Wer macht diesem Spuk endlich ein Ende?

Gemeinheiten auf gefälschtem Firmen-Briefpapier

Jennifer Schmidts (Name geändert) Schwiegervater war gerade verstorben. "Darauf waren wir vorbereitet, da er nach langer Krankheit gestorben ist", sagt die Frau: "Die ganze Familie hat das kommen gesehen. Es war sehr, sehr traurig, aber wir mussten und konnten damit umgehen. Wir waren gefasst." Völlig fassungslos seien die Hinterbliebenen allerdings gewesen, als Tage später ein Brief bei der Traueradresse eintraf. Ein Brief, der auf Briefpapier des Busunternehmens CeBus verfasst worden war – allerdings so, dass man erkennen kann, dass es kein original CeBus-Schreiben ist. Der Inhalt: hochgradig verstörend.

Beleidigungen und Erpressung

In dem Schreiben stand, dass der Verstorbene ein Vergewaltiger und Kinderschänder gewesen sei, dass einige namentlich aufgeführte CeBus-Mitarbeiter "faul" und ebenfalls Nachkommen von Prostituierten seien und dass die Bestattung für die Angehörigen des Toten "viel günstiger" gewesen wäre, wenn die CeBus-Mitarbeiter den Toten mit einer Säge zerstückelt, ihm die Organe entnommen und die "restlichen Leichenteile im Sack verpackt in der Aller entsorgt" hätten. Außerdem fordert der Verfasser des infamen Schreibens "4800 Euro Schutzgeld, dann passiert nichts. Zahlen Sie nicht, zünden wir das Grab an, wir wissen, wo es liegt."

Anzeige droht im Sand zu verlaufen

"Wir waren geschockt", sagt Schmidt: "Wenn man so etwas über einen geliebten Verstorbenen lesen muss – das tut weh." Klar, dass die Familie sich sofort an die Polizei wandte: "Meine Schwägerin hat eine Anzeige gestellt. Uns wurde mitgeteilt, dass der Verfasser namentlich bekannt ist, dass man wisse, dass er in Celle wohne, dass er dies seit Jahren macht, und dass es kaum Möglichkeiten gibt, dagegen vorzugehen. Der von uns beauftragte Bestatter bestätigte, dass er von Angehörigen weiß, die auch Briefe dieses Inhalts erhalten haben."

Hunderte von Anzeigen

Bestatter Karsten Hellie hat ebenfalls Schock-Briefe erhalten: "Vor etwa zwei Jahren war dieser Spinner schon mal sehr aktiv. Eigentlich dachte ich, dass er, weil jetzt länger Ruhe war, aufgehört hat – aber nun wieder diese Briefe." 2019 hatten bereits über 300 Bürger in Stadt und Landkreis bei der Polizei Anzeigen erstattet. „Wir kennen den Vorfall und wir haben auch einen Verdächtigen“, hieß es damals seitens der Polizei. Es solle sich um einen "geistig verwirrten" Mann handeln. Die Ermittlungen liefen, hieß es damals. Auch die Staatsanwaltschaft war vor zwei Jahren bereits tätig, ermittelte wegen der Verunglimpfung von Verstorbenen, Beleidigung und Erpressung: „Da wird ermittelt, es gibt auch einen Verdächtigen. Mehr können wir aber momentan nicht dazu sagen.“

"Wie kann das sein?"

Viel mehr sagen die Behörden auch heute nicht. Eher weniger. Dabei hat Jennifer Schmidt viele Fragen: "Wir waren und sind entsetzt, dass diese Briefe seit Jahren existieren und ich mag mir nicht vorstellen, welche Emotionen dadurch bei anderen Angehörigen ausgelöst wurden. Wie kann es sein, dass Trauernde von diesem scheinbar gestörten Herren seit Jahren belästigt, bedroht und beleidigt werden? Warum wurde dieser Herr scheinbar nie psychiatrisch begutachtet, warum wurde nie zum Beispiel eine gesetzliche Betreuung angeregt? Welchen Bezug zur CeBus gibt es?"

Ermittlungen laufen - wie schon seit Jahren

CeBus-Chef Stefan Koschick verweist auf die Ermittlungen der Polizei, Polizeisprecher Steffen Brümmer verweist darauf, dass die Staatsanwaltschaft den Fall übernommen habe und Staatsanwältin Stefanie Vogler verweist darauf, dass sie aufgrund laufender Ermittlungen nichts Näheres zum Fall sagen könne. Da der Täter immer weiter Drohbriefe verschicken könne, würden die Ermittlungen wohl auch noch immer weiter gehen, wundert sich Schmidt: "Dieser Mann scheint ja deutliche pathologische Probleme zu haben, die Gesellschaft müsste davor geschützt werden – oder soll das ewig so weitergehen?"