Prozess

„Cannabis ist fatal“

Am 7. April in Celle wurde der 15 Jahre alte Arkan K. in Celle erstochen. Im Prozess wird versucht, das Motiv des mutmaßlichen Täters zu ergründen.

  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Okt. 2020 | 16:40 Uhr
  • 14. Juni 2022
Angehörige erinnern auf den Treppenstufen des Gerichts mit Bildern an den getöteten Jungen.
  • Von Cellesche Zeitung
  • 14. Okt. 2020 | 16:40 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

Zweiter Prozesstag vor dem Landgericht Lüneburg. Die 4. Große Strafkammer versucht, die Hintergründe der tödlichen Messerattacke auf den 15 Jahre alten Arkan K. am 7. April in Celle aufzuklären. Gestern ging die Beweisaufnahme in eine neue Runde. Der Vorsitzende Richter Franz Kompisch verlas das polizeiliche Führungszeugnis des Angeklagten. Es weist für den Angeklagten Daniel S. zwölf Einträge auf – von Diebstahl bis Körperverletzung.

Drogen als „Autopilot“

Für den Lebenslauf des Tatverdächtigen nahm sich das Schwurgericht viel Zeit. Am 17. Juni 1990 wurde er geboren, wuchs in der Region Hannover auf. Das Leben verlief gemeinsam mit Eltern und dem zwei Jahre älteren Bruder im kleinen Häuschen harmonisch. Realschulabschluss und abgeschlossene Ausbildung in einer Spedition schlossen sich an. Die Verfahrensbeteiligten erhielten Einblicke in ein Leben, in dem kurz nach der Volljährigkeit ein Knick einsetzte und sich Drogen zum „Autopiloten“ des Mannes entwickelten: Täglich konsumierte er mehrere Gramm Cannabis; zu dem gefährlichen Cocktail gesellten sich Amphetamine und Kokain.

Dann betrat Rolf-Peter S. den Sitzungssaal. Der Taxifahrer hatte kurz vor der Tat am späten Nachmittag Kontakt zu dem Angeklagten gehabt. Der 30-Jährige habe als Ziel die Jägerstraße angeben, um bei der Polizei eine Anzeige aufzugeben. „Er war sehr verwirrt und irgendwie unter Drogen“, erzählte der 65-Jährige der Kammer, „so als wenn jemand hinter ihm her wäre“. Nachdem der Fahrgast plötzlich ein Messer in der Hand hielt, warf S. ihn aus seinem Auto. Auf der nahen Parkbank saß ein anderer Taxifahrer und machte Pause. „Er stand vor ihm, fuchtelte mit dem Messer herum und lief davon“, schilderte der Zeuge die Situation.

"Heimbewohner haben ihn geliebt"

Jan S. arbeitete mit Daniel S. in einem Altenheim zusammen. Der 35 Jahre alte Pfleger hatte den Angeklagten einst bei der gemeinsamen Arbeit in einem Altenheim kennengelernt und sich mit ihm angefreundet. „Die Bewohner im Heim haben ihn geliebt“.

Bis vor Weihnachten 2019, da bekam die heile Welt erste Risse: Die Pflegedienstleitung habe eine fehlende Krankmeldung beanstandet – eine Nebensächlichkeit. Doch für Daniel S. sei das zu viel gewesen, erinnerte sich der ehemalige Arbeitskollege: Er habe gekündigt. „Ich habe keinen Bock mehr auf das unfreundliche Miteinander“,habe er beim Ausräumen des Spints erklärt.

Danach rutschte der Beschuldigte ab, nahm Drogen und beleidigte sein Umfeld. So habe er einen Passanten verprügeln wollen, weil er ihn im Vorbeigehen am Arm berührt hatte.

Zeuge weiß nichts von rechtsradikalen Ansichten

Der Richter interessierte sich für die politischen Ansichten des Angeklagten. Der Zeuge erinnerte sich an zwei Ereignisse, über die die Freunde Anfang 2020 redeten. Den Anschlag von Hanau und den Angriff auf den Rosenmontagszug in Volkmarsen. „Daniel war geschockt darüber“. Von rechtsradikalen Ansichten wusste Jan S. nichts zu berichten. Auch ein etwaiges Tragen von Springerstiefeln, von dem in den Akten die Rede ist, sei ihm nicht bekannt, sagte der 35-Jährige. In den sozialen Netzwerken habe der Angeklagte mal über Ostdeutsche hergezogen und dafür viel Schimpfe empfangen. „Da machte er sich einen Spaß draus“.

Angeklagt ist der ehemalige Pflegehelfer wegen Totschlags. Vor dem Lüneburger Schwurgericht hat er die Stiche zwar eingeräumt, ein Motiv nannte der zuletzt am Harburger Berg wohnende Mann nicht. „Ich musste stechen, um zu überleben. Ich dachte, er will mich verprügeln und da stach ich zu. Wir waren beide zur falschen Zeit am falschen Ort“, hatte er zum Prozessauftakt erklärt.

Psychiater diagnostiziert Psychose

Die Triebfeder eines Verbrechens herauszuarbeiten ist das zentrale Vorhaben einer Gerichtsverhandlung – und Sisyphusarbeit für die Beteiligten. Die Kompisch-Kammer holte sich Hilfe bei Dr. Reiner Friedrich, der schon beim Drogenrausch-Prozess von Bergen im vergangenen Jahr das Verfahren maßgeblich bestimmte. Der 60 Jahre alte Psychiater schilderte, dass den 30-Jährigen seit der Kündigung eine „Lebensangst“ belaste. Akustische Halluzinationen waren erstmals 2014/2015 aufgetreten. Der Mediziner diagnostizierte „Suchtmittellmissbrauch und eine Psychose mit krankhafter seelischer Störung“, stellte abschließend klar: „Cannabis ist fatal. Gewaltausbrüche sind bei diesem Krankheitsbild siebenmal höher als bei gesunden Menschen“.

Das machte Richter Kompisch unruhig. Als er von „Simulationstendenz, um Schuld von sich zu weisen“ sprach, wusste jeder im Saal, was der Schwurgerichts-Chef meinte: Daniel S. habe mit klarem Willen zum Töten gehandelt. Friedrich verneinte. „Das wäre im engmaschigen Maßregelvollzug aufgefallen“. Kommenden Mittwoch geht es in Lüneburg weiter, dann wird die Leiterin der Mordkommission über den Gang der Ermittlungen aussagen.

Von Benjamin Reimers

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