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Celle Stadt Grand Dame der Violine als Hebamme zeitgenössischer Musik
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Grand Dame der Violine als Hebamme zeitgenössischer Musik
13:01 13.06.2010
Anne Sophie Mutter
Anne Sophie Mutter Quelle: Fremdfotos / Texte Eingesandt
Celle Stadt

Das Publikum liegt Ihnen schon seit Jahren auf der ganzen Welt zu Füßen, die Konzertkritiker schwärmen geradezu von der Glut und dem verschwenderisch schönen Ton Ihrer Musik. Doch Sie ruhen sich nicht auf Ihren Lorbeeren aus, sondern investieren im Gleichschritt mit Ihren Erfolgen Ihre Erfahrung und Ihre musikalische Leidenschaft in die musikalische Früherziehung. Was bedeutet der Umgang mit Musik für Kinder?

Man kann es mit dem Erlernen der Sprache vergleichen: Der alltägliche kontinuierliche Umgang mit ihr und der Schulunterricht ergänzen sich und formen Wortschatz und Sprachgefühl. Genauso werden durch den Umgang mit Kunst und Musik schon im Kindesalter Herz und Gefühl des Menschen geformt. Ein Prozess, der – wenn man ihn vernachlässigt – später kaum noch nachholbar ist, weil er dieses ganz besonderen Bewusstseinsfensters bedarf, das bei Kindern noch weit geöffnet ist.

Sie haben mit sechs Jahren zum ersten Mal beim Nachwuchswettbewerb „Jugend musiziert“ gewonnen. Welchen Stellenwert räumen Sie diesem bundesweiten Wettbewerb ein?

Béla Bartók hat einmal gesagt: „Wettbewerbe sind für Pferde, nicht für Musiker.“ Dem schließe ich mich an. Die zumeist subjektiven Bewertungskriterien könnte man viel sinnvoller bei Musikforen oder Festivals statt bei einem Wettbewerb „ins Spiel“ bringen. So würden die jungen Musiker viel mehr davon profitieren, genauso wie ihre Lehrer: Keine Absprachen, kein Taktieren, keine Tränen, keine Depressionen, keine Verlierer, keine Sieger. Stattdessen ein Miteinander und das Bewusstsein, dass Musizieren immer ein Gewinn ist.

Sie haben – im Gegensatz zum breiten Klassik-Publikum – ein ausgesprochenes Faible für zeitgenössische Musik. Viele Stücke haben Sie sogar uraufgeführt. Was fasziniert Sie daran?

Jede Uraufführung ist ja an sich schon etwas Besonderes. Doch in der zeitgenössischen Musik kann ich mich als Interpretin richtungsweisend und als Gestalterin noch stärker einbringen als im traditionellen Repertoire. Sie ist Herausforderung und Inspirationsquelle zugleich. Ein verlockend schöner Anreiz. Ich möchte meine Rolle hierbei mit der einer Hebamme vergleichen: Ich bin die erste, die dieses Werk quasi anrühren darf, und ich habe entscheidenden Anteil daran, dass es zum ersten Mal erklingt. Das ist schon ein unglaubliches Gefühl. Und mich hat es süchtig gemacht.

Sie lieben bekanntlich Jazz, nicht zuletzt wegen seiner Interpretationsspielräume. Beneiden Sie hin und wieder die Jazz-Musiker wegen dieser grenzenlosen Freiheit?

Natürlich! Das ist, als würde man im Moment des Spielens die Kernsubstanz einer musikalischen Idee in ein Puzzle zerlegen, das man allein mit musikalischem Instinkt und treibenden Tempi im gleichen Augenblick mit traumwandlerischer Sicherheit wieder zusammensetzt. Eine wunderbare Spielwiese für jeden Vollblutmusiker.

Welches Instrument würden Sie als Jazzmusikerin wählen?

Meine Stimme.

Konzert in Celle

Für das Konzert am 23. Juni in der Congress Union gibt es nur noch Karten der Kategorie 1 bis 3 (107,65 bis 141, 25 Euro). Anne-Sophie Mutter spielt in Begleitung ihres Pianisten Lambert Orkis die Violinsonate von Debussy, die Sonate F-Dur von Mendelssohn Bartholdy, die Sonate d-Moll von Brahms sowie die Carmen-Fantasie von Pablo de Sarasate.

Von Rolf-Dieter Diehl