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Celle Stadt Geschichte ist nicht nur „Männersache“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Geschichte ist nicht nur „Männersache“
13:01 13.06.2010
Von Oliver Gatz
Dr. Karin Ehrich (Büro für Geschichte + Biografie) ist als freiberufliche Historikerin tätig und Mitglied im Fachbeirat der Initiative Frauenorte Niedersachsen des Landesfrauenrats Niedersachsen.
Dr. Karin Ehrich (Büro für Geschichte + Biografie) ist als freiberufliche Historikerin tätig und Mitglied im Fachbeirat der Initiative Frauenorte Niedersachsen des Landesfrauenrats Niedersachsen. Quelle: nicht zugewiesen
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Was verbindet die Persönlichkeiten der Initiative Frauenorte? Was haben sie gemeinsam?

Die historischen Frauenpersönlichkeiten, die der Landesfrauenrat in seine Initiative Frauenorte Niedersachsen aufnimmt, müssen in Niedersachsen geboren oder gewirkt haben und zudem politische, kulturelle oder wissenschaftliche Leistungen erbrachte haben. Weitere verbindende Momente können ihre Vorbildfunktion im Engagement für die Gleichberechtigung sowie für die Öffnung und Erweiterung von Berufs- und gesellschaftlichen Handlungsfeldern für Frauen sein.

Warum ist eine solche Initiative nötig? Sind bedeutende weibliche Persönlichkeiten der Öffentlichkeit nicht bekannt genug?

Bis in die 1970er Jahre galt Geschichte als etwas, „was Männer machten, was Männer erlitten, worüber Männer schrieben“, wie die Professorin Gisela Bock formulierte. Seitdem haben die Forschungen zur Frauengeschichte unser Wissen um die Geschichte enorm erweitert. Vor Ort, in den Städten und Gemeinden, haben sich die Gleichstellungsbeauftragten und lokale Frauengeschichtsgruppen für die Frauengeschichte eingesetzt. Trotzdem werden in Heimatchroniken, Stadtlexika und in den Publikationen zur niedersächsischen Landesgeschichte viel zu wenig Frauen berücksichtigt. Die Geschichtsschreibung orientiert sich immer noch sehr an den Erfahrungen und Leistungen von Männern. Sie weist dem Leben und Handeln von Frauen in der Geschichte nur eine geringe Bedeutung zu und betrachtet Frauengeschichte als etwas „Besonderes“, das verglichen mit der „allgemeinen“ (Männer-)Geschichte nicht so wichtig ist. Der Landesfrauenrat wirkt mit seiner Initiative Frauenorte Niedersachsen auch diesem Blick entgegen.

Inwieweit spielt dabei der Tourismus eine Rolle?

Kulturtourismus ist „in“. Auch in Niedersachsen, einem traditionell auf Badeurlaub, auf Küste, Heidelandschaft und Mittelgebirge ausgerichtetem Urlaubsland für innerdeutsche Touristen, schafft Kultur ein ergänzendes touristisches Interesse. Mit einem zunehmenden Städtetourismus sowie mit einem erheblichen Entwicklungspotential in ländlich strukturieren Regionen wird der Kulturbereich in Zukunft laut dem alljährlich veröffentlichen „Tourismusbarometer“ Anteile dazu gewinnen. In diesem Rahmen will sich die Initiative Frauenorte Niedersachsen dafür einsetzen, dass Frauengeschichte und Frauenkultur ihren festen Platz im Spektrum kulturtouristischer Angebote erhalten.

In Celle gehört nun auch die frühere Herzogin Eléonore d’Olbreuse zum Kreis der gewürdigten Persönlichkeiten. Was macht sie zu etwas Besonderem?

Der Lebensweg von Eléonore d’Olbreuse weist darauf hin, dass auch Frauen in einem privilegierten gesellschaftlichen Stand wie dem Adel nicht von vornherein gleichberechtigt waren. Durch ihre Heirat mit Herzog Georg Wilhelm gelang der aus dem französischen Landadel stammenden Frau jedoch ein ungewöhnlicher gesellschaftlicher Aufstieg, der nach fast zehnjährigen Bemühungen in ihrer Ernennung als Herzogin mündete. Elénores Wirken am Celler Hof war auch nicht so sehr von Selbstdarstellung und Machtrepräsentation gekennzeichnet, sondern ihr ging es wesentlich um die Mitgestaltung, wobei sie französische Kultur in die Residenzstadt brachte. Mit Blick auf die Geschichte der Migration steht Eléonores Engagement für die in Frankreich verfolgten Angehörigen ihres hugenottischen Glaubens, denen sie in Celle eine neue Heimat bot, für einen toleranten Umgang mit Menschen, die migrieren mussten.

Welche der 13 Frauen in Niedersachsen finden Sie persönlich am interessantesten und warum?

Ich meine, dass jede der Frauen mit ihrer besonderen Leistung die Gesellschaft und Kultur erweitert und bereichert hat. Mit Mut, Entschlossenheit und einer gehörigen Portion Hartnäckigkeit haben sich diese Frauen nicht nur für sich allein neue Wirkungs- und Handlungsfelder erschlossen. So setzte sich zum Beispiel die Juristin Anita Augspurg aus Verden unter anderem vehement für das Frauenwahlrecht ein. Die Lehrerin Helene Lange aus Oldenburg kämpfte dafür, dass Lehrerinnen in den höheren Klassen der Mädchenschulen unterrichten und Mädchen Abitur machen und studieren konnten. Mary Wigman aus Hannover überwand das klassische Ballett und kreiierte den Ausdruckstanz. Die Braunschweigerin Ricarda Huch wurde in den 1920er Jahren als bedeutendste Dichterin und Schriftstellerin ihrer Zeit und als erste Frau in die Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste berufen.

In Sachsen-Anhalt gibt es ein Netzwerk von mehr als 50 Frauenorten, in Niedersachsen werden es in diesem Jahr 13 sein. Können Sie sich vorstellen, dass der Kreis der gewürdigten Frauen in Niedersachsen noch deutlich wächst?

Die Initiative Frauenorte Niedersachsen ist enorm erfolgreich. Die Planungen für Frauenorte im Jahr 2011 sind bereits angelaufen. Ziel ist es, in allen Regionen Niedersachsens herausragende historische Frauenpersönlichkeiten in der Öffentlichkeit mit kulturtouristischen Angeboten sichtbar zu machen und nachhaltig im Langzeitgedächtnis ihrer jeweiligen Geburts- oder Wirkungsorte zu verankern.