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Celle Stadt Generalmajor Graf Kanitz versandte in Zeiten der Nazi-Diktatur von Celle aus den „Sternbrief“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Generalmajor Graf Kanitz versandte in Zeiten der Nazi-Diktatur von Celle aus den „Sternbrief“
12:22 14.06.2013
Quelle: Klaus-Dieter Zunke
Celle Stadt

Gerade erst, im Oktober 1944, hatten Generalleutnant Ernst Maisel und sein Vorgesetzter General Burgdorf auf Befehl Hitlers den Generalfeldmarschall Erwin Rommel aufgesucht und ihn – mit dem Versprechen, dann die Familie zu schonen - zur Selbsttötung gezwungen. Nun stand im November 1944 der Kommandeur der „Heeresgasschutzschule Celle“, Generalmajor Hans Graf von Kanitz, vor dem Stellvertretenden Chef des Heerespersonalamtes in Lübben, eben jenem Generalleutnant Maisel. Graf Kanitz versuchte, sich, seine Familie und eine große Zahl mit ihm verbundener christlicher Offiziere vor den bedrohlichen Folgen der Anzeige der Gestapo zu schützen. Wie kam es dazu?

Der kaiserlich-preußische Generalleutnant Georg von Viebahn (1840-1915) hatte in Berlin eine Gruppe von bewusst christlichen Offizieren gesammelt und ca. 1898 den „Verband gläubiger Offiziere“ gegründet. Die Schriften dieses Mannes waren in hohen Stückzahlen in Europa und darüber hinaus verbreitet. So verwundert es nicht, dass diese christliche Gemeinschaft sich auch nach dem Ende des 1. Weltkrieges weiter engagierte.

Man veranstaltete unter Führung der Söhne, Friedrich-Wilhelm und Bernd von Viebahn in Berlin-Schlach­tensee jährliche Freizeiten, bald unter Mitarbeit der Berliner-Stadtmissionspfarrer Hans Brandenburg und Hans Dannenbaum. Dort traf der damalige Rittmeister Hans Graf von Kanitz Ende der 20-er Jahre auf diese christlichen Offiziere und gehörte dann zu einem Offiziersbibelkreis in Berlin.

Als dann 1930 eine „1. Internationale Konferenz Christl. Offiziere“ in Holland stattfand, kamen die deutschen Teilnehmer aus dieser Gruppe. Es bildete sich – mit deutscher Beteiligung – eine „Internationale Offiziersgemeinschaft FNOCU“ (Fellowship of National Officers‘ Christian Unions). Hier wird angesichts der politischen Spannungen ein erstaunlicher, internationaler Horizont wahrnehmbar!

Ab 1936 entstand dann um Graf Kanitz ein sich immer deutlicher strukturierender Kreis bewusst christlicher Offiziere in der deutschen Wehrmacht. Es wurde der Grundstock für eine Gemeinschaft gelegt, die durch die Zeit des 2. Weltkrieges Bestand hatte. Von Kanitz beschrieb seine Zielsetzung für diesen christlichen Kreises so: „Der Herr braucht auch in der Wehrmacht, und gerade dort treue Zeugen, Männer, die etwas erlebt haben von der befreienden, reinigenden Kraft der Gnade und die nun ihrer Truppe, Vorgesetzten, Kameraden und Untergebenen echtes Christentum vorleben und auch den Weg zeigen können, um selbst ein erlöstes, befreites Gotteskind zu werden.“

Auf den Offiziersfreizeiten hielt auch der Major a.D. Otto von Reden (1877-1962) aus Wendlinghausen bei Bielefeld Bibelarbeiten. Dieser engagierte Gemeinschaftsmann wurde ein enger Freund des Grafen Kanitz und prägender Mitarbeiter im sich bildenden (späteren) „Sternbriefkreis“ um von Kanitz. Sein „Rittergut Wendlinghausen“ bot gute Voraussetzungen für jede Art von Treffen. Auf Grund seiner profilierten geistlichen Persönlichkeit bekam von Reden schon März 1939 durch die Gestapo ein regionales (lippisches) Redeverbot, das im Juni 1940 auf das ganze Reich erweitert wurde. Somit war schon zu diesem frühen Zeitpunkt ein exponiertes Mitglied des Kreises um Graf Kanitz im Fokus der Gestapo.

Eine für 1937 geplante deutsch-britische christliche Offizierskonferenz in Berlin, zu der Angehörige der britischen „Officers Christian Union“ (OCU) eingeladen waren, musste auf Weisung der militärischen Vorgesetzten abgesagt werden. Trotzdem konnten deutsche Offiziere im gleichen Jahr wieder an einer internationalen christlichen Offizierskonferenz in Holland teilnehmen. Und noch im Oktober 1942 fand „ein biblischen Wochenende für Offiziere des StO Berlin“ mit dem StOPfr. i.N. Dannenbaum und Pfarrer Dr. Hans Lilje statt.

Graf Kanitz war ein bewusster evangelischer Christ. Er besuchte mit seiner Familie regelmäßig den Gottesdienst in der ev.-luth. Kirche Celle-Neuenhäusen und war mit dem dortigen Pastor Voigt befreundet. Zwei seiner Kinder wurden in Celle geboren und hier von Pastor Dannenbaum getauft. In seinem Haus in der Fritzenwiese 31 leitete Graf Kanitz einen Bibelkreis, an dem auch Soldaten teilnahmen. So war seine christliche Lebensauffassung sowohl im Dienst wie auch in der Öffentlichkeit klar erkennbar.

Als dann der Kriegsbeginn absehbar war, verabredeten sich die Mitglieder der damals noch zahlenmäßig kleinen christlichen Gemeinschaft um Graf Kanitz bei einem Treffen in Wendlinghausen, auch während des Krieges so eng wie möglich in Verbindung zu bleiben. Dies war die Geburtsstunde des „Sternbriefs“.

Graf Kanitz war seit 1. Oktober 1938 an der Heeresgasschutzschule Celle (auch bekannt als Nebelwerferschule) stationiert – ab Kriegsbeginn mit dem Dienstgrad Oberst, ab 1942 als ihr Kommandeur mit dem Dienstgrad Generalmajor – und hatte die besten dienstlichen Voraussetzungen, um ab 1939 den „Sternbrief“ zu versenden. Er wurde von Celle aus in alle Himmelsrichtungen, anfangs an 40 und mit dem letzten Sternbrief September 1944 an etwa 400 Personen gesandt. Seinen Namen erhielt der „Sternbrief“ von den ‚Sternfahrten‘ zu großen Turnieren. Er wurde auf Wachsmatritzen geschrieben und per Handabzug vervielfältigt. Aufgrund seiner Stellung hatte Graf Kanitz Zugang zu den notwendigen materiellen und personellen Ressourcen und so war es ihm möglich, den Brief anfangs monatlich ‚sternförmig‘ von Celle aus über die Feldpost zu verschicken. Im Verlauf des Krieges wurden die Abstände größer, und er musste die Kameraden auch um Porto und Wachsmatritzen bitten. Der Leserkreis der Briefe war letzten Endes sicher weitreichender, weil davon auszugehen ist, dass die Briefe weitergeben wurden. Rund 40 Bezieher/Schreiber des Sternbriefs sind gefallen.

Diese „Sternbriefe“, versandt durch den Celler General Graf Kanitz, sind für die Zeit des „Dritten Reichs“ eine ergiebige und vermutlich singulare Quelle. Mit einem persönlichen Empfängerkreis durch ‚Rundbriefe‘ korrespondiert haben auch andere. Aber hier war es ein hochrangiger Offizier, der innerhalb der Wehrmacht eine besondere Form der Kommunikation aufbaute. Mit den Sternbriefen wurde im Kontext von besonderen militärischen und politischen Herausforderungen eine bewusst christliche und geistliche Zielsetzung verfolgt. Immer wieder wurde die Spannung von ‚Soldat- und Christsein‘ thematisiert. Sie durchzuhalten und auch als Soldat sein Christsein zu bekennen2, konnte den Tod bedeuten.3

Von Anfang an gab es gegensätzliche Positionen in diesem Offizierskreis (s.o. Redeverbot für Otto von Reden), aber zumindest eine Mehrheit hat den Krieg bejaht. Man sah eine politische und auch religiöse Rechtfertigung gegeben, insbesondere unter den jungen Offizieren, die von der Hitlerjugend beeinflusst waren. Im Laufe des Krieges aber vollzog sich ein Wandel hin zu einer distanzierenden Haltung und Infragestellung, die vom nationalsozial. Regime als Gegnerschaft aufgefasst wurde. Die Korrespondenz befasste sich auch mit den Themen, die für die Kriegsjahre besonders unter berufsethischen Gesichtspunkten relevant waren.

Der erste Sternbrief von März 1940 hatte 13 Beiträge, u.a. von zwei Heerespfarrern und Hptm Karl-Ernst Rathgens. Dieser bewusst christliche Offizier wurde als Oberstleutnant i. G. im Zusammenhang mit den Verfolgungen nach dem 20. Juli 1944 am 30.8.1944 hingerichtet. Ein weiterer Sternbriefschreiber war sein am 29.9.1944 in diesem Kontext ebenfalls hingerichteter Kamerad Oberst i. G. Joachim Meichßner.

Trotz Verwarnung durch die Gestapo hatte Generalmajor Graf Kanitz nicht von seinem christlichen Bekenntnis und dem Sternbriefdienst absehen wollen. Am 14.11.1944 wurde ihm per Telefon die unehrenhafte Entlassung aus dem Dienst mitgeteilt, verbunden mit einem Uniformtrageverbot. Dies empfand er als eine besonders kränkende Maßnahme. Es wurde ein Publikationsverbot ausgesprochen und über den gesamten Sternbriefkreis ein Beförderungsstopp verhängt.

Die offizielle Begründung für diese Maßnahme lautete: „…da ein Offizier, der christlich gebunden sei wie er, nicht die Gewähr dafür biete, sich jederzeit vorbehaltlos für den NS-Staat einzusetzen.“4 Dies wurde als „Wehrkraftzersetzung“ bewertet und die Bibelstellen der Sternbriefe sogar als „chiffrierte Putsch­anweisungen“ interpretiert. Um der aus seiner Sicht ungerechtfertigten Entlassung zu widersprechen, schrieb General v. Kanitz an den ihm vorgesetzten General Bieler: „Die Sternbriefe sind also nichts anderes, als Briefe christlich eingestellter Offiziere an ebenso eingestellte Kameraden. […] Jede Werbung ist selbstverständlich unterblieben. Dass der christliche Offizier im Felde, angesichts des Todes das besondere Bedürfnis hat, sich mit Kameraden gleicher Einstellung über Fragen seines Glaubens auszusprechen, ist verständlich.“5

Diese Charakterisierung der Sternbriefe, damit zugleich der christlichen Offiziersgemeinschaft, seiner eigenen Rolle und seiner Tätigkeit erscheint taktisch begründet. So wollte Graf v. Kanitz wohl einerseits gegen die unehrenhafte Entlassung vorgehen und zugleich aber den Empfängerkreis schützen. Es stellt sich die Frage, ob diese dienstlich abgegebene Darstellung, die Sternbriefe als normale Freundesbriefe einzustufen, zutrifft oder ihre Bedeutung gezielt herab spielt. Auch wenn eine missionarische Intention des Sternbriefkreises augenscheinlich nicht im Vordergrund stand, hat die vorgesetzte Dienstebene in den Sternbriefen dennoch „…eine unzulässige ‚religiöse Propaganda‘“ (Schreiben Graf Kanitz, 8.1.46) gesehen und die Entlassung des Generals damit begründet. Ihm wurde mit eindeutigem Bezug auf seinen Glauben und die „Sternbriefe“ die dienstliche Qualifikation für seine Stellung abgesprochen.

Nachdem die Entlassung aus dem Führerhauptquartier am 15. Dezember 1944 ausdrücklich bestätigt wurde, kam es am 16. Dezember 1944 zu seiner Verhaftung durch die Gestapo. Er wurde nach Berlin überführt, im Reichssicherheitshauptamt in Einzelhaft gehalten und nur durch den hochrangigen Einfluss seines Schwagers, W. von Dommes, vor Schlimmerem bewahrt. Seine Entlassung nach Celle am 2. Febr. 1945 beendete seinen militärischen, nicht aber den geistlichen Dienst.

Klaus-Dieter Zunke

Fortsetzung im nächsten Sachsenspiegel.

Anmerkungen:

1 Auch Bonhoeffer hat „Rundbriefe an die Brüder im Krieg“ geschrieben; s. DBW Band 15, S. 267-272; u.a. / DBW Band 16, S. 28-33 u.a.

2 „Man versuchte, aus den biblischen Worten der Sternbriefe chiffrierte Putschanweisungen zu deuten.“, Generalmajor von Blücher, Beitrag zur Geschichte der COV, Typoskript, unveröffentlicht, Bundes-/Militärarchiv Freiburg/Br.; vgl.: Bernd von Viebahn befürchtete vor seiner Vernehmung durch General Maisel/Heerespersonalamt 1944: „Wenn meine Vermutung zuträfe, dann würde die Partei beweisen wollen, daß ich mit meinem christlichen Standpunkt in der Armee des ‚Führers‘ nicht mehr tragbar sei. Die weiteren Folgen dieses Vorhabens konnte ich mir ungefähr ausmalen: möglichst Sondergericht mit Erhängen, Ausstoßung aus dem Heer auf alle Fälle, und wenn nicht Todesstrafe, dann Konzentrationslager und durch ‚Sippenhaft‘ Schändung und Schädigung meiner Familie.“ – ‚Memini‘, Bd. II, unveröfftl. Biografie, ca. 1973, S. 433ff.

3 „Das Tagebuch war ein Seiltänzerakt über Jahre hinweg. Es mußte so geschrieben werden, […] daß man mir trotzdem möglichst nichts anhaben konnte, wenn das Tagebuch in die falschen Hände kam. Und falsche Hände gab es damals genug. Der Weg vors Kriegsgericht war sehr kurz, wenn man sich ‚defaitistischer Äußerungen‘ verdächtig gemacht hatte,…“ Kurt Hennig, Tragen und erretten, Stuttgart 1986, S. 12.

4 Schreiben des Celler Rechtsanwalt Jaeger an die Landesversicherungsanstalt Hannover vom 4.8.1951.

5 Gerhard W. Engelhardt, Generalmajor Hans Graf von Kanitz 1893-1968, Christ und Soldat, unveröffentlichte, private Biografie, Bad Eilsen 2007, S. 41.

Von Klaus-Dieter Zunke