Gefangenenbetreuung in Celle: Darum kümmere ich mich um Schwerverbrecher
Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Celle Stadt Darum kümmere ich mich um Schwerverbrecher
Celle Aus der Stadt Celle Stadt

Gefangenenbetreuung in Celle: Darum kümmere ich mich um Schwerverbrecher

08:59 30.01.2021
Von Simon Ziegler
Julius Krizsan
Julius Krizsan Quelle: Lothar H. Bluhm
Anzeige
Celle

Herr Krizsan, warum kümmern Sie sich um Mörder und Vergewaltiger?

Ich weiß, diese Menschen haben brutalste Verbrechen gegen andere Menschen begangen – und doch bleiben sie Menschen. Sie sind lebenslang etikettiert und haben keine Zukunft mehr. Das ist für mich nicht menschlich oder demokratisch.

Was ist daran undemokratisch? Diese Menschen sind schließlich eine Gefahr für andere.

Für mich ist die Institution Knast undemokratisch und unmenschlich – auch wenn sicherlich alles juristisch perfekt abgesichert ist. Beispiele aus Schweden, Dänemark und den Niederlanden zeigen, dass es auch anders geht. Aber mit diesem Thema kann kein Politiker Stimmen gewinnen. Für manche Mitmenschen bin ich bestimmt ein Spinner, der sich mit diesem „Abschaum“ beschäftigt. Das Feedback im Knast zeigt mir aber, dass ich auf dem richtigen Weg bin.

Was sind das für Reaktionen?

Die Gefangenen vertrauen uns. Sie öffnen sich uns gegenüber und bitten uns hin und wieder um Hilfe.

Was machen Schweden, Dänemark und die Niederlande im Strafvollzug anders?

Die Dänen zum Beispiel verhängen möglichst kurze Strafen, die oft im Hausarrest mit elektronischer Fessel vollzogen werden. Das ist deutlich günstiger als Gefängnis. Für die Resozialisierung ist das auch viel besser.

Was geschieht im Gefängnis mit einem Menschen, der eine lange Freiheitsstrafe absitzt?

Er wird weggesperrt und vergessen. Er ist für den Rest seines Lebens markiert und hat draußen keine Chance mehr. Denken Sie nur an die wenigen entlassenen Sexualstraftäter, die sich nirgendwo niederlassen können, wenn die Nachbarn von ihnen wissen. Und wenn diese Menschen sich ändern, an sich arbeiten und Reue zeigen, es hilft ihnen nichts. Man traut den Menschen nicht zu, dass sie sich ändern. Natürlich gibt es auch Personen, die so gefährlich sind, dass sie das Gefängnis nicht mehr verlassen dürfen.

Was können Sie konkret in der JVA Celle erreichen?

Durch mein Handeln möchte ich den Männern zeigen, dass sie nicht vergessen sind. Dass ich ihnen menschlich begegne, auch wenn ich von ihren Taten weiß. Einer der Männer aus der Winser Gruppe darf mich hin und wieder zu Hause besuchen. Dann ist er mit Laufkette gefesselt, drei Bedienstete begleiten ihn. Dabei ginge es auch anders. Er hat in seinem Leben vieles falsch gemacht, aber er hat sich geändert. Ich sage ja nicht, dass er seine Strafe verbüßt hat. Er wird wohl nie mehr ein freier Mann sein. Aber man müsste ihm nicht so misstrauisch begegnen.

Wie stellen Sie sich einen humaneren Strafvollzug vor?

Der Jurist und ehemalige Gefängnisdirektor Thomas Galli plädiert zum Beispiel dafür, Gefängnisse abzuschaffen, weil es sinnvollere Sanktionen gebe, mit Menschen umzugehen, die Normen verletzen. Er sagt: ‚Ich würde diesen Hochrisikotätern eine gesicherte Dorfgemeinschaft anbieten oder eine Gefängnisinsel. Dort können sie weitgehend selbstverantwortlich leben. Die Allgemeinheit wäre vor ihnen sicher.‘ So ähnlich sehe ich das auch.

Die Winser Gruppe

In der JVA Celle gibt es 220 Haftplätze, Anfang 2020 war das Gefängnis zu 90 Prozent ausgelastet. Die Gefangenen haben wenige Möglichkeiten, sich mit Menschen von außen vertraulich auszutauschen. Bei Bedarf steht ein Seelsorger zur Verfügung. Ein kleiner Kreis hat sich vor etwa 30 Jahren zur sogenannten Winser Gruppe zusammengeschlossen – gegründet vom Winser Julius Krizsan. Einmal im Monat kommen die rund 15 Mitglieder für eineinhalb Stunden zusammen. Die Gruppe ist unter sich, kein Wärter oder Aufpasser ist dabei. Die Gefangenen reden über Themen, die sie beschäftigen. Zum Beispiel die ärztliche Versorgung im Gefängnis. Neben Krizsan und dem Winser Bürgermeister Dirk Oelmann kümmern sich in der Gruppe fünf weitere Menschen ehrenamtlich um die Gefangenen, darunter vier Frauen. Einmal im Jahr wird ein Grillfest veranstaltet. Im Laufe der Jahre hat sich ein großes Vertrauensverhältnis gebildet. Die Mitglieder der Gruppe sind ausgesprochen dankbar für die Unterstützung „von außen“. Wegen der Corona-Pandemie können derzeit allerdings keine Treffen stattfinden. 

Audrey-Lynn Struck 29.01.2021
Oliver Gatz 29.01.2021
Celle Stadt Vom Jobtraum zum Traumjob - Arbeit mit Herz und Hand
Svenja Gajek 29.01.2021