Menü
Cellesche Zeitung | Ihre Zeitung aus Celle
Anmelden
Celle Stadt Flüchtlinge beim Bürgerdialog: "Celler sind wie Engel ohne Flügel"
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Flüchtlinge beim Bürgerdialog: "Celler sind wie Engel ohne Flügel"
18:19 08.12.2015
Auf dem Podium berichten sieben Flüchtlinge von ihren Erfahrungen. Kulturdezernentin Susanne Mc Dowell und Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) moderierten und übersetzten.
Auf dem Podium berichten sieben Flüchtlinge von ihren Erfahrungen. Kulturdezernentin Susanne Mc Dowell und Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) moderierten und übersetzten. Quelle: Alex Sorokin
Celle Stadt

Hani Ahmi hatte am Montagabend in der Alten Exerzierhalle seinen großen Auftritt. Der 25-Jährige saß zwischen rund 130 Cellern im Publikum, als er sich einen Ruck gab. Vorne am Mikro versuchten sechs Flüchtlinge mit ein paar Brocken Englisch, von ihrem Heimatland Syrien zu erzählen. Ahmi gesellte sich zu der Runde und bot sich als Übersetzer an: "Ich war auch mal Flüchtling. Ich dachte, ich könnte hier vorne ein bisschen helfen.“

Schließlich kann Ahmi Arabisch und Kurdisch. Seine Familie ist bereits vor zehn Jahren aus Syrien geflüchtet. Die ersten zwei Jahre war es sehr schwierig, Freunde aus anderen Kulturen kennenzulernen, sagte er. „Mittlerweile fühle ich mich sehr deutsch.“ Inzwischen hat er das Abi in der Tasche und macht eine Ausbildung zum Mechatroniker in Meinersen bei Gifhorn.

Viele der Flüchtlinge nutzten das Podium, um sich bei den Cellern zu bedanken. Familienvater Mohamad Yahia sagte: „Wir wurden hier wie in einem zweiten Himmel aufgenommen. Die Leute sind hier wie Engel, nur ohne Flügel.“ So hätten es die Flüchtlinge hier viel besser als in arabischen Ländern. Omar Kalthoum erzählte, dass man hier in Deutschland wisse, wie es sei, wenn kein Frieden herrsche und man das Zuhause verliere.

Oberbürgermeister Dirk-Ulrich Mende (SPD) griff moderierend ein und nahm die Flüchtlinge in Schutz: „Ich glaube nicht, dass sie die Frage in allen Einzelheiten beantworten müssen. Das wird sonst zu persönlich.“ Er betonte aber auch: „Es ist ein langer Prozess, hier auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.“ Für ihn war es beruhigend zu hören, dass die Flüchtlinge im handwerklichen Bereich arbeiten wollen. „Dann sind Sie rasch integrierbar.“

Mende fragte auch, ob die Syrer Kontakt unter ihresgleichen suchen oder ihn zur deutschen Bevölkerung aufbauen. Omar Kalthoum schilderte, dass er neulich beim Nachbarn geklingelt habe und der aus seinem Leben erzählt habe: „Ich habe zwar nichts verstanden, aber es war eine tolle Unterhaltung.“ Mehrmals kam die Frage, was die Syrer vor ihrer Flucht über Deutschland wussten und welche Versprechungen ihnen gemacht wurden. Mustafa Kalthoum sagte: „Wir haben Freunde hier in Deutschland kontaktiert, und die haben weitere Kontakte vermittelt.“

Es ging aber auch um die Frage, wie Muslime ihren Glauben zelebrieren. Omar Maradini sagte: „Religion ist das, was zwischen mir und Gott ist – das zeige ich nicht nach außen. Es gibt nur einzelne Personen, die Fehler machen, nicht ganze Religionen.“ Eine Cellerin fragte nach den Bildungsvoraussetzungen der Frauen. Aus dem Publikum antwortete eine Syrerin: „Die Frau ist auch ein Teil der Gesellschaft. Auch sie hat einen Beruf gelernt. Wenn neben Familie und Haushalt noch Zeit ist, geht sie auch arbeiten.“

Nach fast zwei Stunden war noch Zeit, mit den Flüchtlingen direkt ins Gespräch zu kommen. Einige Celler boten unbürokratisch ihre Hilfe an: Die beiden Elektriker können nun auf ein Praktikum hoffen. Die Künstler sollen von einem Paar ins Celler Kulturleben eingeführt werden.

Von Dagny Rößler