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Enrico Cali macht eine Ausbildung zum Fachpraktiker in Celle

12:45 30.12.2020
Von Svenja Gajek
Behält den Überblick: Enrico Cali weiß genau, wo er welche Waren in den Regalen findet. Quelle: Oliver Knoblich
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Celle

Seine Beeinträchtigung ist kein Grund für ihn, den Kopf in den Sand zu stecken: Enrico Cali hat eine Lernschwäche. Doch damit geht der 19-Jährige ganz offen um. Jetzt macht der selbstbewusste junge Mann eine Ausbildung zum Fachpraktiker im Verkauf. Dabei besucht er nicht nur die Berufsschule, sondern auch die Deutsche Angestellten-Akademie (DAA) in Celle, außerdem absolviert er Praktika in verschiedenen Betrieben. Die Pläne für seine Zukunft gehen jedoch in eine ganz andere Richtung.

Zusammen mit seinem Mitschüler Marvin Reu (rechts) demonstriert Enrico Cali, wie die Ausgabe funktioniert: Der Kunde sagt ihm, was er bestellt hat, Cali sucht die Waren heraus und händigt sie aus. Quelle: Oliver Knoblich

In einer gewöhnlichen Ausbildung wäre Cali schnell an seine Grenzen gestoßen

Cali hat kein Problem damit, über seine Lernschwäche zu sprechen: „Ich brauche mehr Zeit als andere, um den Lernstoff zu verstehen. Und ich kann mich schlecht konzentrieren. Ich werde leicht durch Umgebungsgeräusche abgelenkt.“ In einer Standard-Ausbildung wäre Cali schnell an seine Grenzen gestoßen, während der Fachpraktiker-Ausbildung erhält er intensiven Förderunterricht. „Wenn ich mal etwas nicht begreife, dann wird es mir in Ruhe so lange erklärt, bis es sitzt.“

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Theoretischer Anteil ist reduziert

Wie es der Name des Ausbildungsberufes schon andeutet, geht es vermehrt um die Praxis. Der theoretische Anteil ist reduziert. Die Annahme und Ausgabe von Waren werden in einem Raum des DAA-Gebäudes nachgestellt. In mehreren Regalen lagern verschiedene Gegenstände, die auch bei einer echten Geschäftsabwicklung bestellt werden könnten. Der Azubi übt zum Beispiel, den Kunden am Tresen zu empfangen, ihm die gewünschten Waren herauszusuchen und ihm auszuhändigen.

"Ein Großteil schafft es, im Anschluss die Vollausbildung zum Verkäufer noch draufzusetzen", sagt Monika Motz, sozialpädagogische Leiterin DAA Celle Quelle: Oliver Knoblich

Vollausbildung zum Verkäufer für viele Fachpraktiker möglich

Cali bereitet die Tätigkeit große Freude. „Seine Stärke liegt im Umgang mit den Menschen“, sagt Monika Motz. Sie ist bei der DAA Celle für den Bereich Pädagogik zuständig und weiß um die Fähigkeiten ihrer Schützlinge: „Etliche unserer Jugendlichen schaffen es, im Anschluss die Vollausbildung zum Verkäufer noch draufzusetzen. Das zeigt, dass sie trotz ihrer Einschränkungen einen Beruf ausüben können.“

Zusammenarbeit mit örtlichen Betrieben sehr wichtig

Die Ausbildung gibt es in dieser Form erst seit einigen Jahren. Sie soll das Gebot der Inklusion erfüllen, das heißt in diesem Fall Menschen mit Einschränkungen die Teilhabe an einer Berufsausbildung und somit am Arbeitsleben ermöglichen. Durch die Praktika lernen Jugendliche und Arbeitgeber sich kennen. Sind sich beide Seiten sympathisch, entsteht daraus häufig ein langfristiges Arbeitsverhältnis. „Das bisschen, was die Jugendlichen nach einer Übernahme noch nicht können, gleichen sie durch große Motivation aus“, betont Motz. Die Zusammenarbeit mit den örtlichen Betrieben sei sehr wichtig. „Wenn es gut läuft, haben die Jugendlichen die Möglichkeit, das gesamte zweite Ausbildungsjahr in einem Betrieb zu verbringen. Wir führen begleitend den Stütz- und Förderunterricht durch. Dazu kommt die Berufsschule als dritter Lernort. Die Abschlussprüfung wird von der Industrie- und Handelskammer abgenommen.“

In unterschiedliche Bereiche hineinschnuppern

Man merkt gleich, dass Cali die nötige Motivation besitzt. Er ist nicht nur Klassensprecher in der Gruppe bei der DAA, sondern auch in der Berufsschule. Ihm gefällt es, dass er sich in unterschiedlichen Betrieben umsehen darf: „Wenn einem zum Beispiel der Verkauf im Bereich Kosmetik nicht gefällt, dann kann man auch in die Textil-, Lebensmittel- oder Elektronikbranche hineinschnuppern. So lernt man viele Seiten des Berufes kennen.“

Enrico Cali und Mitschülerin Anika Meyer in einem der Schulungsräume des DAA-Gebäudes an der Spörckenstraße in Celle. Quelle: Oliver Knoblich

Gemeinsam lernen und Spaß haben

Insgeheim wünscht sich Cali manchmal, dass er keine Beeinträchtigungen hätte. Der Alltag sei dadurch oft für ihn anstrengender als für andere Menschen. Doch dann denkt er an seine Klassenkameraden und ist wieder vergnügt. Dem jungen Mann gefällt es, mit seinen Mitschülern nicht nur zu lernen, sondern auch mit ihnen Spaß zu haben: „Wir erzählen auch mal Witze zwischendurch und haben einfach eine schöne Zeit miteinander.“

Enrico Cali: "Hauptsache, ich habe den Abschluss in der Tasche"

Bei aller Begeisterung für seine Arbeit zieht es Cali in künstlerische Gefilde: Er möchte Geld sparen, um sich irgendwann an einer Privatschule zum Make-up-Artist – also zum Maskenbildner und Visagist – ausbilden zu lassen. „Der Verkauf gefällt mir, aber das Experimentieren mit Schminke ist meine große Leidenschaft“, erzählt der 19-Jährige. Es ist ihm jedoch wichtig, zunächst die erste Ausbildung zu beenden. „Hauptsache, ich habe den Abschluss in der Tasche. Was ich als Fachpraktiker lerne, werde ich später in meinem Berufsleben auf jeden Fall gebrauchen können, egal, was ich dann mache.“

Nachgefragt bei Christine Klänhardt

Quelle: cz

Julia Hausemann und Christine Klänhardt (Foto) bilden als Duo die kommissarische Bildungsgangleitung Einzelhandel an den BBS 1 Celle.

Was ist das Besondere an der Ausbildung für die Fachpraktiker im Verkauf?

Bei der zweijährigen außerbetrieblichen Ausbildung als Fachpraktiker im Verkauf handelt es sich um eine theoriegeminderte duale Berufsausbildung, die sich an junge Erwachsene mit Lernbeeinträchtigungen aufgrund unterschiedlichster Behinderungen und damit einhergehendem besonderen Förderbedarf richtet und keinen Schulabschluss voraussetzt.

Wie muss man sich das vorstellen?

Sie wird sozialpädagogisch begleitet und orientiert sich an der Ausbildung zum Verkäufer und soll lernschwachen jungen Menschen den Einstieg in betriebliche Ausbildungsverhältnisse beziehungsweise qualifizierte Beschäftigungsverhältnisse nach Abschluss der Ausbildung erleichtern.

Für wen kommt die Ausbildung in Frage?

Die Bundesagentur für Arbeit prüft die persönlichen Voraussetzungen der Interessenten und begutachtet, ob eine „Ausbildung für behinderte Menschen mit Förderbedarf nach Paragraf 117 SGB III“ für sie geeignet ist. Da die Ausbildung in einer Einrichtung für berufliche Rehabilitation erfolgt, erhalten die Auszubildenden keine Ausbildungsvergütung, sondern sie erhalten Bezüge von der Agentur für Arbeit.

Wie läuft die Ausbildung ab?

Die lernschwachen und förderbedürftigen Auszubildenden werden an ein bis zwei Tagen pro Woche in der Berufsschule in kleinen Lerngruppen unterrichtet. Analog zu den Ausbildungsberufen Kaufmann im Einzelhandel und Verkäufer werden die Lernfelder des ersten und zweiten Ausbildungsjahres unterrichtet. Hinzu kommen die allgemeinbildenden Fächer Deutsch, Englisch und Politik.

Und wo werden sie noch ausgebildet?

An drei Wochentagen findet die Ausbildung in Einrichtungen der beruflichen Rehabilitation statt. In Celle übernimmt die Deutsche Angestellten-Akademie (DAA) diese Aufgabe. Hier wird der in der Berufsschule vermittelte Lehrstoff durch einen intensiven Förderunterricht vertieft und die Auszubildenden werden individuell durch erfahrene Ausbilderinnen und Ausbilder, Lehrkräfte und Sozialpädagogen während der gesamten Ausbildungszeit betreut und begleitet (zum Beispiel Prüfungsvorbereitung, Nachhilfe, Vorbereitung auf Klassenarbeiten, Unterstützung bei Alltagsproblemen). Neben der Ausbildung in der Berufsschule und beim Bildungsträger sind Betriebspraktika in Kooperationsbetrieben zu absolvieren, in denen die Auszubildenden in der betrieblichen Praxis ausgebildet werden.

Und wie wird geprüft?

Nach dem ersten Ausbildungsjahr legen die Auszubildenden eine schriftliche Zwischenprüfung ab. Zum Ende der Ausbildung absolvieren sie die schriftliche und die mündliche Abschlussprüfung.

Steckbrief Fachpraktiker im Verkauf

Was macht man in diesem Beruf?

Fachpraktiker im Verkauf nehmen Waren bei der Lieferung an, sortieren die Produkte und räumen Regale ein. Sie gestalten auch Verkaufsflächen und achten dabei darauf, dass die Waren ansprechend präsentiert werden. Fachpraktiker im Verkauf kontrollieren die Waren auch. Dann achten sie bei Lebensmitteln zum Beispiel auf das Mindesthaltbarkeitsdatum. Sind einzelne Produkte im Geschäft ausverkauft, füllen Fachpraktiker im Verkauf die Regale mit Waren aus dem Lager wieder auf. Im Verkauf beraten sie Kunden und führen Verkaufsgespräche. Fachpraktiker im Verkauf arbeiten auch an der Kasse. Dann achten sie zum Beispiel darauf, dass sie das Wechselgeld richtig ausgeben. Manchmal verpacken Fachpraktiker im Verkauf die Ware oder machen sie bereit für den Versand.

Wo arbeitet man?

Beschäftigungsbetriebe:

• Geschäfte

• Mode- und Möbelhäuser

• Elektronik- und Baumärkte

• Fachabteilungen von Supermärkten und Warenhäusern

Arbeitsorte:

• Verkaufs- und Lagerräume

• Büroräume

Anforderungen:

• Kundenorientierung und Kontaktbereitschaft (zum Beispiel bei der Kundenberatung)

• Gute körperliche Konstitution (zum Beispiel beim Einräumen von Regalen)

Schulfächer:

• Deutsch (zum Beispiel beim Beschriften von Angebotstafeln und Beantworten von Kundenfragen)

• Mathematik (zum Beispiel beim Addieren von Einzelpreisen, Berücksichtigen von Rabatten und Prüfen von Warenbeständen)

Welche Voraussetzungen braucht man für die Ausbildung?

Die Ausbildung zum Fachpraktiker im Verkauf kann man auch ohne Schulabschluss beginnen. Die Agentur für Arbeit stellt fest, wer sich dafür eignet.

Was lernt man in der Ausbildung?

Die Auszubildenden lernen beispielsweise:

• wie man auf Erwartungen und Wünsche des Kunden eingeht

• wie man bei der Bearbeitung von Beschwerden, Reklamationen und Umtausch mitwirkt

• was man über den Kassiervorgang und die Kassieranweisung wissen muss

• welche Arten, Ziele, Aufgaben und Zielgruppen der Werbung es gibt

• wie man Waren verkaufswirksam präsentiert und wie man Dekorationsmittel einsetzt

• wie man Mittel zur Kundenbindung nutzt

• wie man die Preisauszeichnung durchführt

• was man über Waren- und Datenfluss wissen muss

• wie Bestände auf Menge und Qualität kontrolliert werden

• wie man Waren lagert und pflegt

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