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Celle Stadt Ein Ekelpaket mit Charme
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Ein Ekelpaket mit Charme
14:09 13.06.2010
Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen
Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen Quelle: Fremdfotos / Texte Eingesandt
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Zu einem speziellen Theaterabend gehört auch ein spezieller Auftakt. Noch bevor die Vorstellung von Schillers „Der Parasit“ überhaupt losgegangen war, gab es gleich in doppelter Hinsicht Futter für die Premierenbesucher. Auf der Bühne balancierte ein Darsteller im Hausmeister-Kostüm halsbrecherisch auf einer Leiter. Und im Zuschauerraum meldete ein Theatermitarbeiter lautstark, dass offenbar ein Parkett-Sitzplatz versehentlich doppelt vergeben worden war, was fast schon wie ein etwas surrealer Prolog zur Aufführung wirkte.

Die wurde dann, als es richtig losging, bemerkenswert: sehr einfallsreich und zumindest über weite Strecken stimmig. Das Stück über einen Menschen, der in einem Ministerium mit allen Mitteln vorwärts kommen will, hat zwar gut 200 Jahre auf dem Buckel – doch dies lässt die Celler Inszenierung vergessen.

Schon die Ausstattung überzeugt. Julia Hattstein hat eine Art Nicht-Raum geschaffen, einen Durchgangsbereich, der jedoch im Zusammenhang mit der jeweiligen Szene sehr wohl konkret werden kann. Die Kostüme wiederum geben deutliche Hinweise auf den Charakter der Figuren.

Regisseurin Bettina Rehm bleibt sprachlich bei Schiller, wenn auch hier und da einzelne Vokabeln durch zeitgemäßere Ausdrücke ersetzt werden. Szenisch kommt schon mal ein Foto-Handy zum Einsatz, und überhaupt bleibt kein Zweifel daran, dass sich das Geschehen im Hier und Heute abspielt. Warum auch nicht, denn die Handlung kommt uns nur zu bekannt vor: Wie da einer für die eigene Karriere Intrigen spinnt, sich je nach Interessenlage Freunde schafft und andere fallen lässt, das hat etwas erschreckend Zeitloses. Hier heißt dieser Mensch „Selicour“, doch ließen sich unzählige andere Namen für ihn finden

Das Personal des Stücks hat Rehm in zweierlei Hinsicht verändert, und auch diese Ideen wirken schlüssig. Madame Belmont ist nicht mehr die Mutter des Ministers Narbonne, sondern dessen Gattin, was dieser Figur mehr Tiefgang verleiht: Monika Häckermann weiß in ihrer Darstellung einer Frau, die sich jugendlicher als angebracht gibt, komische und tragische Elemente zu vereinen. Selicours Erzfeind La Roche, bei Schiller ein Mann, ist bei Rehm weiblich. Das bringt zusätzlichen Pep in die Sache, indes bleibt unklar, warum Eva Mannschott diese Figur so schreckschraubig spielen muss, zumal die Sprechweise manchmal aufgesetzt klingt.

Thomas Schreyer gibt den Selicour keineswegs als reines Ekelpaket, sondern verleiht ihm einigen Charme, was viel interessanter ist. Vereinzelt driftet er jedoch in einen extrem salbungsvollen Ton, der dann doch einem Tartuffe besser zu Gesicht stehen würde. Großartig Gerhard Mohr in der eigentlich unspektakulären Rolle des Ministers Narbonne: Der Darsteller zeichnet die Stärken und Schwächen dieses Charakters mit feinem Gespür. Und Thorsten Hennig räumt in einer Doppelrolle ab: Er ist Selicours poltriger Vetter Robineau und nervt wunderbar als der eingangs erwähnte Hausmeister, der stets in den unpassendsten Momenten die Szene betritt.

Manche Szenen der Inszenierung sind grandios. Dazu gehören die Party mit ihren vielen kleinen Peinlichkeiten, das hausmeisterliche Zwischenspiel direkt nach der Pause und die Schlusspointe. Anderes scheint entbehrlich, kippt gar zu sehr in die Spielastik: Die Verzückungen des Selicour muss man beispielsweise nun wirklich nicht durch ein Stroboskop-Gewitter illustrieren. Doch die Pluspunkte überwiegen Abend bei weitem. Daher ist der stürmische Schlussbeifall berechtigt.

Von Jörg Worat