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Celle Stadt Die alleinerziehenden Krippe
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Die alleinerziehenden Krippe
12:50 13.06.2010
Celle Stadt

Alle wichtigen Dinge für das Fest liegen in kleineren Pappschachteln oder lose beieinander. Ein Griff und alles ist zur Hand: der Christbaumständer, die rote Plastikplane zum Unterlegen gegen die tropfenden Wachskerzen, die Kerzenhalterungen, das Lametta, die in Papierservietten eingewickelten roten, silbernen und goldenen Weihnachtsbaumkugeln neben den fein säuberlich aufeinander gelegten Strohsternen.

Zwischen all dem fliegt eine Zigarettenschachtel große Holzkrippe herum, die, je nach Laune der Schmückenden, auch mal den Weg an den Baum findet. Mit viel Klarlack und etwas Holzkleber sind eine Stallfront mit Stern, zwei Tannenbäume, ein Schaf und die heilige Familie auf einem schmalen Holzbrett fixiert. Es ist kein großes Kunstwerk, aber irgendwie hängen Erinnerungen an diesem Ensemble.

Als mir beim Schmücken das gute Stück in die Hände fällt, stelle ich fest: da fehlt doch jemand. Unbemerkt muss er sich aus dem Staub gemacht haben. Auch nach längerem Suchen im Karton kann ich ihn nicht finden: Josef – einfach weg.

Hat er also doch Ernst gemacht und heimlich, still und leise Maria und das Jesuskind verlassen?

Mit meiner Krippe müsste die Weihnachtsgeschichte neu geschrieben werden: kein Josef, der seiner schwangeren Verlobten unauffällig zur Seite steht; keiner, der das Leben der Familie in die Hand nimmt, um dem mächtigen König Herodes zu entkommen, der dem Neugeborenen nach dem Leben trachtet; keiner, der ohne viele Worte tut, was zu tun ist.

Wie oft lässt Josef zu, dass Gott in sein klar geordnetes Leben hineinkommt und es in ungeahnte Bahnen lenkt. Bestimmt hatte er ganz andere Lebenspläne und Träume. Doch nach anfänglichem Zögern lässt er sich immer wieder auf die Veränderungen ein und geht los. Was für Zuversicht und Mut beweist dieser bescheidene Mann, der so häufig in seinem Leben vor ungeplante Herausforderungen gestellt wird. Mir imponiert er.

Ich hoffe, dass ich Josef doch noch finde. Den Karton mit dem Weihnachtsschmuck werde ich noch einmal gründlich auf den Kopf stellen. Irgendwo muss dieser sympathische Kerl ja schließlich sein.

Von Olaf Ripke