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Celle Stadt Die Begrüßungsgeld-Schlange von Celle
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Die Begrüßungsgeld-Schlange von Celle
13:13 13.06.2010
Rudolf Stammen, Inhaber von Juwelier Rahls, erzählt von der riesigen Menschenschlange am 2. Dezember 1989.
Rudolf Stammen, Inhaber von Juwelier Rahls, erzählt von der riesigen Menschenschlange am 2. Dezember 1989. Quelle: Stefan Kübler
Celle Stadt

Als Rudolf Stammen am Vormittag des 2. Dezember 1989 im alten Rathaus in die Ratsfraktionssitzung der CDU platzte, hatte er nur eines im Sinn: Er wollte den tausenden DDR-Bürgern helfen, die seit dem Morgen in der Kälte an der Stadt-Information anstanden, um sich ihr Begrüßungsgeld abzuholen. Stammen, damals wie heute Inhaber von Juwelier Rahls, hatte von seinem Geschäft aus die Warteschlange beobachtet, die sich von der Information bis zum Post-Gebäude erstreckte.

Tausende DDR-Bürger waren offenbar dem Ruf gefolgt, sich in Celle das Begrüßungsgeld abzuholen. 100 D-Mark wurden hier ausgezahlt, das war mehr als in anderen Städten, und so drängten sich am ersten langen Sonnabend nach dem Mauerfall dichte Menschenmassen durch die Celler Fußgängerzone.

„Als ich die vielen Menschen sah, dachte ich: Wenn das so weiter geht, kriegen die ihr Geld heute nicht mehr“, erinnert sich Stammen heute. „Ich bin also in den Sitzungssaal des Rathauses marschiert und habe den dort tagenden Politikern die riesige Warteschlange gezeigt. Viele waren überrascht, handelten jedoch sofort.“

Stammen erreichte, dass die Sitzung abgebrochen und in der Dresdner Bank am Großen Plan eine zweite Ausgabestelle eingerichtet wurde. Einige Ratsmitglieder halfen beim reibungslosen Ablauf tatkräftig mit, so dass bis zum Abend jeder sein Geld bekam. Insgesamt wurden an diesem Wochenende 650000 D-Mark ausgezahlt. Zu Tumulten kam es jedoch nicht. „Alles verlief absolut friedlich“, bestätigt Stammen.

Der Andrang ging in den kommenden Wochen weiter. Viele DDR-Bürger, die am ersten Wochenende noch mit Reisebussen kamen, kehrten wenig später mit ihren Familien in Trabis zurück, um sich etwas zu kaufen. „Dass die Geschäftsleute die Situation ausnutzten, um alte Ladenhüter loszuwerden, kann ich nicht bestätigen“, erzählt Stammen. „Ich selber hatte extra günstige Uhren besorgt, die von den Besuchern auch dankend gekauft wurden.“

Ein Ereignis ist ihm besonders in Erinnerung geblieben. Ebenfalls am 2. Dezember tagte in der Congress Union der Bundeshauptausschuss der FDP. Zu Besuch war auch der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der sich spontan zu Fuß auf den Weg in die Celler Innenstadt machte und vor Stammens Juwelier-Geschäft Autogramme in DDR-Pässe schrieb. „Davon musste ich einfach ein Foto machen“, so Stammen. „Das ist ein Zeitdokument für die Ewigkeit.“

Von Stefan Kübler