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Celle Stadt Kulturschaffende distanzieren sich von "Celle steht auf"
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Deshalb distanzieren sich Kulturschaffende von "Celle steht auf"

15:51 30.04.2021
Von Jürgen Poestges
75 Teilnehmer machten sich Anfang April vom Celler Schützenplatz auf zum "Spaziergang" in die Innenstadt.
75 Teilnehmer machten sich Anfang April vom Celler Schützenplatz auf zum "Spaziergang" in die Innenstadt. Quelle: Oliver Knoblich
Celle

Die Gruppe „Celle steht auf“ will am 1. Mai einen „Umzug“ mit Kundgebung unter dem Motto „Kultur ist Leben“ veranstalten. Heimische Kulturschaffende reagieren prompt – und distanzieren sich deutlich. „Hier stellen sich die Fragen: Welche Kulturakteure vertreten sie mit dieser Aktion? Sprechen sie für die Celler Kulturszene? Wer hat sie dazu beauftragt?“, so das Team der „Kulturgesichter Celle“ in einer Reaktion auf den Aufruf zur Teilnahme an dem Umzug. „Niemand hat sie beauftragt und die Gruppe ist auch kein Sprachrohr der Celler Kultur.“ Ihr Motto sei anmaßend vereinnahme die Kultur. „Wenn ,Celle steht auf‘ sich ernsthaft mit der Celler Kulturbranche auseinandergesetzt hätte, wäre ihnen klar geworden: Die Celler Kulturbranche leugnet die Corona-Pandemie mehrheitlich nicht, sondern setzt sich ernsthaft mit den Folgen und Maßnahmen zur Überwindung auseinander", heißt es in der Stellungnahme weiter. "Initiativen, Gruppen und Vertreter der Celler Kultur- und Veranstaltungsbranche akzeptieren die staatlichen Corona-Maßnahmen grundsätzlich und setzen die Hygieneregeln bei Veranstaltungen gewissenhaft um.“ 

"Celle steht auf" spricht von "Corona-Diktatur"

„Celle steht auf“ möchte sich für Freiheit einsetzen und meine damit Freiheit von Corona-Maßnahmen wie Impfen, Testen und Maskenzwang, so die Kulturschaffenden. „Aber was sind die Alternativen? Wir alle möchten unser normales Leben schnell wieder zurück, wissen aber um die Gefährlichkeit des Virus und um die Konsequenzen, wenn man nichts dagegen tut.“ Die Mitglieder von „Celle steht auf“ stellten die Maßnahmen der Bundes- und Landesregierung grundsätzlich infrage, sprächen gar von „Diktatur“, so das „Kulturgesichter“-Team. Lösungen böten sie aber nicht an. Deutschlandweit beobachteten Forscher mit Sorge die wachsende Aggressivität der Querdenker-Szene, die inzwischen auch vermehrt in Angriffen auf Presse und Polizei gipfele. Aktuell werde die Entwicklung der Querdenkerszene deshalb wegen „Delegitimierung des Staates“ vom Verfassungsschutz beobachtet. Auch für die Celler Gruppe ließen sich solche Tendenzen zeigen, so die Kulturschaffenden.

Gegenaktionen von "Kulturgesichtern" in Celle nicht geplant

Gegenaktionen sind indes nicht geplant. „Wir sind eigentlich eine unpolitische Gruppe“, sagt Birgit Nieskens von den „Kulturgesichtern.“ Aber jetzt sei eine „Rote Linie“ überschritten worden. „Wir mussten jetzt reagieren, um uns von dieser Aktion zu distanzieren.“ Es gehe nicht darum, irgendwelche Personen zu stigmatisieren: „Wir wollen nach wie vor den Dialog. Aber bisher ist meine Erfahrung, dass das nicht viel Zweck hat.“

Orga-Team vom Stadtfest unterstützt Kulturszene

Das Organisationsteam des Stadtfest-Vereins stellt sich in vollem Umfang hinter die Erklärung der „Kulturgesichter“. „Es ist wichtig, darzustellen, dass diese Gruppe nicht die Celler Kulturszene repräsentiert“, sagt der Vereins-Vorsitzende Wolfgang Reichert. Deshalb sei es auch sehr gut, dass sich das Team der ,Kulturgesichter‘ so deutlich und gut positioniert habe. Auch im Vorstand des Stadtfest-Vereins haben man sich intensiv mit dem Thema beschäftigt.

Celler Netzwerk gegen Antisemitismus warnt vor Rechtsextremen

Auf das Motto der Gruppe „Celle steht auf“ reagieren auch die Celler „Vielen“, der Verein für die Beförderung internationaler Gesinnung, der Toleranz auf allen Gebieten der Kultur. „Welche Wahrheit ist gemeint? Das Celler Netzwerk gegen Antisemitismus warnt aktuell vor ,Hassbotschaften und Desinformation‘ auf dem Telegram-Kanal „cellestehtauf“. So wurde die Corona-Impfkampagne auch in Celle öffentlich auf Facebook als ,Genozid‘ bezeichnet, Politiker wurden des Hochverrats bezichtigt, es wird von Diktatur gesprochen“, heißt es in der Erklärung, die von Schlosstheater-Intendant Andreas Döring verbreitet wird. „Ausgrenzung, Diffamierung und Delegitimationen der repräsentativen Demokratie sind mit einem wertebasierten Kulturbegriff jedoch unvereinbar.“

Die Meinungsfreiheit sei Teil unserer Kultur, heißt es in der Erklärung weiter. Ausgrenzung und Diffamierungen aber verletzten die Menschenwürde und missbrauchten die Meinungsfreiheit. Da „Celle steht auf“ den „Kulturbegriff“ in den Mittelpunkt der nächsten Kundgebung und damit in einen diffamierenden Kontext stellten, distanzierten sich die Kulturschaffenden der Celler „Vielen“ ausdrücklich von diesem Aufruf.

Gunther Meinrenken 30.04.2021
Svenja Gajek 30.04.2021
Jürgen Poestges 30.04.2021