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Celle Stadt „Das ist ein hartes Leben“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Das ist ein hartes Leben“
12:57 13.06.2010
Von Oliver Gatz
Leben unter freiem Himmel: Henry Göbel (links) und Volker Liepelt.
Leben unter freiem Himmel: Henry Göbel (links) und Volker Liepelt. Quelle: Gerd Neumann
Celle Stadt

„Das ist ein hartes Leben“, sagt Volker Liepelt. Bei den eisigen Temperaturen ist der 47-Jährige froh, im Kalandhof Zuflucht gefunden zu haben. Die Einrichtung Im Rolande 10 bietet Obdachlosen in Celle ein Dach über dem Kopf – für eine Nacht oder auch über einen längeren Zeitraum.

„Zehn Jahre lang habe ich im Winter draußen gelebt“, erzählt Liepelt. „Ich will das nicht mehr haben.“ Die kalten Nächte verbrachte er unter Brücken oder in Waldhütten – weit weg vom städtischen Leben. „Auch auf Baustellen habe ich manchmal ein Plätzchen gefunden.“ Abends machte er sich ein Feuerchen, um sich aufzuwärmen. „Da darf man sich nur nicht erwischen lassen. Das Beste ist immer, Platte außerhalb der Stadt zu machen.“

In den ersten Jahren seiner Obdachlosigkeit wappnete sich Liepelt mit Pappe und Plastikfolie gegen Kälte und Nässe, bevor er sich einen Schlafsack zulegte. Doch auf Dauer konnte sein Körper die Belastungen nicht aushalten. „Beim Liegen auf der Iso-Matte habe ich’s an den Nieren gemerkt.“ Der 47-Jährige entschied sich schließlich, im Winter eine Obdachlosenunterkunft aufzusuchen.

Seit 1990 lebt Liepelt auf der Straße. Wie so häufig waren familiäre Probleme die Ursache. Die Mutter verstarb, es gab Streit mit dem Vater. Und dann kam noch der Alkohol hinzu. „Ich möchte irgendwann mal Fuß fassen“, sagt der Obdachlose. „Aber es ist nicht einfach, von der Straße herunterzukommen.“ Er hofft, dass er mit Hilfe des Kalandhofes bald wieder ein normales Leben führen kann.

Auch Henry Göbel verbringt die kalten Wintertage im Kalandhof. Die frostigen Temperaturen seien dafür aber nicht ausschlaggebend, betont der 47-Jährige. „Die Kälte macht mir nichts aus. Ich habe schon mal einen ganzen Winter im Zelt verbracht. Aber es muss trocken sein.“ Das Wichtigste sei eine gute Ausrüstung, sagt Göbel. „Es gibt Schlafsäcke, die halten sogar bei minus 50 Grad warm.“ Und mit einem Kocher könne man sich etwas Warmes zu essen machen.

Derzeit halten sich 50 Männer im Kalandhof auf. Sie sind dort für längere Zeit untergebracht und nehmen die Betreuungsangebote der Einrichtung an. Neben der Organisation von Behördengängen geht es hauptsächlich um Qualifizierungsmaßnahmen und die Vermittlung von Arbeit, um den Betroffenen einen strukturierten Tagesablauf zu bieten – der erste Schritt aus der Obdachlosigkeit.

Der Wohnkomplex bietet Einzelzimmer und Appartments für insgesamt 70 Betroffene. „Die Kapazitäten im Winter sind ausreichend“, sagt Klaus Göth, Leiter des Kalandhofes. In der kalten Jahreszeit kämen in der Regel mehr Obdachlose als im Sommer. „Aber nicht in dem Umfang, wie man vermuten könnte“, fügt Göth hinzu.

Neben dem stationären Bereich gibt es Räume für sogenannte „Übernachter“. Das sind Menschen, die nur für kurze Zeit ein Dach über dem Kopf suchen. Derzeit nutzen elf Männer dieses Angebot. Sie erhalten bei der Ankunft ein „Überlebenspaket“ mit Utensilien für den täglichen Bedarf wie Duschgel oder Zahncreme.

Für die Reinigung der Kleidung stehen Waschmaschine und Wäschetrockner bereit. Wer nichts Passendes hat, kann die Kleiderkammer aufsuchen. Abends gibt es für die Obdachlosen im Kalandhof eine warme Mahlzeit. „Es kann auf jede Bedarfssituation reagiert werden“, sagt Göth.

Träger des Kalandhofes ist der Verein Herberge zur Heimat, der dem Diakonischen Werk angehört.