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Celle Stadt „Das Pearl Harbor unserer Generation“
Celle Aus der Stadt Celle Stadt „Das Pearl Harbor unserer Generation“
13:28 13.06.2010
Celle Stadt

Lorraine Mootz hatte gerade an diesem Tag zu Hause Besuch von einer Gruppe von Amerikanern, als ihre Mutter aus den USA anrief. „Wir werden attackiert. Mach den Fernseher an“, sagte diese. „Ich konnte es nicht glauben und dachte, meine Mutter übertreibt“, meint Mootz. Doch sie überzeugte sich davon, dass die erschreckenden Worte der Wahrheit entsprachen. Sprachlosigkeit breitete sich in der Runde aus. „Es war ein Schock für mich, wie ich ihn nur einmal erlebt habe, als mein Mann plötzlich gestorben ist“, erzählt die 65-Jährige, die aus Norfolk stammt und bereits seit 18 Jahren in Celle lebt.

Ebenso schockiert war die gebürtige Amerikanerin Linda Anne Engelhardt. „Ich war gerade in einer Sitzung der Bezirksregierung Lüneburg, als meine Familie versuchte, mich über Handy zu erreichen“, erzählt Engelhardt, deren Wahlheimat seit 1990 Celle ist. „Als ich die Nachricht erhalten habe und zur Sitzung zurück ging, wusste ich erst nicht, was ich machen sollte.“ Sie entschloss sich dazu, die Sitzung zu Fall zu bringen und die Schreckensbotschaft an die anderen weiter zu geben.

„Ich kann mich noch genau an die entsetzten Gesichter in der Runde erinnern“, sagt die 64-Jährige. In der Nachrichtenzentrale der Bezirksregierung habe sie 30 Minuten lang wie gebannt auf die Monitore geschaut, ohne zu merken, dass sie in ihren Händen immer noch ihre schwere Aktentasche hielt. „Ich fand zum ersten Mal im Leben für diesen Tag keinen Kontext“, sagt die Literaturwissenschaftlerin, die bis 2008 Leiterin der Programmabteilung der Stiftung Niedersachsen war.

„Wir waren so sehr von unserer Unverwundbarkeit überzeugt und waren zu gelassen in vielen Dingen“, führt sie weiter aus. „Ab dem 11. September 2001 und in der Folgezeit haben wir unsere Unschuld verloren und sind beinah paranoid geworden.“ In fast biblischem Ausmaße sei der Esprit des amerikanischen Volkes eingeschnitten worden. „Dies war das Pearl Harbor unserer Generation.“ An den 9. September würden sich die Amerikaner genauso erinnern, wie an den Tag, als Kennedy erschossen wurde.

Ralph Hirsch weiß genau, wie es vor Ort um die Twin Tower aussah, war er doch jahrelang in den USA als Städteplaner tätig gewesen. Der 78-jährige Amerikaner hielt sich zur Tatzeit in Philadelphia auf. „Da mein Bruder in New York arbeitet, war ich sehr besorgt um ihn und rief ihn gleich an. Erst am Abend erreichte ich ihn endlich: Es ging im gut“, erzählt Hirsch, der 1986 nach Celle kam. Zwei Tage lang habe er nach diesem Ereignis vor dem Fernseher gesessen. „Das war einer der schlimmsten Tage meines Lebens, den ich nie vergessen werde. Anfangs sah es wie ein schlechter Hollywood-Film aus, doch es war tödlicher Ernst.“

Von Rebekka Schrimpf