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Cellerin Celine Wedderin macht Ausbildung zu Ergotherapeutin

10:32 02.12.2020
Von Benjamin Behrens
Celine Wedderin (rechts), Auszubildende zur Ergotherapeutin und Mara Backhaus zeigen verschiedene Arbeitsmittel. Das Vier-Gewinnt als 3D-Version übt Hand-Augen-Koordination, räumliches Denken und auch Eigenschaften wie Geduld und Konzentration.
Celine Wedderin (rechts), Auszubildende zur Ergotherapeutin und Mara Backhaus zeigen verschiedene Arbeitsmittel. Das Vier-Gewinnt als 3D-Version übt Hand-Augen-Koordination, räumliches Denken und auch Eigenschaften wie Geduld und Konzentration. Quelle: Benjamin Behrens
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Langsam und kontrolliert bewegt Celine Wedderin den Finger. Strecken, beugen, Wiederholung. Massageöl auf der Hand macht die Bewegung noch etwas fließender, als die Auszubildende zur Ergotherapeutin die Hand von Mara Backhaus massiert. Handwerkszeug, das Wedderin hier bei der 14-Jährigen anwendet, aber sonst auch im Therapiealltag einsetzt.

Patienten aus allen Bereichen und Altersgruppen

„Wir unterstützen und begleiten Menschen jedes Alters, die schon Einschränkungen haben oder bei denen es darauf hinausläuft“, sagt Wedderin. „Wir behandeln in allen Bereichen und Altersgruppen, zum Beispiel auch in der JVA“, ergänzt Backhaus.

Celine Wedderin, Auszubildende zur Ergotherapeutin, demonstriert verschiedene Mobilisationstechniken an der Hand. Quelle: Benjamin Behrens

Ein junger Mann, der nach einem Autounfall seinen Arm nicht mehr richtig bewegen kann. Eine ältere Dame, die nach einem Schlaganfall wieder einen Lippenstift benutzen können möchte. Der Junge im Grundschulalter mit ADHS, der Tagesstruktur erlernen und weniger impulsiv sein will. Sie alle kommen in die Praxis Backhaus und werden von Wedderin und unter den Augen ihrer Ausbilderin Mandy Backhaus behandelt.

Handwerk im doppelten Sinn

„Es ist wirklich ein Handwerk, wie man das kennt, mit Holz, Korbflechten, Tonarbeiten, Stricken, Makramee, Häkeln“, zählt Backhaus auf. „Das sind Grundvoraussetzungen, wenn man eine Praxis eröffnet. Es müssen ein Webrahmen, eine Werkstatt und auch eine Küche vorhanden sein, weil wir auch kochen mit den Patienten“, so Backhaus.

In der Praxis von Mandy Backhaus absolviert Celine Wedderin ihre Pädiatrie-.Praxisphase Quelle: Benjamin Behrens

Laien wundern sich vielleicht über diese Arbeitsmittel in der Therapie. Doch ein Blick auf die Herkunft des Begriffs Ergotherapie gibt schon einen Hinweis, wo der Ansatz ist: Érgon, griechisch für „Werk“ oder „Arbeit“, und Therapeía, zu Deutsch „Dienst“ oder „Behandlung“.

Das Glasperlenspiel? Mit den bunten Steinchen lassen sich Zahlen üben. Quelle: Benjamin Behrens

Beruf braucht Nähe zum Patienten

Neben der Mobilisation von Gliedmaßen oder Körperteilen gehören auch andere Arbeitsmittel dazu. In der Werkstatt werden Fingerfertigkeit und Konzentration durch Korbflechten geschult. Ein Behälter mit bunten Glassteinchen lässt sich für Zahlen-Übungen nutzen, die einem Kind mit Rechenstörung helfen.

Das Glasperlenspiel? Mit den bunten Steinchen lassen sich Zahlen üben. Quelle: Benjamin Behrens

Trotz aller Corona-Maßnahmen erfordert der Beruf also sehr viel Nähe zum Patienten und eine soziale Ader. Letztere war es auch, die die 21-Jährige auf den Weg brachte. „Meine Mama ist Erzieherin, dadurch bin ich so ein bisschen in die soziale Schiene gerutscht. Eine Bekannte hat in dem Bereich gearbeitet, da hab' ich auch schon mal reingeschnuppert“, berichtet die angehende Ergotherapeutin im dritten Ausbildungsjahr. Zu den Patienten zählen nicht nur Erwachsene, sondern immer wieder Kinder. Auch das passt. „Ich habe auch schon Kinder trainiert im Fußball und Handball und ohnehin gerne mit Menschen zu tun. Von daher war das der perfekte Beruf“, ist sich Wedderin sicher.

Celine Wedderin, Auszubildende zur Ergotherapeutin, demonstriert verschiedene Mobilisationstechniken an der Hand. Quelle: Benjamin Behrens

Ausbildung bereitet auf Anforderung des Jobs vor

Den Willen zur Nähe braucht es und manchmal ein dickes Fell. Menschliche Schicksale gehen nahe und sollten nach Feierabend nicht noch im Kopf herumgehen. Bei autistischen Kindern etwa ist der Zugang nicht immer leicht. „Man darf sie zum Beispiel nicht einfach anfassen, das ist für sie ein ganz schlimmer Übergriff“, erläutert Backhaus. Als Reaktion kann es zu Schreien, Beißen, Kratzen oder anderen Gewaltausbrüchen kommen.

Celine Wedderin zeigt einen sogenannten "Soma-Würfel", das 3D-Puzzel eignet sich für verschiedene Therapien. Quelle: Benjamin Behrens

Auf diese Ansprüche bereitet die umfassende Ausbildung vor. „Das erste Ausbildungsjahr ist eigentlich nur theoretisch. Im zweiten Halbjahr geht es in die praktische Ausbildung, wo wir dann die verschiedenen Bereiche durchlaufen, also Pädiatrie, Neurologie, Psychiatrie und Arbeitstherapie“, zählt Wedderin auf. Die entsprechenden Phasen werden etwa in Krankenhäusern, Behindertenwerkstätten oder Kliniken absolviert. Die Pädiatrie, also Kinderheilkunde, absolviert die Auszubildende in der Praxis Backhaus.

Der Abschluss ist staatlich anerkannt. Das erste Ausbildungsjahr besuchen 15 Schüler an den BBS 3, das zweite 17 und das dritte 16.

Der Bewegungsraum bietet eine Vielzahl von Therapiemöglichkeiten. An den Haken an der Decke lassen sich etwa Hängematten befestigen - oder Boxsäcke. Quelle: Benjamin Behrens

Nachgefragt bei Julia Apken und Kerstin Ulrich-Bird

Julia Apken und Kerstin Ulbrich-Bird leiten den Bildungsgang Ergotherapie der Berufsbildenden Schulen 3 in Celle zusammen.

Julia Apken (Foto links) und Kerstin Ulbrich-Bird (Foto rechts) leiten den Bildungsgang Ergotherapie der Berufsbildenden Schulen 3 in Celle zusammen. Quelle: BBS 3

Wie lange dauert die Ausbildung zur Ergotherapeutin?

Die Ausbildung dauert drei Jahre.

Worum geht es im schulischen Teil?

Der schulische Teil der Ausbildung bildet den theoretischen Grundstock
der ergotherapeutischen Arbeit. Die vier ergotherapeutischen Lernfelder
spiegeln die große Bandbreite der Arbeits- und Einsatzmöglichkeiten von Ergotherapeuten wider. Die Schüler erwartet neben medizinischen Anatomie/Physiologie sowie zum Beispiel Neurologie und Pädiatrie) und pädagogisch-psychologischen Inhalten die ergotherapeutischen Grundlagen und Behandlungsmethoden. Zu den ergotherapeutischen Inhalten gehören
zum Beispiel der Einsatz von ergotherapeutischen Modellen und Konzepten mit den dazugehörigen Befundinstrumenten sowie die ergotherapeutischen Behandlungsmethoden. Einen Schwerpunkt der ergotherapeutischen Arbeit und
somit auch in der Ausbildung bildet die betätigungsorientierte und alltagsnahe
Behandlung von Klienten.

Wie gliedert sich die Ausbildung?

Im ersten Jahr der Ausbildung besuchen die Schülerinnen und Schüler
bis auf einen fünfwöchigen Praxiseinsatz die Schule. Der erste Praxiseinsatz
dient der Orientierung im Arbeitsfeld von Ergotherapeuten. Das erste Halbjahr des zweiten Ausbildungsjahres fndet erneut in der Schule statt. Ab dem zweiten Halbjahr gehen die Schüler für vier Blöcke à zehn Wochen in die praktische Ausbildung. Hierbei durchlaufen sie verschiedene Bereiche und werden dabei von Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten vor Ort angeleitet. Zum zweiten Halbjahr des dritten Ausbildungsjahres kommen die Schüler zurück in die Schule, um
sich hier vornehmlich auf die anstehenden Abschlussprüfungen vorzubereiten.
Die Abschlussprüfung zum staatlich anerkannten Ergotherapeuten setzt sich aus drei mündlichen, drei schriftlichen und zwei praktischen Anteilen zusammen.

Wem würden Sie die Ausbildung empfehlen?

Die Ausbildung eignet sich für Schüler, die grundsätzlich am Menschen interessiert
sind, kontaktfreudig sind und sich gut in andere Menschen hineinversetzen können. Wenn sie dazu noch Freude an Kreativität, dem eigenen Denken, Planen und Durchführen von Therapien und außerdem Interesse an biologischen Vorgängen des
Menschen haben, ist die Ergotherapieausbildung für sie die richtige Wahl.

Wie sind die Aussichten auf dem Arbeitsmarkt?

Die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sind sehr gut. Alle unsere Schüler fnden im Anschluss an die Ausbildung einen Arbeitsplatz. Unter anderem durch die älter werdende Gesellschaft werden immer mehr Therapeuten gebraucht und -stellen
geschafen. Aber es gibt auch zahlreiche Weiterbildungsmöglichkeiten.
So bietet unsere Schule zum Beispiel schon während der Ausbildung eine Kooperation zur Hochschule für angewandte Wissenschaft (HAWK) in Hildesheim an. Durch diese Kooperation haben Schüler mit einer Hochschulzugangsberechtigung die Möglichkeit, schon während der Ausbildung ein Bachelor-Studium „Ergotherapie“ zu beginnen, welches sie nach der Ausbildung im Vollzeitstudium beenden

Ergotherapeuten

Was macht man in diesem Beruf?

Ergotherapeuten beraten und behandeln Personen, die durch eine Erkrankung, zum Beispiel einen Schlaganfall, oder durch eine Behinderung in ihrer Selbstständigkeit beeinträchtigt sind. Auch Kinder und ältere Menschen, die beispielsweise motorische Schwierigkeiten aufweisen, zählen zu ihren Patienten. Nach individuell erstelltem Behandlungsplan üben sie mit ihnen je nach Bedarf zum Beispiel grundlegende Fertigkeiten wie Essen, Waschen, Ankleiden, Schreiben oder Einkaufen. Bei anderen Patienten trainieren sie die Grob- und Feinmotorik, die Orientierungs- und Konzentrationsfähigkeit oder den Umgang mit Hilfsmitteln und Prothesen. Sie geben Anregungen und Anleitungen zur Gestaltung des Arbeitsplatzes, zur Arbeit im Haushalt oder zur Planung des Tagesablaufs. In den Therapieplan beziehen sie auch die Angehörigen und das Umfeld der Patienten mit ein. Durch die Therapie streben sie an, den Patienten ein möglichst selbstständiges Leben beziehungsweise eine Teilnahme am Arbeitsleben zu ermöglichen.

Wo arbeitet man?

• in Krankenhäusern und Kliniken

• in Gesundheitszentren

• in sozialen Einrichtungen und Heimen

• in Praxen für Ergotherapie

• in pädagogischen Einrichtungen wie Sonderschulen und Frühförderzentren

Arbeitsorte:

• in Behandlungsräumen

• in Patientenzimmern

• in Patientenwohnungen und Räumen von Betreuungseinrichtungen

• in Turn- und Sporthallen

• in Werkräumen

• am Arbeitsplatz von Patienten

• im Freien

• im Büro

Welcher Schulabschluss wird erwartet?

Für die Ausbildung wird in der Regel ein mittlerer Bildungsabschluss vorausgesetzt. Die Berufsfachschulen wählen Bewerber nach eigenen Kriterien aus.

Anforderungen:

• Pädagogische Fähigkeiten und Kommunikationsfähigkeit (zum Beispiel für das Anleiten und Motivieren von Patienten, für das Erläutern von Therapieplänen)

• Einfühlungsvermögen und Kontaktbereitschaft (zum Beispiel Erkennen der Wünsche und Bedürfnisse der Patienten, Zugehen auf neue Klienten)

• Geschicklichkeit und Auge-Hand-Koordination (zum Beispiel für handwerklich-gestalterische Techniken, beim Unterstützen des Bewegungsfunktionstrainings von Patienten)

• Durchhaltevermögen und psychische Stabilität (zum Beispiel bei langwierigen Therapien, für das Wahren der professionellen Distanz)

Schulfächer:

• Biologie (zum Beispiel um Aufbau und Anatomie des menschlichen Körpers zu verstehen)

• Werken (zum Beispiel beim Anwenden von handwerklichen und gestalterischen Techniken)

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