Celle

Kampf gegen das Elend in Moria

Er wollte nicht zusehen, sondern helfen: So hat der Celler Yannick Tahn das Elend im griechischen Flüchtlingslager Moria erlebt.

  • Von Michael Ende
  • 07. Nov 2020 | 09:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
  • Von Michael Ende
  • 07. Nov 2020 | 09:00 Uhr
  • 14. Jun 2022
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Celle.

Yannick Tahn war an einem der schlimmsten Orte, die man sich in Europa vorstellen kann, hat erlebt, was man sich nicht vorstellen mag. "Wenn man von zweijährigen Kindern um Essen, Trinken, Kartons oder Plastikboxen oder von Erwachsenen um Müllbeutel angebettelt wird, das macht einen traurig", sagt der Celler. Erlebt hat er Szenen wie diese im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos, wo er als Helfer versucht hat, die schlimmste Not zu lindern. Anders als die Tausenden von Migranten, die dort gestrandet sind, konnte Tahn Moria verlassen. Mitgebracht hat er den Wunsch, dass den Menschen, die unter unwürdigen Verhältnissen dahinvegetieren müssen, geholfen wird – auch in Celle.

Student wird Volunteer

Tahn hat 2015 sein Abitur am KAV-Gymnasium gemacht und danach ein duales Studium der Sozialen Arbeit absolviert. Sein Praxisbetrieb war das Jugendamt des Landkreises Celle. Nachdem er dort anschließend ein Jahr als Sozialarbeiter tätig war, studiert er nun im Master Sozialpolitik und -management in Innsbruck. Tahn war in der Celler SPD aktiv, unter anderem als Juso-Vorsitzender sowie stellvertretender Ortsvereinsvorsitzender. Seinen 23. Geburtstag hat er auf Lesbos gefeiert. Er hatte sich freiwillig gemeldet, um im Lager Moria mit einer unabhängigen Non Governmental Organization (NGO) humanitäre Hilfe zu leisten. "Die NGO Eurorelief, über die ich gegangen bin, war in Teilen des Lagers für das Housing zuständig, also: Registration, Unterbringung, Verwaltung der Unterkünfte und Schutz von besonders bedürftigen Personen", sagt Tahn, der anreiste, als gerade der erste Corona-Fall im Lager vermeldet wurde.

Krisenhilfe für über 10.000 Menschen

"Nach einer Woche wurde ich mit negativem Test aus der Quarantäne entlassen. In den letzten beiden Nächten meiner Quarantäne ist Moria niedergebrannt. Moria, für das ich mich freiwillig gemeldet hatte, gab es also nicht mehr", erinnert er sich. Was folgte, war eine humanitäre Krise, bei der über 10.000 Menschen ihr Obdach und oft auch all ihren Besitz verloren haben. Die Situation eskalierte. Und Tahn war mittendrin: "Mein Einsatz stand damit ganz im Zeichen von Krisenhilfe, Routinen gab es auf einmal keine mehr. Ich war an unterschiedlichen Aktionen beteiligt: Vorbereitung und Durchführung von großangelegten Lebensmittel- und Hilfsgüter-Verteilungen, Errichten von Zelten im provisorischen Lager, Registration und Unterbringung der Menschen, aber auch deren psychosoziale Betreuung in emotionalen Stresssituationen."

Elend, Gewalt und Angst vor Corona

Tahn war als Volunteer, als freiwilliger Helfer, Zeuge der ersten Verteilversuche, die in regelrechte Plünderungen mündeten, hat gesehen, wie Kinder in der Sonne auf dem Asphalt schlafen und Menschen sich Duschen aus Campingzelten bauen: "Ich wurde mit einem Militärhubschrauber über Straßenblockaden gewaltbereiter Anwohner geflogen. Ich habe den Aufbau des neuen Camps von der ersten Sekunde an erlebt, war selbst an der Errichtung des ersten Zeltes beteiligt und konnte in der Folge beobachten, unter welchen Zuständen die Menschen leben mussten und noch immer müssen." Ständiger Begleiter der Arbeit war die Sorge, sich mit Covid-19 zu infizieren: " Das Virus konnte sich in der Zeit meiner Anwesenheit zunächst unkontrolliert verbreiten ." Die Zeit, sie rannte förmlich, sagt Tahn: "Nach langen Arbeitstagen blieb gerade noch Energie zum Kochen, Telefonieren, Schlafen."

Tage wie im Zeitraffer

Die Ereignisse hätten sich überschlagen – wie in einem Zeitraffer: " Moria brennt, Tausende werden obdachlos und müssen von einem Moment auf den anderen auf der Straße versorgt werden ; Einheimische zerstechen Reifen, errichten Straßensperren, wir müssen sie umfahren, mit Helikoptern überfliegen; Polizisten beschießen Familien mit Tränengas, wir haben nicht genug Wasser; wir bauen Zelte auf, kurz danach wird derselbe Bereich von Soldaten mit Sprengstoffdetektoren abgesucht; das Militär sucht nach Blindgängern, Kinder schauen dabei zu. Innerhalb von fünf Tagen wird ein Camp für 10.000 Menschen aus dem Boden gestampft. Meine NGO bringt all diese Menschen unter; wir versuchen jeden Einzelnen zu sehen, trotzdem müssen sich oft drei Familien ein Acht-Personen Zelt teilen." Tahn und seine Mit-Freiwilligen müssen den einen traurigen Satz immer wieder sagen: "Sorry, my friend – tut uns leid. Mehr können wir nicht tun."

"Menschen sind noch immer in akuter Not"

Die Lebenslage der Geflüchteten sei grausam, sie würden nicht menschenwürdig untergebracht, sagt Tahn: "Umso mehr beeindruckt es mich, wie geduldig viele Menschen sind, dass sie einen zum Essen in ihr Zelt einladen, dass Kinder auch hier Spiele erfinden und kreativ sind. Es sind genau diese Momente, die ich mir als Volunteer besonders einzuprägen versuche: Kinder, die strahlend „Head and Shoulders, Knees and Toes“ singen, Paare, die händchenhaltend durchs Camp laufen, eine selbstgebaute Babyschaukel im Vorzelt und ein Vater, der seiner Familie einen eigenen Weg zum Zelt pflastert, während die Mutter die Zeltnummer verziert." NGOs und Volunteers gäben ihr Bestes und könnten doch nur und wenn überhaupt Basisversorgung gewährleisten. "Die Menschen sind noch immer in akuter Not. Die Zelte im Nachfolgelager von Moria sind nicht winterfest, Regen setzt sie immer wieder unter Wasser. Duschen gibt es noch immer keine, zum Waschen werden Eimer verteilt. Es gibt Ausgangssperren und die Versorgung mit Nahrung und Medikamenten ist äußerst mangelhaft. Deswegen und wegen fehlender Perspektiven stößt das Lager bei Geflüchteten aber auch bei den Einheimischen gleichermaßen auf Gegenwehr."

Schwierig: Das Erlebte verarbeiten

Tahn hat in ein paar Wochen mehr menschliches Elend gesehen, als viele seiner Altersgenossen es in ihrem ganzen Leben tun werden. Seine Zeit im Hotspot gescheiterter EU-Migrationspolitik ist vorbei. Dass das Kapitel „Volunteering“ damit abgeschlossen ist, lasse sich allerdings nicht sagen, meint er: "Jetzt beginnt, was mir bereits viele andere, erfahrene Volunteers angekündigt haben: die Phase des Realisierens, des Nachdenklich-Seins und Reflektierens." Was ihn gerade am meisten beschäftigt? "Ein Gefühl tief empfundener Ungerechtigkeit, das mich bereits auf Lesbos Tag für Tag begleitet hat. Das Unbehagen über die eigene Freiheit, die anderen verwehrt bleibt." Dass Europa diesen Menschen, die ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um den vermeintlichen Hafen von Frieden und Freiheit zu erreichen, die eiskalte Schulter zeigt, kann und will Yannick Tahn nicht verstehen. Er weiß auch, welche Stadt sich weigert, zu den "sicheren Häfen" zu gehören: Celle. Der Stadtrat hatte den Antrag, wonach in Celle zwei zusätzliche Geflüchtete pro Jahr aufgenommen worden wären, Anfang 2019 mit Stimmen von CDU, FDP, Unabhängigen und AfD abgelehnt.

Moria lässt einen nicht los

Tahn muss seine Zeit in Moria noch verarbeiten: "Vieles, das man erlebt, bleibt erst mal nur schleierhaft, surreal. Man glaubt nicht, dass man gerade Zeuge von dieser oder jener Situation wird. Die Menschen so leben zu sehen, macht einen tief betroffen, traurig und wütend. Man muss aufpassen, nicht nur die schlechten Dinge zu sehen, sondern auch schöne Gesten wahrzunehmen. Tut man das nicht, frisst einen die Frustration langsam auf, und man ist nicht mehr in der Lage, den Menschen warmherzig und empathisch zu begegnen." Aktuell plant der Celler, seine Masterarbeit über Sozialarbeit in Flüchtlingslagern auf Lesbos zu schreiben: "Es könnte sein, dass ich dafür auch nochmal zurückkehre. Nach meinem Master kann ich mir gut vorstellen, in der internationalen Sozialarbeit tätig zu werden – nicht bloß ehren-, sondern auch hauptamtlich." In Innsbruck fällt der erste Schnee. Yannick Tahn blickt aus dem Fenster. Wie es jetzt wohl den Menschen in Moria geht?