Investitionsstau

Celler Straßen immer maroder

Schlaglöcher, kaputte Fahrbahndecken – auf Celler Straßen herrscht Investitionsstau. So verheerend ist der Zustand des Straßennetzes.

  • Von Gunther Meinrenken
  • 13. Feb. 2021 | 09:01 Uhr
  • 14. Juni 2022
  • Von Gunther Meinrenken
  • 13. Feb. 2021 | 09:01 Uhr
  • 14. Juni 2022
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Celle.

569 Meter Straße im Durchschnitt baut die Stadt Celle im Jahr neu. Legt man diese Zahl den notwendigen Erneuerungen des Verkehrsnetzes in der Residenzstadt zugrunde, dann wäre der gerade erst frisch umgestaltete Nordwall in sage und schreibe 645 Jahren wieder an der Reihe, also um das Jahr 2665. Normalerweise aber beträgt die Haltbarkeit einer Straße etwa 45 Jahre. Dies war nur eine der sehr erschreckenden Zahlen aus dem Straßenzustandsbericht, den der Winsener Wirtschaftsingenieur Thomas Wittor im jüngsten Verkehrsausschuss der Politik vorstellte. Das Celler Straßennetz ist in einem erbärmlichen Zustand und es wird immer schlimmer und vor allem auch teurer, die Schäden zu beheben, so das Fazit des Vortrags.

Mehr als 100 Millionen Euro notwendig

Wittor kennt die Straßen in Celle wie kaum ein anderer. Seit Jahren begleitet er die Stadtverwaltung bei der Analyse des aktuellen Zustands der Hauptstrecken und Nebenstraßen. Ins Gewissen geredet hat er dabei der Politik und der Stadt schon vor Jahren – passiert ist nichts. Jetzt hat sich ein Sanierungsberg aufgetürmt, bei dem sich jeder fragt, wie er jemals überhaupt abgebaut werden kann. Allein für die Erneuerung des Primärnetzes, also der wichtigen Hauptstraßen rechnet Wittor mit mehr als 100 Millionen Euro.

Deutlich schlechter als vor 20 Jahren

Vor 20 Jahren sah das zwar auch nicht rosig, aber dennoch deutlich positiver aus. Da wurden gerade einmal 8,5 Millionen Euro veranschlagt, um alle Schäden reparieren zu können. Zum Vergleich: Für die für nächstes Jahr geplante Erneuerung des Wilhelm-Heinichen-Rings – auch ein Projekt, das die Stadt jahrelang vor sich hergeschoben hat – werden nun 15 Millionen Euro veranschlagt. Und das nur für das Teilstück zwischen Hannoverscher Heerstraße und Birkenstraße.

Zustandswert am kritischen Punkt

"Es wird von Jahr zu Jahr geflickt, aber Verbesserungen erreichen wir damit nicht", so Wittor, der noch andere alarmierende Zahlen parat hatte. Der Durchschnitt des Straßenzustandswerts, gemessen auf einer Skala von 1 bis 5, hat sich von 2,6 im Jahr 2001 auf 3,5 im vergangenen Jahr verschlechtert und liegt damit am Rande des Eingreifwertes (3,5 bis 4,5). Ab 4,5 wird es richtig teuer. Und immer mehr Straßen drohen, in diese Kategorie zu fallen.

Stadt hat kein Geld

Die Politik nahm die Ausführungen mit Galgenhumor zur Kenntnis. "Kommen Sie ruhig mal wieder, wenn Sie bessere Zahlen haben", gab Ausschussvorsitzender Heiko Gevers (CDU) Wittor mit auf den Weg. Doch allen ist klar, dass die Stadt nicht genug Geld hat, um das Problem aus eigener Kraft aus der Welt zu schaffen.

Gespräche mit dem Land

Stadtbaurat Ulrich Kinder, der konstatierte, dass Wittor eigentlich "nichts Neues" berichtet hatte, sich die Lage allerdings "zuspitze", machte klar, dass der Straßenbau mit anderen Bereichen wie Kita und Schule um städtische Haushaltsmittel konkurriere. Der Kämmerer wisse um die Problematik, sei in Gesprächen mit dem Land. Ein Sonderinvestitionsprogramm für Straßen wäre fällig. Und Joachim Falkenhagen, Fraktionsvorsitzender der FDP, mahnte seine Ratskollegen: "Die ganze Bevölkerung lebt vom Verkehr. Wir sollten das Thema nicht aus den Augen verlieren."