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Celle Stadt Celler Helfer lernen richtigen Umgang mit Flüchtlingen
Celle Aus der Stadt Celle Stadt Celler Helfer lernen richtigen Umgang mit Flüchtlingen
20:08 14.12.2015
Celle Stadt

Gleich am Anfang kam es zu einer kleinen Diskussion. Werfen Flüchtlinge mehr Müll auf die Straße als Einheimische? Die einen meinten ja, andere nein. Ein Thema, das beim Workshop „Verstehen statt Verständnis. Arbeit mit Flüchtlingen aus Afghanistan, Syrien, Iran, Irak und Eritrea“ zur Sprache kam, zu dem die Volkshochschule Celle am vergangenen Freitag einlud. Etwa 30 ehrenamtliche Flüchtlingshelfer aus Celle und dem Umland waren gekommen, um von den Nahost-Experten Hannah Wettig und Oliver Piecha mehr über die Hintergründe der Menschen zu erfahren, mit denen sie tagtäglich zu tun haben und die sich bisweilen anders verhalten, als wir es gewohnt sind.

Erst einmal stellten die Referenten klar, dass in der Wahrnehmung auch viele Vorurteile im Spiel seien. So haben manche Deutschen die Vorstellung, Flüchtlinge würden insgesamt weniger Wert auf Sauberkeit legen, sich selten die Hände waschen oder ständig in Parks urinieren. Dabei nimmt man es mit der persönlichen Hygiene in den meisten Herkunftskulturen der Flüchtlinge genauer als hier. Da werden selbstverständlich vor dem Essen die Hände gewaschen, und eine Wohnung mit Straßenschuhen zu betreten, ist undenkbar. „Da wirkt der Europäer wie ein Barbar“ so Piecha. Was den Umgang mit Müll angehe, seien Menschen aus den Ländern des Nahen Ostens aber tatsächlich oft nachlässiger. Warum?

„Draußen ist 'Regierung'.“ Und die werde in den meisten Herkunftsländern der Flüchtlinge als schlecht wahrgenommen. Eine Bürgergesellschaft wie bei uns, wo die Menschen ihr Umfeld in den Kommunen mitgestalten können, gäbe es dort kaum. Also kümmerten sie sich auch nicht um das, was draußen ist, und beschränkten ihre Fürsorge auf die eigenen vier Wände. Was aber nicht bedeute, dass man den Menschen, wenn sie zu uns kommen, nicht auch vermitteln könne, dass es hier anders ist. Piecha: „Kultur ist nie statisch und Wandel möglich.“

Wandel, den gebe es auch innerhalb der Gesellschaften des Nahen Ostens. Viele, vor allem junge Menschen, lehnen sich gegen staatliche Unterdrückung, aber auch Beschränkungen durch traditionelle Familienstrukturen auf, wo sich zum Beispiel ein jüngerer Bruder dem älteren unterordnen müsse. Auch bekämen die Frauen heute weniger Kinder als früher. Ehrenamtliche sollten sich also bewusst sein: Nicht nur die Herkunftskultur, Religion und politischen Verhältnisse in der Heimat bestimmen das Denken und Handeln eines Syrers oder einer Irakerin, sondern auch die Generation, der er oder sie angehört.

Wie nun aber mit Unterschieden umgehen, denen wir im Alltag begegnen? Ein Patentrezept dafür hatten auch die beiden Referenten nicht. Ein paar Tipps gaben sie den Ehrenamtlichen aber doch mit auf den Weg. Erstens: Behandeln Sie Flüchtlinge nicht anders als andere Ausländer, zum Beispiel einen amerikanischen Austauschschüler oder einen polnischen Professor. Zweitens: Setzen Sie nichts voraus, weder im Positivem noch im Negativen. Es kann immer anders sein, als man denkt. Drittens: Fragen Sie: Warum machst du das so? Wie ist das bei euch? Viertens: Sagen Sie ruhig Ihre eigene Meinung. Fünftes: Ziehen Sie Grenzen: Wenn Sie eine Grenze verletzt sehen, fragen Sie erst, was dahinter steckt oder fordern freundlich ein anderes Verhalten.

Und wie können wir nun das „Müllproblem“ angehen? Den Wohnungsbegriff allmählich erweitern, lautete die Idee einer Arbeitsgruppe. Auf Nachbarschaft, Viertel, Kommune, Land und irgendwann die ganze Welt.

Von Sonja Richter